Haben Sie es auch schon gemerkt? Es wird irgendwie ein kleines bisschen schöner in Berlin. Wirklich. Ganz früh morgens zum Beispiel, noch bevor die Sonne hinter der deprimierend dichten Wolkendecke aufgegangen ist, fangen die Vögel an zu singen.
Verheißungsvoll milde vier bis sechs Grad legen sich über die Stadt – und sind sogar spürbar, wenn sie gerade nicht von diesem eisigen Wind durchschnitten werden, der einen bibbern lässt wie eine Tiefkühlgans.
Und seit vergangenem Sonntag ist es dann ja auch im Kalender so weit: Frühlingsanfang! Nach dieser langen Durststrecke durch eklig nasskaltes Einheitsgrau: immerhin. Lange halten wir das alles auch nicht mehr aus.
Eine Zeit des Aufbruchs und des Neuanfangs
Ach Sonne, ich freu mich so auf dich – wenn du denn irgendwann auch mal kommst. Ostern, so munkelt man, könnte es ja so weit sein. Ich finde: Der Frühling ist die schönste Jahreszeit in Berlin. Nicht so betonheiß und stickig wie der Sommer und nicht so vor Vergänglichkeit triefend wie der Herbst. Es ist eine Zeit des Aufbruchs und des Neuanfangs.
Passend dazu wird am heutigen Mittwochabend endlich auch die wirklich allerallerletzte Folge der RTL-Kuppelshow „Der Bachelor“ gesendet – haben wir das also auch geschafft. Die letzte rote Rose ist verteilt, endlich können wieder Tulpen und Narzissen blühen.
Vor unserer Redaktion am Neuen Kranzler Eck am Kudamm haben sie vor einiger Zeit sogar ein paar kleine Stiefmütterchen in riesige Betonkübel gepflanzt. Die Blümchen sehen noch ein bisschen mickrig aus, und wenn mal wieder eine dieser martialisch-kalten Böen über sie hinwegfegt, haben sie wahrscheinlich fast so etwas wie Todesangst und krallen sich mit ihren kleinen Wurzeln in der Erde fest.
Wesentlich mutiger war da der Mann, den ich vor wenigen Tagen mit kurzer Hose und T-Shirt von einem Fahrrad steigen sah, während ich morgens dann doch noch mal mit dem dicken Wintermantel statt dem neuen Übergangstrenchcoat zur Arbeit gegangen bin.
Streifen machen gute Laune - seit wann das denn?
Klamottentechnisch herrscht zu dieser Jahreszeit in Berlin ja sowieso grundlegende Verwirrung. Nicht nur wegen der Entscheidung zwischen der Offenlegung noch unansehnlich kalkiger Hautstellen und dem kapitulierenden Griff zur Daunenjacke.
Sondern auch wegen sogenannter Frühlingstrends, die auch jetzt wieder gnadenlos über uns hereinbrechen. Zum Beispiel dieser hier: bunte Streifen. „Die machen gute Laune“, schreibt die „Cosmopolitan“. Hui. Total supi, vor allem, wer noch etwas Winterspeck mit sich herumträgt, führt beim Anblick von Streifen einen regelrechten Freudentanz auf.
Dann laut „Brigitte“: Tennismode. Und zwar die der 60er- und 70er-Jahre. Weiß ist ja auch so eine Farbe, die an ungebräunten Beinen immer besonders schick aussieht.
Und „Focus Online“, was mir bislang nicht wirklich als starke Stimme in Sachen Mode und Stil bekannt war, legt der Damenwelt in diesem Jahr Lingerie-Kleider – also Unterwäsche – ans Herz und verkündet freudig: „Richtig kombiniert sind Ihnen damit alle Männerblicke sicher!“ Und wenn man nicht zufällig Giselle Bündchen oder Toni Garrn heißt, wahrscheinlich auch die leicht irritierten Blicke sämtlicher anderer Leute. Toll.
In Querstreifen ans Spreeufer
Vielleicht ist es also ganz gut, dass es noch ein bisschen kühler ist. Auch für die S-Bahn, die ja einem alten Berliner Witz zufolge vier natürliche Feinde hat: Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Sieht man von der aktuellen Baustelle auf dem Ring ab, läuft in dieser komischen Zwischenzeit zwischen Nichtmehrwinter und Nochnichtfrühling eigentlich alles ganz gut.
Und vor noch mehr schützt uns die allgemeine Diesigkeit: Die Reichstagskuppel muss nicht wegen Saunatemperaturen geschlossen werden. Der Asphalt auf Straßen und Autobahnen platzt nicht unter der sengenden Sonne auf. Und das Spreeufer hat man zum Chillen noch ganz für sich allein.
So allein, dass man sich dort sogar in Querstreifen und Unterwäschekleidern hinlegen kann.

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