Es gibt eigentlich nur zwei Dinge, die die Menschheit niemals verstehen wird: Das eine ist selbstverständlich die Liebe in ihrer allumfassenden Kompliziertheit. Das andere ist der Humor. Ich zum Beispiel finde Flachwitze zum Schreien komisch und entschuldige mich schon im Vorfeld für diesen hier: Was ist krumm, gelb und schwimmt auf dem Müggelsee? Eine Schwanane. Es gibt natürlich auch Menschen, die so etwas völlig bescheuert finden. Das ist dann aber auch okay.
Mir wiederum wird für alle Ewigkeit ein Rätsel bleiben, warum sich manche Spaßvögel an diesem 11. November ab 11.11 Uhr plötzlich Perücken auf den Kopf ziehen und sich das Gesicht bunt anmalen. Und das nur, um steinharte Bonbons auf arglose Mitbürger zu werfen, Wortversatzstücke wie „Helau“, „Alaaf“ oder „Heijo“ in die Weltgeschichte zu brüllen – und um sich mal wieder so richtig schön volllaufen zu lassen.
Mal ganz ehrlich: Das alles kann man in Berlin doch auch an jedem anderen Tag tun. Dafür muss doch nicht Karneval sein. Das wird jeder bestätigen können, der regelmäßig mit der Tram M10 zwischen Prenzlauer Berg und Friedrichshain fährt.
Günther Beckstein ging als Claudia Roth
Es ist für mich einigermaßen beruhigend zu wissen, dass sich ein Großteil der Berliner ähnlich faschingsscheu verhält wie ich. Clownsnasentechnisch ist die Hauptstadt ödestes Ödland. Kalt und leer wie die Wüste Gobi im Dezember, in die sich höchstens ein paar hartgesottene Individualtouristen verirren. Dass das an fehlenden Vorbildern liegt, ist klar. Im Ausland ist man Narrenkappen und Verkleidungen gegenüber ja viel aufgeschlossener als hier. In den USA zu Halloween zum Beispiel oder in Rio de Janeiro. Und in Bayern natürlich auch.
Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt etwa war einmal als irrwitziger Joker aus „Batman“ unterwegs. Sein CSU-Parteifreund, der dortige Finanzminister Markus Söder, gab sich richtig viel Mühe und ging in den zurückliegenden Jahren unter anderem als Punker mit rotem Irokesen oder als grün gefärbter Shrek. Ex-Ministerpräsident Günther Beckstein schoss den Vogel ab – er verkleidete sich als Claudia Roth.
Ich stelle mir den vergleichsweise trockenen Berliner Senat mit Pappnasen und Kostümen vor. Frank Henkel könnte es etwa seinem bayerischen Amtskollegen Joachim Herrmann gleichtun und sich Cowboyhut und Stiefel anziehen, um als Sheriff aus dem Wilden Westen zu gehen. Wirtschaftssenatorin Cornelia Yzer nimmt sich CSU-Verkehrsstaatssekretärin Dorothee Bär zum Vorbild und kommt in einem silbernen Kleid mit Kabeln um den Hals zur Party, um als „schnelles Internet“ für Aufsehen zu sorgen. Michael Müller, Regierender Bürgermeister, macht es einfach so staatsmännisch wie Horst Seehofer – und geht als Horst Seehofer.
Alle schunkeln dann gemeinsam und stellen sich nach fünfeinhalb Gläsern Bier gut gelaunt für ein Selfie zusammen. Henkel postet das Foto bei Twitter. Rihanna, Barack Obama und Lukas Podolski teilen es mit Millionen von Fans. Einen Monat später landet das Bild auf dem Titel des „Time“-Magazins. Wegen des großen Hypes bekämen wir dann doch noch die Olympischen Spiele. Und der BER wäre in Windeseile fertig gebaut. Das #Senatsselfie ginge als einflussreichstes Foto aller Zeiten in die Geschichte ein.
Hauptsache ein gutes Nevenkostüm
Aber das ist natürlich nur pseudokarnevalistische Theorie. In der Praxis gibt es an diesem Mittwoch nur einen kleinen konfettiwerfenden Menschenauflauf vor dem Rathaus Charlottenburg. Ob Handyfotos oder Selfies gemacht werden, weiß ich nicht. Vielleicht regnet es auch einfach. Da die fünfte Jahreszeit ausgerechnet im November eingeläutet wird, dem Schmuddelkind unter den Monaten, muss man schließlich mit allem rechnen.
Zum Beispiel mit einem großen Vogel, der währenddessen auf dem Baum sitzt und winkt. Ist doch klar: ein Huhu. (Entschuldigung.) Und jetzt feiern Sie schön. Ob Sie dabei eine Clownsnase tragen, ist ganz egal. Hauptsache, Sie haben ein gutes Nervenkostüm!





