Liebe Leserin, lieber Leser,

wenn meine schon seit vielen Jahren verstorbene Mutter sich in den 1970er- und 1980er-Jahren etwas Gutes gönnen wollte, dann setzte sie sich in die U-Bahn und fuhr in das KaDeWe. Sie hätte auch mit dem Auto fahren können, aber ihr graute vor der Enge von Parkhäusern. Und die Parkplatzsuche rund um den Tauentzien war schon damals eines Herbert Grönemeyer würdig, der 1984 in „Mambo“ die Verzweiflung eines Autofahrers bei eben selbiger beschrieb.

Sonnabend

Genießen in Berlin

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Allen Widrigkeiten zum Trotz: Das KaDeWe war – und ist – immer wieder einen Besuch wert. Die Welt des Luxus, die sich sonst den Kudamm entlang erstreckt, kulminiert dort an einem Ort. Tatsächlich bin ich so konservativ, oder verklemmt, dass ich mich anziehe wie zu einem Besuch in einem gehobenen Restaurant oder Hotel. Hemd und Jackett sind das Minimum. Ich weiß, in der Hauptstadt der Jogginghosen klingt das abgehoben, aber ich finde, Stil stirbt nie aus, und guter Geschmack erst recht nicht.

Genießen in Berlin – die besten Restaurants, die neusten Trends:

KaDeWe - Berlin
Ein Ort für Luxus: Das KaDeWe am Tauentzien.© picture alliance / SULUPRESS.DE | Marc Vorwerk/SULUPRESS.DE

Wie dem auch sei. Im Grunde gibt es doch immer nur ein Ziel im KaDeWe: die 6. Etage, zu der man sich langsam schlendernd und mit wachsender Vorfreude über die anderen Etagen vorarbeitet. Vor allem zu Mauerzeiten bot „die Sechste“ einen Blick in die große weite Welt, die man so im Supermarkt nicht bekam. Allein die exotischen Früchte, von denen man noch nicht mal die Namen kannte.

Ich erinnere mich an eine Begebenheit vor vielen Jahren und vor vielen Umbauten an ebenjenem Stand mit den tropischen Exoten. Dort stand eine Familie, die ich vom Dialekt dem Rheinland zuordnete, sehr deutsch, sehr bieder, aber wer war das damals nicht, außer den Punkern. Mutter wirkte etwas gestresst und schaute sich ziellos um, „Vatta“ wanderte möglichst unauffällig in Richtung Spirituosen, während der ungefähr zehn Jahre alte Sohnemann sich die ausgelegten Früchte ansah. Plötzlich krähte der Sprössling in breitestem Rheinisch: „Du Mutti!“ Schweigen. „Duhu! Mutti!“ Mutti reagierte immer noch nicht, während sich die ersten Berlinerinnen und Berliner amüsiert umdrehten. Doch der Junge gab nicht auf: „Du Mutti, wat sind denn Litschis?“ und zeigte dabei auf die stacheligen kleinen Früchte. Ich müsste eigentlich jedes „t“ doppelt schreiben, so breit war es.

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KaDeWe - Exotische Früchte
In der Lebensmittelabteilung des KaDeWe präsentiert ein Mitarbeiter des Hauses exotische Früchte aus fernen Ländern. Das Foto wurde im Januar 1991 aufgenommen.© picture alliance / zb | Manfred Krause

Mutti versuchte, aus der Situation auszubrechen und wandte sich mit diesem typischen „Der gehört nicht zu mir, ich kenne den Bengel nicht“-Blick ab. Keine Chance. „Mutti! Wat sind Litschis?“ Schließlich zischte die Mutter: „Komm her, Hannes, Mutti kennt dat nit, Mutti isst dat nit.“ Breites Grinsen bei den anderen Gästen, aber auch mitleidige Blicke. Herrje, diese Wessis, also „Touris“ aus dem Rest der BRD, für West-Berliner damals gleichbedeutend mit tiefster Provinz. Dabei wette ich, dass die meisten der Lächelnden ebenfalls keine Ahnung hatten, was eine Litschi ist. Und man darf nicht vergessen: Handys oder Google gab es damals noch nicht, nur den Brockhaus oder Meyers Konversationslexikon.

