Kolumne Mamas & Papas

Das Leben ist ein Abenteuerspielplatz

Väter treffen sich so gerne auf Spielplätzen, weil sie dort ihre Kinder gegeneinander antreten lassen können, glaubt Sandra Garbers.

Kürzlich kam der Vater mit dem Zweieinhalbjährigen nach Hause. Der Kleine sah aus wie ein Preisboxer. Die Unterlippe dick angeschwollen, Reste von Blut klebten im Gesicht. „Das Rodeln war richtig toll!“, sagte der Vater. Ich: „Und sonst?“ Vater: „Er ist schon ganz alleine gerodelt.“ Ich: „Und sonst???“ Vater: „Ach so ja, es hab einen kleinen Zwischenfall. Hat ziemlich geblutet, aber ich hab dann mit Schnee gekühlt. Jetzt ist alles wieder völlig ok.“ Sohn: „Lippe! Tut weh!“ Manchmal denke ich, dass die Kleinen nicht auch wegen, sondern trotz ihres Vaters überleben.

Es ist das alte Spiel. Ich würde die Kinder am liebsten auf der Waagerechten rodeln lassen, für den Vater sind Rodelberge erst dann Rodelberge, wenn sie Namenszusätze tragen wie Teufel-, Hölle- oder Suicide. Ich glaube ja auch, Väter treffen sich nur deshalb so gerne sonntags auf Spielplätzen, weil sie dort ihre Kinder gegeneinander antreten lassen können. „Meiner ist erst ein Jahr und klettert schon drei Meter hoch ohne Festhalten.“ – „Oh, ich glaube, heute schaffen wir drei Meter 50.“ „Ja, mach’ mal. Irgendwann müssen sie das ja mal lernen.“ Und dabei ist es egal, ob die Väter früher bei den Bundesjugendspielen noch nicht einmal eine Siegerurkunde gewinnen konnten, weil sie so langsam wie eine Weinbergschnecke waren. Jetzt sind sie Trainer.

Es ist schon absurd. Zu Hause sind die Steckdosen geschützt, die schlimmsten Kanten waren lange Zeit gepolstert, die japanischen Messer wurden außer Reichweite geparkt. Ebenso Rasierer, Pizzaschneider, Wasserkocher und Kopfschmerztabletten. Man will das Verletzungsrisiko so gering wie möglich halten.

Die größten Gefahrenquellen aus dem Weg räumen, es passiert auch so noch genügend Unvorhergesehenes. Aber draußen gelten andere Regeln fürs Überleben. Was sie nicht umbringt, härtet ab, oder so ähnlich. „Ich bin sehr gefahrenbewusst“, sagte der Vater gerne, bevor er die damals Dreijährige einen Rückwärtsköpper von seinen Schultern machen ließ, damit sie den Tauchring aus zwei Meter Tiefe holen konnte.

Die jetzt Fünfjährige hat zum Glück schon das meiste hinter sich. Aus großer Höhe fallen, in viel zu großen Rutschen sich so drehen, dass man in der Kurve auf die Zähne knallt. Schon ein paarmal durfte sie zwei Wochen lang nur Brot ohne Rinde, Suppen und Breie essen, weil sich die Schneidezähne gelockert hatten. Kürzlich galoppierte sie ohne Sattel auf einem Pony. Sie verlor das Gleichgewicht, hing an der Seite des Ponys und drohte abzurutschen. Noch im Galopp zog sie sich wieder hoch und ritt ungerührt weiter. Später im Auto fragte ich sie: „Das war ja aufregend heute. Da hattest du bestimmt ein bisschen Angst, oder?“ Sie: „Nö.“ Ich: „Hast du überhaupt manchmal Angst?“ Sie: „Ja klar, wenn mich ein Löwe fressen will.“ Ich: „Und sonst so? Tagsüber?“ Sie: „Nö! Mama, ich kann doch jetzt galoppieren. Wann darf ich endlich springen?“ Der Vater hat kleine Monster erschaffen. Kinder komplett ohne Angst.

Dafür muss ich jetzt doppelt Angst haben, denn irgendeiner muss ja den Überblick behalten. Wenn ich mit ihr alleine unterwegs bin, kommt sie vor irgendwelchen Kunststücken zu mir, klopft mir beruhigend auf den Arm und sagt mütterlich: „Mach dir keine Sorgen, ich kann das!“ Ich will keine besorgte Mutter sein, aber sie lässt mir keine andere Wahl. Deshalb liebe ich Altersbeschränkungen bei Achterbahnen oder Skateboardhallen. Dann kann ich meine Vorsicht auf andere schieben. Ich würde dich ja so gerne in die Halfpipe lassen, aber es ist leider, leider verboten.

Vor Kurzem habe ich mit unserer Kinderärztin gesprochen. Sie meinte, das sei schon alles so in Ordnung. Es seien vor allem die ängstlichen Kinder, die die meisten Unfälle haben. Die mit ungeübten und unsicherem Tritt. Die Wackelkandidaten. Höllenhügel, wir kommen.

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