In der vergangenen Woche habe ich über die Jogginghose geschrieben. Also darüber, dass sie im Berliner Stadtbild verbreiteter ist als anderswo – und dass das eigentlich auch völlig okay so ist. Ich habe auf diese Kolumne viele Reaktionen bekommen. Die Jogginghose scheint ziemlich viele Menschen ziemlich intensiv zu bewegen. Sie ist sozusagen ein ähnlich brisanter Diskussionsstoff wie die AfD oder die Flüchtlingskrise. Jeder hat eine Meinung zu ihr.
Ich werde jetzt niemanden outen, aber selbst einige meiner Kollegen haben sich in den vergangenen Tagen verschwörerisch zu mir herübergebeugt. „Als ich den Text gelesen habe, hatte ich auch eine Jogginghose an“, raunte einer zu mir. Und ein anderer: „Wenn ich von der Arbeit nach Hause komme, ziehe ich auch als Allererstes meine Jogginghose an.“ Ich muss gestehen, bei mir ist das ganz ähnlich. Aus eigener Erfahrung weiß ich deshalb, dass eine Jogginghose, so obergemütlich und praktisch sie auch sein mag, auch handfeste Nachteile mit sich bringt.
Der größte ist, dass man sich immer tot stellen muss, sobald es unerwartet an der Tür klingelt und man sich nicht in der Schluffiklamotte präsentieren will. Besonders misslich ist das, wenn es sich um den Postboten handelt, der das langersehnte Paket bringt. Ich glaube zwar, dass Boten schon die unmöglichsten Dinge in Berliner Wohnungen gesehen haben – trotzdem würde ich mich genieren, einem im Schlabbermodell von 1986 die Tür aufzumachen.
Nachteil Nummer zwei: Man merkt wegen des Gummizugs nicht sofort, wenn man kulinarisch über die Stränge geschlagen hat. Das ist besonders tückisch – jedenfalls dann, wenn man nach einem Fressmarathon wieder in seine normale Kleidung passen will.
Das Herzstück der Knastuniform
In der „Süddeutschen Zeitung“ las ich sogar eine regelrechte Schmähkritik der Jogginghose. Gut, die „SZ“ kommt aus München, das muss man wissen. Dennoch: Die Jogginghose habe sogar einen kriminellen Nimbus, hieß es da. Polizeiberichte, Phantombilder und die Krimishow „Aktenzeichen XY ungelöst“ würden bezeugen: Wer etwas Übles im Schilde führe, greife vorher „wie ferngesteuert“ nach ihr. Und, was mir nicht klar war: „In vielen Strafanstalten ist die Jogginghose heute Herzstück der Knastuniform, im Berliner Jugendgefängnis zum Beispiel und in den Staaten sowieso.“ Oh Gott.
Weil ich das nicht glaube, habe ich eine Feldstudie betrieben und in meiner Mittagspause am Kudamm die Jogginghosenmode sondiert. Es heißt ja, der Kudamm sei der Laufsteg für die West-Berliner Upperclass – also genau der richtige Ort für diesen Zweck. Interessant fand ich, dass das schwarze Modell von Adidas mit der weißen Knopfleiste an der Seite seit der Zurschaustellung durch Boygroups Anfang der 90er-Jahre offenbar nicht aus der Mode gekommen ist. Es wird nach wie vor von Halbstarken zwischen 15 und 25 Jahren spazieren getragen.
Hipster mit Boot, Vollbart und Jogginghose
Die Zielgruppe gewechselt hat dagegen die hellgraue Baumwoll-Jogginghose – ebenfalls ein Klassiker. Während sie früher vom Sofaritter mit Bierbauch angezogen wurde, sind es heute Hipster, die das Teil mit Boots und Vollbart kombinieren. Frauen wählen dagegen mittlerweile eher seltener das einst so angesagte pinke Flanell-Modell à la Cindy aus Marzahn mit glitzerndem „Juicy“-Print auf dem Hinterteil – sondern eher eine Satin-Jogginghose in Schwarz, die mit High Heels ausgeführt wird. Ich bin ziemlich sicher: Berlin ist nicht nur Hauptstadt, sondern sogar ein Mekka der Jogginghosenträger.
Allzu viel darf sich die Hauptstadt aber wohl trotzdem nicht auf die Sache einbilden. Bei Facebook, wo ebenfalls über die Jogginghose diskutiert wurde, warf ein Nutzer Berlin sinngemäß vor, modetechnisch völlig hinter dem Mond zu leben. Im Ruhrpott, wo er herkomme, würde man schon immer jeder zu jeder Gelegenheit Jogginghose tragen, seit Jahren schon. Da sei das gar nicht neu. Liebe Leute, Berlin hat einen Ruf zu verlieren! Morgen gehen wir alle in Jogginghose zur Arbeit, okay?

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