Das KaDeWe war also immer schon ein Tor in die große weite Welt. Heute ist die Etage kaum noch wiederzuerkennen, und ich muss gestehen, dass ich mich in ihr kaum noch zurechtfinde. Vor allem der weiße Teil, der aussieht wie aus einem Science-Fiction-Film, bereitet mir Probleme. Und so war ich auch schon länger nicht mehr da, auch wenn ich mir eigentlich zum Geburtstag wie einst James Bond immer ein Glas Champagner von Bollinger an der Champagner-Bar gönne. Zu Sean Connerys und Roger Moores Zeiten wurde die Marke in den Filmen übrigens noch ausgesprochen wie geschrieben, statt französisch. Aber Hannes hätte sicher auch Ketschupp gesagt, statt Kätschap.

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Goldies Macher KaDeWe
Voller Vorfreude: „Goldies“-Macher Kajo Hiesl (l.) und Vladislav Gachyn vor der Baustelle zur „Goldies Bar“, die inzwischen im KadeWe eröffnet hat.© BM | Iris May

Der Reiz der Sechsten liegt jedenfalls für mich weniger in dem, was ich dort kaufen kann, sondern vielmehr in dem, was ich dort essen kann. Und da setzt das KaDeWe inzwischen auch viel auf Auswärtige. Joe Laggner betreibt die „Schwemme“ und das „Lutter & Wegner“, es gibt den „Beef Grill Club by Hasir“ und so weiter. Und jetzt gibt es dort auch Burger, natürlich die von „Goldies“, an deren Smashed Burgern außer mir niemand mehr vorbeikommt. Denn vergangene Woche hat dort die „Goldies Bar“ eröffnet.

Ich wollte die Gelegenheit eigentlich nutzen, um endlich mal wieder im KaDeWe vorbeizuschauen, allerdings musste ich kurzfristig umdisponieren. Doch meine Kollegin Iris May hatte Zeit. Sie schreibt: „Zusammenfassend lässt sich über die ‚Goldies Bar‘ sagen: Es gibt dort alles, wofür ‚Goldies‘ bekannt ist. Außerdem werden dort klassische, amerikanische Cocktails wie der Vanilla Float oder Monsieur Cobbler angeboten. Vanilla Float (6 Euro) ist Coca-Cola mit Vanilleeis. Monsieur Cobbler (16 Euro) besteht aus Tequila, Kirsche, Vanille, Pistazie, Chilli und Tomate.“

Coca-Cola mit Vanilleeis. Tequila mit Kirsche und Tomate. Wow. Und der Rest? Ist die „Goldies Bar“ einen neuerlichen Besuch in der sechsten Etage wert? Ist der Smashed Burger das Highlight, oder geht da noch mehr? Den Erfahrungsbericht der Kollegin finden Sie hier.

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Wenn beim Whisky die Möwen schreien

Willem Dafoe and Laphroaig Unveil 'The Barley Dafoe' Pub in Mayfair
Willem Dafoe mit einer Flasche Laphroaig im umbenannten „The Barley Dafoe Pub“ in Mayfair, London im September 2025. © Getty Images for Laphroaig | John Phillips

In einem „früheren Leben“, sprich: Partnerschaft, waren die Eltern meiner damaligen Lebensgefährtin Segler. Sie hatten zunächst ein Boot auf dem Wannsee und vergrößerten sich dann mit einem Schiff auf der Ostsee, das in Neustadt in Holstein stationiert war. Ich war jung und neugierig und musste bei meinem ersten Törn ganz schnell mehrere Dinge feststellen. Der alte Seglerspruch „Segeln ist die teuerste Art, unbequem zu reisen“ ist gerechtfertigt. Oder wie nennen Sie das, wenn Sie sich morgens die Hose anziehen wollen, Sie aber dafür in der Kajüte stehen müssen, der Oberkörper aus dem Skylight herausragt und Sie schon mal das Wetter vorm Bug prüfen können? Der Spruch „Auf jedem Schiff, das schwimmt und schwabbelt, ist einer drauf, der dämlich sabbelt“ stimmt auch. Spiritusherde und Pfeifenraucher schließen sich in einer engen Kajüte gegenseitig aus. Und: Beim Auslaufen aus Burg auf Fehmarn hätte mich nicht nur fast der losgerissene Baum über Bord geworfen, sondern ich stellte auch fest, dass ich einen Hang zur Seekrankheit habe. Nicht schön, auch wenn die wenigen Tage auf der Ostsee Einblick in eine faszinierende Welt boten.

