Es ist einer der ersten Auftritte von Dietmar Woidke als künftiger Ministerpräsident. Das Kraftwerk Jänschwalde bekommt eine neue Feuerwache. Die 6,5-Millionen-Euro-Investition ist ein gutes, ein beruhigendes Signal in der strukturschwachen Region.
Denn immer wieder steht der Verkauf der Braunkohlesparte in Brandenburg und Sachsen durch Vattenfall zur Debatte. Der klimaschädliche Abbau der Braunkohle ist politisch zunehmend umstritten. Dietmar Woidke, der selbst aus der Lausitz stammt, macht klar, dass er den Kurs des bisherigen Regierungschefs Matthias Platzeck fortführen wird.
„Meine Meinung zur Rolle der Braunkohle für die Region und die Menschen wird sich nicht ändern“, sagt Woidke. „Ich bin sicher, dass die Braunkohle weiter für viele Jahre eine wichtige Rolle spielen muss und wird.“ Es gibt Beifall, das Band wird durchschnitten, der Spielmannszug spielt die inoffizielle Landeshymne „Steige hoch, du roter Adler“. Wie Dietmar Woidke da steht, mit seinen 196 Zentimetern, im dunklen Anzug und feierlichem Gesicht, ist es, als wäre der Wechsel schon vollzogen, als wäre er längst Ministerpräsident dieses Landes.
Platzeck verabschiedet sich vier Wochen lang von Brandenburg
Zwölf Tage ist es zu diesem Zeitpunkt her, dass Matthias Platzeck seinen Rücktritt von allen Ämtern aus gesundheitlichen Gründen angekündigt und seinen Innenminister als Nachfolger vorgeschlagen hat. Inzwischen hat Dietmar Woidke zahlreiche Termine als designierter Ministerpräsident hinter sich – mit und ohne Platzeck.
Am 29. Juli hat Platzeck seinen geplanten Rückzug bekannt gegeben. Am kommenden Mittwoch, am 28. August, soll Woidke zum neuen Regierungschef gewählt werden. Die rot-rote Mehrheit steht dafür. Schon zuvor, am Montag, wird Matthias Platzeck Woidke auf einem Sonderparteitag den SPD-Landesverband übergeben. Am Donnerstag hält der 51-Jährige im Landtag seine erste Regierungserklärung.
Die Übergabe an der Spitze des Landes, die derzeit in Brandenburg stattfindet, läuft ruhig, geordnet und wie selbstverständlich ab. Sie passt zu dem unaufgeregten Land. Mehr als elf Jahre hat Matthias Platzeck regiert, wie sein Vorgänger Manfred Stolpe. Doch während zwischen Stolpes Rücktrittserklärung auf dem Parteitag in Wittenberge und dem Amtsantritt Platzecks keine vier Tage lagen, sind es dieses Mal vier Wochen.
Woidke kann zuhören und zeigt keine Berührungsängste
Ein ganzer Monat, um die Brandenburger auf den Wechsel einzustimmen. Zeit, in der Matthias Platzeck abschließen und Dietmar Woidke in Ruhe ankommen kann. Bei gemeinsamen Terminen der beiden wird deutlich: Der Kulturbruch war weit größer, als Manfred Stolpe einst an seinen Kronprinzen Platzeck übergab.
Stolpe war der undurchdringliche Staatsmann mit der sonoren Stimme, Matthias Platzeck der Kumpeltyp mit dem Drei-Tage-Bart. Stolpe verehrten die Märker, er war in den stürmischen Nachwendejahren ihr Fels in der Brandung. Platzeck mochten sie. Er war Aufmunterer, Politikerklärer, stand für das ostdeutsche Selbstbewusstsein im wiedervereinigten Deutschland.
