Der Rentner mit dem Wanderstock staunt. „Ich dachte, der sei krank“, raunt er seiner Begleiterin zu. Gerade ist der brandenburgische Ministerpräsident durch das Tor an ihm vorbei in die Burg Lenzen gestürmt. Braun gebrannt, Dreitagebart, helles Kurzarmhemd und Jeans. Matthias Platzeck will den Eindruck vermeiden, es fehle ihm an Vitalität. Vor fünf Tagen hat er seinen Rücktritt aus gesundheitlichen Gründen angekündigt.
Dennoch ist die touristische Sommerreise, die der Ministerpräsident stets unternimmt, um Werbung für einzelne Regionen seines Landes zu machen, eben seine Abschiedstour, obwohl er noch bis 28. August im Amt ist. Seine Mitarbeiter haben kurzfristig umdisponiert. Nicht in die Region Cottbus geht es, sondern an die Elbe in der Prignitz. Noch vor Kurzem wütete hier die zweite große Flut des Jahrhunderts. Jetzt will Platzeck das Medieninteresse nutzen, um möglichen Gästen zu zeigen, dass die Region von größeren Schäden verschont blieb, der Elberadweg befahrbar ist, die Restaurants geöffnet und die Elbauen sowieso einfach paradiesisch sind.
Ein Treffen mit der Vergangenheit
Platzeck begegnet im äußersten Nordwest-Eck seines Landes aber auch seiner Vergangenheit. In der Umweltbewegung der DDR liegen seine politischen Wurzeln, als Umweltminister wurde er bei der Oderflut 1997 zum „Deichgrafen“ und qualifizierte sich für höhere Weihen. Er trifft in der Prignitz auch viele alte Weggefährten, die er kräftig an sich drückt und mit freundschaftlichen Schlägen auf die Schulter bedenkt. „Fünf oder sechs Menschen in Brandenburg“ gebe es wohl, die er noch nicht umarmt habe, flachst der Regierungschef. Er sieht gut aus, eigentlich, sieben Wochen nach dem leichten Schlaganfall, den seine Ärzte zum Anlass nahmen, ihm von weiteren 80-Stunden-Arbeitswochen abzuraten. Mit lauter Stimme spricht Matthias Platzeck, er lächelt viel. Nur wenn andere sprechen und sein Blick für Momente ins Leere schweift, huscht ein Hauch von Krankheit über sein Gesicht, zeigt seine Augenpartie Zeichen von Schwäche und Müdigkeit.
Aber Platzeck genießt die Abschiedsrunde. Der Naturschützer und Deichgraf sieht mit Wohlgefallen, was von ihm bleiben wird, auch in dieser abgelegenen Ecke des Landes. Die Burg Lenzen etwa, wo anno 929 die Franken die heidnischen Slawen vernichtend geschlagen hatten. 1994 wirkte der Umweltminister Platzeck mit, das Gemäuer, das der Umweltschutzverband BUND von der Altbesitzerin geschenkt bekommen hatte, in ein Besucher- und Tagungszentrum für die Elbauen auszubauen. Die Aufgabe war schwierig. Das Hauptgebäude drohte in das Flüsschen Löcknitz abzurutschen. Denn der Hügel aus slawischer Zeit gab nach. 60 Zentimeter mussten die Ingenieure den Bau anheben, die Fundamente stabilisieren. Heute gibt es hier ein Hotel und ein gutes Restaurant, einen Turm mit Weitblick über die grüne Auenlandschaft und eine Ausstellung zu diesem Ökosystem. Auf einem Turm im Garten stehen drei Jungstörche im Nest. „Es ist viel schöner geworden, als ich gedacht habe“, sagt Platzeck beim Blick von der Terrasse auf den neu angelegten Barockgarten im Schlosspark.
„Es bleibt dies und jenes“
Welchen Anteil er daran habe, wird der Regierungschef gefragt. „Ach Gott“, sagt Platzeck, „nach 22 Jahren bleibt dies und jenes.“ Und er erinnert sich an die ersten zehn Jahre, als die neuen Burgherren aus dem Westen in der „kleinen DDR“ mit Misstrauen beäugt wurden. In den Augen der Bewohner des reizenden, aber immer noch teilweise verrottenden Fachwerkstädtchens kamen sie ganz unten auf die Sympathieskala. „Naturschützer gleich nach Wessis“, sagt Platzeck, „und die waren Naturschützer und Wessis.“
Aber auch diesen Konflikt half der Regierungschef zu lösen. „Er ist einer, der sagt, jetzt rede ich so lange mit dir, bis du es einsiehst“, beschreibt der Prignitzer Hans Lange, ein CDU-Mann, den Platzeck-Stil. Und der Dorfbürgermeister von Cumlosen, Harald Pohle, rühmt das stets offene Ohr seines sozialdemokratischen Parteifreundes. „Er kann sich sehr gut Menschen merken, mit denen er mal zu tun hatte“, sagt Pohle. Als Willkommensgruß lässt er den Organisten in der Cumloser Kirche die „Ode an die Freude“ intonieren, als der Landesvater zum Abschiedsbesuch erscheint. Über Platzecks lächelndem Gesicht werden seine Augen feucht, er ist gerührt. Matthias Platzeck mag all die Menschen, die im strukturschwachen Außenbereich seines Landes anpacken. „Als wir uns 1991 oder 1993 getroffen haben, wussten wir nicht, ob es was wird“, sagt Platzeck. „Aber jetzt sehen wir, es hat sich gelohnt“, sagt er vor der Kirche, die kürzlich mit Fördergeld des Landes saniert wurde.