Aber ein Erlebnis ist mir ebenso unauslöschlich in Erinnerung geblieben wie der schrille Ruf „Bauuuuuum“ des Skippers, nämlich mein erster Single Malt Whisky aus Schottland. Der Skipper hatte Geburtstag und bekam eine Flasche zehnjährigen Laphroaig geschenkt, von der Insel Islay. Kenner beschreiben ihn als „wie aus der Apotheke“. Inzwischen habe ich viele Whiskys getrunken, und es gibt keinen, wirklich keinen, der so viel Jod, Tang, Alge, Seewasser, Salz und Torf transportiert. Und den als Einstieg in die Whisky-Welt? Mein Umfeld war skeptisch.

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Ich bekam das, was man heute einen „Flash“ nennen würde, damals aber eher eine Art Erscheinung. Ich stand plötzlich nicht mehr auf dem Deck der „Maxi 34“, sondern mitten in den schottischen Highlands, blickte aufs Meer, graue Wolken zogen schnell über den Himmel und ich hörte Möwen schreien. Wohlgemerkt, ich war zuvor nie in Schottland, aber ich sah alles ganz klar vor mir, roch die Heide und das Meer, spürte den Wind auf der Haut. Es war der Geburtsmoment für eine unauslöschliche Liebe zu diesem forderndsten aller Whiskys, die ich kenne.

Fräulein Brösels Schnapserwachen
Stefanie Dobrits ist Fräulein Brösels Schnapserwachen.© Fräulein Brösels Schnapserwachen | Selina Schrader

Spirituosen sind also ein mindestens so beeindruckendes Erlebnis wie Fine Dining, ein Gebiet, das allerdings aus meiner Sicht bei uns bislang immer etwas zu kurz gekommen war, eine Art „blinder Fleck“. Um so mehr freue ich mich, dass jetzt Juliane Eva Reichert als freie Mitarbeiterin diese Lücke schließen wird. Sie ist eine ausgewiesene Expertin, was die Kunst der Brände und Geiste angeht und jettet häufig um die Welt, um dort den neusten Trends nachzuspüren. Zurzeit weilt sie in Hongkong.

Für Ihre Debüt-Geschichte auf den Seiten der Berliner Morgenpost hat sie Stefanie Dobrits getroffen. Die gebürtige Österreicherin stellt hochwertige Spirituosen unter dem märchenhaften Namen „Fräulein Brösels Schnapserwachen“ her. Ihre Flaschen zieren Motive im Stil von Tim Burton, die eine junge Dame mit roten Wangen zeigen, die in Kesseln im Wald etwas zusammenbraut. Dobrits ist naturverbunden, sucht sich nur die besten Zutaten und entlockt ihnen die Aromen, um sie in Alkohol einzufangen.

Fräulein Brösels Schnapserwachen
Ein zeichnender Freund schafft die märchenhaften Illustrationen zu Fräulein Brösels Schnapserwachen.© Fräulein Brösels Schnapserwachen | Annika Metze

Ihre märchenhaften Erzeugnisse kann man leider nicht in einem eigenen Ladenlokal kaufen, es gibt in Berlin aber diverse Anbieter, die „Fräulein Brösels Schnapserwachen“ im Sortiment führen. Alles Wissenswerte erfahren Sie in dem sehr lesenswerten Artikel der Kollegin Reichert.

