Noch immer legen die Menschen Rosen nieder. Zünden Kerzen an. Sprechen flüsternd ein Gebet. Ganz nah ist der Schmerz, hier am Pariser Platz vor dem Brandenburger Tor. Und unendlich groß das Mitgefühl.
129 Menschen sind gestorben. Mehr als 350 wurden verletzt. Und auch am Dienstag, dem vierten Tag nach den sinnlosen und so brutalen Anschlägen in Paris, hört das Blumenmeer vor der Französischen Botschaft nicht zu wachsen auf. „Wir werden euch nie vergessen“, lese ich auf vielen Plakaten und Briefen, die hier abgelegt wurden. Und: „Dies ist nicht nur ein Angriff gegen Paris, dies ist ein Angriff gegen die Freiheit.“ Dazwischen ein Kondolenzbuch, dessen Seiten vom Regen nass und wellig sind. Drei Worte stechen immer wieder heraus, in vielen Sprachen notiert: Liebe. Frieden. Solidarität.
Berlin trauert. Berlin hält zusammen. Berlin ist mit Paris. Es ist eine beruhigende und auch schöne Erkenntnis, dass in dieser Stadt der unbegrenzten Möglichkeiten und der Individualität immer auch ein Gemeinschaftsgefühl entstehen kann. Und dass Berlin das Trauma nicht verdrängt, nicht hasst. Sondern voller Hoffnung ist: „Wir lassen uns nicht zum Schweigen bringen. Ich werde keine Angst haben. Ich werde lieben“ – auch das steht auf einem Plakat, das jemand vor der Französischen Botschaft abgelegt hat.
Das subjektive Sicherheitsgefühl hat gelitten
Die Anschläge von Paris haben uns ein weiteres Mal gezeigt, wie verletzlich unser Leben ist – und vor allem: unsere Art zu leben, das wurde richtigerweise immer wieder betont. Berlin und Paris sind sich ja nicht nur geografisch und politisch nahe, sondern auch in ihrem gemeinsamen weltoffenen Geist.
Berlin ist eine Stadt der Freiheit. Historisch, weil sie Diktaturen und Grenzen überwunden hat. Vor allem aber, weil sie für Toleranz und ein Nebeneinander von Lebensentwürfen steht wie kaum eine andere Metropole der Welt. Viele junge Menschen wollen deshalb hier leben. Fast 50.000 Zuzügler waren es im vergangenen Jahr.
Natürlich – und das ist auch die Botschaft der Menschen aus Paris – müssen wir stark bleiben. Mutig. Hoffnungsvoll. Um der Freiheit willen, die wir so lieben. Und dennoch: Das subjektive Sicherheitsgefühl hat sich für einen kurzen Moment verändert. Die diffuse Sorge, dass vielleicht doch irgendwann auch hier etwas passieren könnte, schwingt in den Tagen nach einem solchen Attentat mit. Bahnhof Zoo, Friedrichstraße, Alexanderplatz: alles voller Menschenmassen. Und alles wie immer. Trotzdem drehen sich in der S-Bahn alle um, als plötzlich ein Hartschalenkoffer mit lautem Klatschen auf den Boden kippt. Trotzdem fühle ich mich unwohl, weil es jetzt nötig ist, dass Polizisten am Hauptbahnhof mit Maschinenpistolen bewaffnet sind.
Die Anspannung entlädt sich, die Nervosität findet ihr Ventil. Gleich sieben Mal sorgten herrenlose Taschen am Wochenanfang in Berlin für Sperrungen und Großalarm. Besorgte Menschen riefen die Polizei. An normalen Tagen ist so etwas allenfalls eine kleine Meldung wert. Am Montag war es Stadtgespräch.
Lachen, Spaß haben, weiter leben
Die Konsequenz kann trotzdem nur sein, genau so weiterzuleben wie bisher. Ins Kino zu gehen, zu Konzerten, ins Restaurant, zu Fußballspielen. In Berlin immer wieder unsere offene Gesellschaft und das freie Leben zu feiern, so abgedroschen es vielleicht klingen mag. Auch am Pariser Platz. Nur 20 Meter von Rosen, Kerzen und Trauernden entfernt knipsen Touristen mit „I Love Berlin“-Pullover fröhlich ihr Selfie vor dem Brandenburger Tor. Sie lachen, haben Spaß, das Leben geht weiter. Und das ist auch völlig okay.
David zum Beispiel hat das ziemlich gut erkannt. Er ist ein kleiner Junge, der mit Buntstiften die französische Flagge, die Trikolore, auf eine Postkarte gemalt hat, die hier zwischen all den Blumen liegt. In krakeliger Kinderschrift steht daneben: „Freiheit ist Freiheit und Freiheit ist für die ganze Welt.“ Genau so sollte es sein.