Und Dietmar Woidke? Auch er ist ein Ostdeutscher, der sich nach 1990 neu orientieren musste. Einen Tick spröder wirkt er, auch sachlicher als Platzeck. Auch er aber kann offenbar zuhören, so, wie es die Märker von Stolpe und Platzeck gewohnt sind. Auch er zeigt keine Berührungsängste. Wie Platzeck kommt ihm ein witziger Spruch leicht über die Lippen.
Brandenburg steht vor gewaltigen Herausforderungen
Beim Treckertreffen im märkischen Philadelphia stellt er kurz nach Platzecks Rückzugsoffenbarung schon mal unter Beweis, dass er Tausende unterhalten kann. Auf der Bühne liefert er sich mit Platzeck ein schlagfertiges Wortduell.
Dietmar Woidke ist auf dem Bauernhof groß geworden. Der Familienbetrieb in Naundorf bei Forst lag neben dem Fuhrpark der LPG „Frohe Zukunft“. Schon als Kind, sagt Woidke, habe er Trecker geliebt, seit 35 Jahren hat er die Fahrerlaubnis. Vorgezogener Rollentausch beim Bieranstich: Platzeck hält den Hahn, Woidke zapft mit dem Hammer an. „Der braucht seine Hände noch dringender“, flachst Platzeck.
Das Händeschütteln wird kein Problem werden. Doch ob die SPD mit Dietmar Woidke ihre ungebrochenen Wahlerfolge seit 1990 fortsetzen kann, ist ungewiss. Zumal das Land vor gewaltigen Herausforderungen steht. Die soziale Kluft zwischen dem Speckgürtel und den entlegenen Regionen wird immer größer. Brandenburg muss finanziell bald allein zurechtkommen.
Dietmar Woidke vertieft sich gern in Akten
Mit dem Flughafen BER in Schönefeld hinterlässt Platzeck seinem Nachfolger eine teure Baustelle mit unabsehbarer Zukunft. Noch immer steht kein Eröffnungstermin fest. Woidke hat es abgelehnt, den BER-Aufsichtsratsvorsitz von Platzeck zu übernehmen. Er wolle sich erst einarbeiten in die Materie, begründete er seine Absage.
Anders als Platzeck gilt Woidke als einer, der sich auch gern in Akten vertieft, der überhaupt viel liest. Auf seinem Nachttisch wird in den nächsten Wochen „Killing Lincoln“, ein Buch über die Ermordung des US-Präsidenten Abraham Lincoln, wohl liegen bleiben. Es ist eine englische Ausgabe, Woidke kann gut Englisch. Auch Polnisch lernt er seit Jahren.
Für die Familie wird nun noch weniger Zeit bleiben. Woidke ist zum zweiten Mal verheiratet. Bei der „Nacht der Lichter“ hat er 2003 Susanne wieder getroffen. Die beiden kannten sich schon lange, fuhren einst zusammen mit der Bahn zum Studium nach Berlin. Woidke studierte an der Humboldt-Universität Tierproduktion. Von 1987 bis 1990 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter.
1993 trat Woidke in die SPD ein
Während der Diplom-Ingenieur Platzeck bereits in der Wendezeit politisch aktiv war, zog es Woidke erst einmal in die Wirtschaft. Drei Jahre war er für einen bayerischen Mineralfutter-Hersteller europaweit unterwegs. Er promovierte, kehrte in die Lausitz zurück. War Amtsleiter für Landwirtschaft bei der Kreisverwaltung.
1993 trat er in die SPD ein, 1994 wurde er in den Landtag gewählt. 2004 ernannte Platzeck ihn zum Umwelt- und Agrarminister. 2009 übernahm er auf seinen Wunsch hin den Vorsitz SPD-Landtagsfraktion. Als Rainer Speerim Herbst 2010 über eine private Unterhaltsaffäre stolperte, holte Platzeck ihn zurück in die Regierung, als Innenminister.