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Hochzeitstorten als Kunstwerke

Von der Kunst des Schnapsbrennens geht es zu der des Tortenbackens. Es gibt einen alten Spruch, den viele Profiköche gerne zitieren: „Kochen ist nicht backen.“ Klingt banal, darin steckt aber eine große Wahrheit. Wer kochen kann, kann noch lange nicht backen. Und umgekehrt. Ich zum Beispiel kann Ihnen aus dem Stegreif Königsberger Klopse, Wiener Kalbsrahmgulasch oder Fischsuppe nach Art von „Harry‘s Bar“ in Venedig zubereiten, von Bolognese, Béchamel oder Buletten ganz zu schweigen. Aber backen? Sie haben selten jemanden hilfloser gesehen.

Meine Frau dagegen hat ein Händchen für Teige, für Verhältnisse von Eiern, Wasser, Hefe, Milch oder Mehl, das mir völlig abgeht. Geht es ums Backen, verlasse ich die Küche und trinke ein Gläschen eisgekühlten Rosé bei einem guten Buch, während ich den unvertraut vertrauten Geräuschen lausche, die die Küchenmaschine beim Teigkneten macht.

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Süße Flora
Mit getrockneten, essbaren Blüten verziert Franziska Oeser diese Traum-Hochzeitstorte.© Manuela Blisse | Manuela Blisse

Natürlich sind meine Gerichte „normal“, auch wenn in der heutigen Zeit, wo viele nicht mehr kochen können oder wollen, mein Wirken von manchen schon als „ambitioniert“ eingestuft wird. Dabei konnte das früher jede Hausfrau. Und mein Kochen ist weit, ganz weit weg von Profi-Köchen wie Arne Anker oder Marco Müller. Kämen Sie zu mir zum Essen, bekämen Sie gute Hausmannskost, vor allem aus Deutschland, Italien und Frankreich, ehrlich, authentisch und immer mit guten Zutaten. Manchmal auch ein bisschen verrückt, aber Abwechslung muss ja sein.

So ist es bei meiner Frau auch mit dem Backen. Insofern erfüllten mich die Bilder, die mir Kollegin Manuela Blisse nach ihrem Besuch bei Franziska Oeser schickte, erst mit Staunen, dann mit Ehrfurcht. Oeser arbeitete nach dem Abitur erst einmal rund 20 Jahre lang als Biologielaborantin bei einem großen Pharmaunternehmen in der Krebsforschung. Als Umstrukturierungsmaßnahmen ihr einen „goldenen Handschlag“ bescherten, machte sie einen Mädchentraum wahr und eröffnete ein Café. Dort backte sie täglich einige Kuchen. Und präsentierte diese auch auf einer Berliner Hochzeitsmesse. Die Nachfrage sei enorm gewesen, berichtete sie meiner Kollegin.

Süße Flora
Manche Torten sind so groß, dass Franziska Oeser sie erst vor Ort zusammensetzt.© Süße Flora | Süße Flora

Also machte sie die Ausbildung zur Konditormeisterin und stieg mit ihrem Atelier „Süße Flora“ ganz auf die Produktion von Torten um. Aber nicht so eine Schwarzwälder Kirsch für das Kaffeekränzchen. Ihre Werke sind vor allem für Events und Hochzeiten und riesigen Ausmaßes. 30 Kilogramm kann einer ihrer „Wolkenkratzer“ schon mal wiegen. Sie sind wahre Kunstwerke, verziert mit Blüten, Ranken, in allen Farmen und Formen, mit diversen Schichten. Teilweise baut sie die Kreationen erst vor Ort auf.

Lassen Sie sich hier in eine Welt der spektakulären Back-Kreationen verführen, bei denen Creme und Marzipan wie der Marmor des Bildhauers sind.

Damit bestelle ich für heute die Rechnung, es war wieder köstlich mit Ihnen. Ob im KaDeWe – irgendwann schaffe ich es wieder da hin – , bei einem guten Whisky, einem guten Geist von Fräulein Brösel oder bei einer Hochzeit mit Torten der „Süßen Flora“: Ich wünsche Ihnen wie immer eine genussvolle Woche.

Herzlich, Ihr

Alexander Uhl

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