Als Berliner muss man im Alltag manchmal unschöne Aufgaben bewältigen. Für mich gehört die Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs dazu, vor allem, wenn die Fahrt sich wieder mal anfühlt, als wäre man in einem Viehtransporter. Andererseits ist es aber noch unschöner, mit dem Auto durch verstopfte Straßen zu kriechen. Grüne Ampeln gibt es nicht. Parkplätze auch nicht. Nirgends. Im Grunde ist es eine Wahl zwischen Pest und Cholera.
Seit ich in Berlin lebe, habe ich die meisten meiner Wege mit der Linie U2 zurückgelegt. Ich bin nicht gut in Mathe, aber wenn ich es grob überschlage, habe ich schon deutlich mehr als einen Monat meiner bisherigen Lebenszeit in dieser U-Bahn verbracht.
Die U2 ist quasi mein zweites Zuhause. Ich esse in den Waggons, trinke, ruhe aus, lese. Natürlich ein Buch, denn Internet und Handynetz hat man in den Tunneln ja nicht. Kompliment, U2. Wenn man so will, bist du meine Chill-out-Area. Und dies ist eine Liebeserklärung an dich.
Ein Spruch vom U-Bahn-Fahrer
U2, allein dein Name. Du bist die Linie, die wie eine supercoole Rockband heißt. Okay, die ewige Weltverbesserei von Bono ist manchmal nervig. Aber im Großen und Ganzen ist er ein dufter Typ. Star-Linie wurdest du im Frühjahr sogar genannt, als, nun ja, Promis wie Frank Zander oder Franzi van Almsick die Stationen ansagten. Sängerin Anastacia war an der Stadtmitte dran. Die ersten 38 Mal habe ich mich zu Tode erschreckt, wenn ihre Stimme wie ein Zahnarztbohrer in Presslufthammerlautstärke „Heelllooo“ durch die Lautsprecher rief. Beim 39. Mal gewöhnte man sich daran. Nur unvorbereitete Touristen zuckten noch panisch zusammen.
Ach, U2, wir hatten schon viele lustige Momente miteinander. Im vergangenen Winter etwa, draußen war es kalt und die Luft roch nach Schnee, drängelten die Menschen am Mendelssohn-Bartholdy-Park so sehr, dass der Zugführer eingreifen musste: „Liebe Fahrgäste, diese U-Bahn ist kein Adventskalender. Sie können alle Türen gleichzeitig öffnen und benutzen.“ Das Wunder der Weihnacht geschah: Genervte wurden fröhlich, mitten im Gedränge breitete sich schmusige gute Laune aus. Dass die meisten den Spruch schon 100 Mal gehört hatten – geschenkt.
Du, U2, verbindest die Menschen eben miteinander. In Pankow steigen die Omis ein, an der Eberswalder Straße die Hipster – und die Möchtegern-Schickeria mit gefälschter Prada am Wittenbergplatz. Wer am Samstagabend Richtung Osten fährt, tut dies mit fußballtaumelnden Hertha-Fans, die den Waggon so sehr in eine Sauna verwandeln, dass biergetränktes Kondenswasser die Scheiben herunterperlt.
Schweiß und Alkohol hängen noch immer als ferne Erinnerung in der warmen Luft, wenn etwas später die Herrschaften mit dem Programmheft der Deutschen Oper unter dem Arm nach Hause fahren. Am Potsdamer Platz stoßen aufgekratzte Elftklässler aus Castrop-Rauxel dazu, die sich als Highlight ihrer Berlinfahrt von der Blue Man Group mit Farbe haben bespritzen lassen. Turandot und Teen Spirit – nirgendwo liegt beides näher zusammen als hier.
360.000 glückliche Fahrgäste am Tag
Liebe U2, du bist ein guter Freund. Klar, auch du kommst manchmal zu spät, hier und da sackt mal ein Tunnel ab. Aber hey, guck dir mal die S-Bahn an, die kommt fast nie. 360.000 Menschen fahren deshalb jeden Tag mit dir, bei der BVG ist man stolz auf dich wie auf ein strebsames Kind. „Die U2 ist eine unserer guten Linien“, sagt die Sprecherin der Berliner Verkehrsbetriebe. Bei meinem nächsten Anruf muss ich sie unbedingt fragen, wofür das G bei BVG eigentlich stehen soll.
Was mich noch interessiert: Ist eigentlich jemals ein Mensch am Hausvogteiplatz ein- oder ausgestiegen? Warum werden Kurzzüge nur in der Rush Hour eingesetzt? Und dürfen die Musiker auch etwas anderes als „Hit the Road Jack“ spielen? Sorry, U2, ein wenig muss ich doch meckern. Ohne geht es nicht, das hat Berlin aus mir gemacht. Bono würde es sicher auch so gehen. Wie wärs eigentlich, wenn der bald mal die Ansagen macht?