Woidke wäre wohl gerne noch eine Weile Innenminister geblieben. Bis zuletzt hatte er gehofft, dass Platzeck weitermacht. „Ich konnte ihn aber nicht überzeugen“, sagt er immer wieder in diesen Tagen. Als Platzeck seine Rückzugs-Entscheidung an jenem Montag nach seinem sechswöchigen Bedenkzeit-Urlaub in einer Pressekonferenz mit erstaunlicher Heiterkeit mitteilt, sitzt ein bleicher Dietmar Woidke neben ihm.
Viele bewegende Momente bei Platzecks Abschiedstour
Der 51-Jährige sieht aus, als wäre es auch sein Ende. „Es war wie ein Schock für mich“, wird er später sagen. „Politik zu machen ohne Matthias Platzeck, konnte ich mir einfach nicht vorstellen.“ Mittlerweile habe er sich an den Gedanken gewöhnt. „Es werden immer mehr Momente, in denen ich mich auf meine neue Aufgabe freue“, sagt Dietmar Woidke.
Auch wenn es viele bewegende Momente bei seiner Abschiedstour gibt, so wirkt Matthias Platzeck mit sich im Reinen. Die Wochen zuvor war das ganz anders. „Ich war hin und hergerissen“, sagt Platzeck. Immer wieder hatten die beiden während Platzecks Bedenkzeit miteinander telefoniert. Sollte er seine Gesundheit riskieren und weitermachen? Reicht es, kürzer zu treten? Einige Tage vor Platzecks Rückkehr aus dem Urlaub steht die Entscheidung fest.
Woidke bricht die Kreuzfahrt mit seiner Frau, deren Tochter und den Schwiegereltern in Norwegen ab – und fliegt am Sonnabend zurück. Am Abend darauf trifft sich der engere SPD-Kreis bei Platzeck in dessen Babelsberger Altbauwohnung. Klaus Ness, Parteistratege und Generalsekretär, ist dabei, er soll für Ralf Holzschuher die SPD-Fraktion leiten. Der erhält Woidkes Posten als Innenminister. Auch die Vize-Parteichefinnen Martina Münch und Klara Geywitz sind zu dem Geheimtreffen geladen. Geywitz soll Generalsekretärin werden. Mit am Tisch: der parlamentarische Geschäftsführer Mike Bischoff.
Am Morgen danach wird Matthias Platzeck seinen Dienst wieder antreten, für den Nachmittag beruft er aber überraschend den Landesvorstand und die Landtagsfraktion ein. Die Stimmung ist gedrückt. Die allermeisten hatten gehofft, dass Platzeck weitermacht. Zumindest bis nach der Bundestagswahl oder bis nach der Landtagswahl 2014. Aber er sagt: „Ich will den Menschen nichts vormachen.“
Platzeck baut ein Häuschen in der Uckermark
Mittlerweile gönnen sie ihm das neue Leben. Im Dezember wird er 60 Jahre alt. Matthias Platzeck wird mehr Zeit haben für sich und seine zehn Jahre jüngere Frau Jeanette. „Ein Arzt hat einmal zu mir gesagt, 40 bis 50 Stunden kannst du gut und gerne arbeiten“, sagt Platzeck immer wieder, „aber 80, vergiss es.“
Bei seiner Abschiedstour erntet er überall Verständnis. Zumal er Abgeordneter bleiben möchte und im Herbst 2014 erneut kandidiert. In der Uckermark baut er jetzt ein kleines Häuschen. Den Baugrund hat er schon gekauft. 3000 Quadratmeter, mit Obstbäumen darauf.
Sein Nachfolger scheint „den Schock“, wie er sagt, „überwunden zu haben“. Nur einmal kämpft Dietmar Woidke mit den Tränen. Beim Abschied von der ihm „ans Herz gewachsenen“ Polizei im Seminarzentrum in Potsdam-Eiche. Er schluckt und schluckt. Die Combo des Polizeiorchesters spielt: „Über sieben Brücken musst Du gehen.“