Zwischendurch demonstriert Platzeck seine Fitness bei einer kleinen Radtour auf dem Elbedeich. Neun Kilometer immerhin, bei gleißender Sonne, die er ohne erkennbare Mühe an der Spitze des Feldes absolviert. Er begrüßt freudig Radtouristen aus Sachsen.
Politische Karriere nahm 1997 Fahrt auf
Mit einem Hochwasser am anderen Ende des Landes hatte seine politische Karriere 1997 richtig Fahrt aufgenommen. Nach der Flut 2013 durfte Platzeck für sich reklamieren, dass er die Bürger seines Landes besser vor den Gewalten der Elbe geschützt hatte als andere Landesherren entlang des Stroms. Stolz zeigt er auf eine Stelle, wo der Deich abgesenkt wurde. „Das ist ein Deichschlitz“, erklärt er fachmännisch. Weiter hinten sieht man einen neuen Schutzdamm. 420 Meter Überflutungsgebiet wurden hier der Elbe zurückgegeben.
„Böser Ort“ heißt die Stelle, weil hier nach einem 90-Grad-Knick der Elbe das Hochwasser hart gegen den Deich brandete. „2002 lagen hier eine Million Sandsäcke“, erinnert sich der „Deichgraf“ an die vorletzte große Flut, „und 2013 kein einziger.“ Bauern und Landnutzer dazu zu bewegen, den Damm zurückzuziehen, sei nicht leicht gewesen, es sei viel diskutiert worden. Natürlich wäre es wünschenswert, in vielen Fällen zügiger handeln zu können, sinniert der Noch-Ministerpräsident. Aber die offene, demokratische Beteiligungsgesellschaft, die er wolle, die koste eben etwas. „Dass Menschen Egoisten sind, so what“, philosophiert er auf der Deichkrone. Die Politik habe eben die Aufgabe, aus diesen Interessen einen für alle auskömmlichen Weg zu formen. „Diese Werte sind wichtiger, als zu sagen, wir ziehen das jetzt durch“, sagt Platzeck.
„Nachfolger muss man haben“
Ein Foto auf der Info-Tafel zeigt Platzeck, wie er 2005 den ersten Spatenstich setzt für die Rückverlegung des Elbdeiches. Neben ihm ein gewisser Dietmar Woidke, damals sein Umweltminister, heute designierter neuer Regierungschef in Potsdam. „Nachfolger muss man haben“, sagt Platzeck auf Fragen, wie er denn auf den derzeitigen Innenminister gekommen sei. Man müsse immer darauf vorbereitet sein, auch mal aus dem Flugzeug zu fallen. Er sei eigentlich für das amerikanische System, in dem Präsidenten nur einmal wiedergewählt werden dürfen, egal, wie populär sie sind. Wenn man die Türen öffne, komme doch frische Luft rein. Woidke lobt er in höchsten Tönen, er benötige auch nicht seinen Rat. Fragen, wer ihm denn an der Spitze des Flughafenaufsichtsrats nachfolgen soll, weicht er aus.
Vielleicht wird er in Zukunft mehr mit dem Rad unterwegs sein. Noch habe er nicht alle Radwege im Land abgefahren. Aber sicherlich wird er immer mal wieder nach dem Rechten sehen, wie sich all die Projekte entwickeln, die er begleitet hat. So auch im Industriestädtchen Wittenberge an der Elbe, wo der Unternehmer Lutz Lange seit einigen Jahren die alte Ölmühle von 1856 zu einem Hotel, Gastronomie und Freizeitkomplex ausbaut, mit Indoor-Klettergarten und Hausbrauerei. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) war hier, um die Sandsackabfüller zu unterstützen, auch Platzeck selbst ließ sich an dieser kritischen Flutstelle häufig sehen und trank dann immer am Abend Langes Dunkelbier. An der Strandbar an der neu entstehenden Elbpromenade samt verklinkerter Hochwasserspundwand nimmt Platzeck noch einmal einen Beutel aus derber Jute zur Hand: „Das ist der letzte Sandsack, den schütten wir jetzt aus.“





