Ob ein Mensch seinen Lebensabend auf der Straße zubringt, Jahre, in denen er oft dem Tod näher ist als dem Leben – oder im Warmen, geschützt in einer Notübernachtung oder gar in eigener Wohnung: Ich bin fest überzeugt, das macht Unterschiede. Betrunken, hilflos, manchmal eingekotet – auch die Menschen ohne Wohnung haben Würde. Auf der Straße aber wird diese immer unsichtbarer. Gosse oder wieder ein Stück Lebensqualität – wir Menschen mit Wohnungen können uns kaum vorstellen, welche Welten dazwischen liegen.
Und bevor einige von Ihnen nun „selbst gewählt, das muss doch nicht so sein“, sagen, lesen Sie bitte einfach weiter. Im Oktober haben bereits einige Notübernachtungen für obdachlose Menschen geöffnet, ab heute öffnen weitere. Nicht nur in Berlin, in der gesamten Republik ist es so bereits lange etabliert. Menschen sollen nicht erfrieren: Das ist Kernbotschaft und Auftrag der Kältehilfe.

Unterstützt werden die Menschen durch weitere Angebote. In Berlin sind es zum Beispiel die Kältebusse der Berliner Stadtmission, der Wärmebus des Roten Kreuzes, es sind medizinische Zusatzangebote in einigen Einrichtungen. Die bedürftigen Menschen werden aber auch mit Bekleidung und Essen versorgt, auch mit einem Abendessen und einem Frühstück. Kaffee und Tee wärmen, manchmal auch die Seelen und es sind ja auch noch Menschen da, die in den Einrichtungen arbeiten. Menschen helfen Menschen: Die, die oft allein sind, finden bis Ende März endlich ein Gegenüber.
Notübernachtungen verändern Leben
Und etliche Gäste kommen weniger zum Schlafen in die Einrichtungen als zum Reden. Endlich! Denn oft kennt man sich und oft sind im Laufe der Jahre Beziehungen gewachsen. Und manchmal werden aus Ehrenamtlichen schließlich hauptamtlich Tätige, aus Praktikanten schließlich nach absolviertem Studium ausgebildete Sozialpädagogen. Und aus Obdachlosen wieder Menschen mit Wohnungen. Notübernachtungen verändern Leben.
Alles in Ordnung? Könnte man meinen. Das bleibt aber nur ein Anfang, eine bescheidene, aber sehr bemühte, Überbrückung. Denn gäbe es keine Obdachlosigkeit, wären Notübernachtungen überflüssig. Das klingt einfach, wir alle vergessen es aber leider oft.
Kurz zu den „selbstgewählten Schicksalen“: Mit Verlaub, das ist Quatsch! Es fehlen zwar Wohnungen, gerade auch in Berlin. Aber setzt Ihre Partnerin oder Ihr Partner Sie heute Abend nach Krach und Trennung auf die Straße, dann kommen Sie doch unter. Bei Freunden, der Familie, in einer Pension. Und es gibt doch wirklich ein gutes, öffentliches Hilfesystem für solche Notlagen. Spätestens einige Monate später sind Sie wieder auf die Füße gefallen.
Unterlassene Hilfeleistung: Es ist eine gesellschaftliche Herausforderung
Sind Sie aber ein Jahr obdachlos, drei oder 15 Jahre, das hat dann Gründe. „Klappernde Seelen“, sie können es in diesen Kolumnen nachlesen, das ist meine Umschreibung für psychische Beeinträchtigungen, oft sogar für Traumatisierungen. Wann aber arbeiten dann endlich psychologische Fachkräfte in solchen Einrichtungen? Sind Sie in Ihrer Kindheit schwer misshandelt worden, werden eine Suppe und ein Bett kaum reichen. Wir sollten da ruhig häufiger bei denen nachfragen, die für Budgets und Finanzierungen zuständig sind. Unterlassene Hilfeleistung, das ist hier weniger ein juristisches Problem, ist mehr eine gesellschaftliche Herausforderung.
Für mehrere tausend Menschen fehlt der Platz, aber knapp über eintausend können nun immerhin versorgt werden. Etliche werden wohl so nicht erfrieren, aber auch nicht bespuckt, beleidigt, geschlagen oder vergewaltigt. Erleben Barmherzigkeit und Solidarität. Und es kommt einem Wunder gleich, viele Menschen werden in diesem niedrigschwelligen System sogar nachhaltig vermittelt werden. Hardy, Angela, Piotr, mir fallen nicht mehr alle Namen ein… Eine schwere Arbeit insgesamt: Danke für diesen Dienst und ich werde jetzt für euch alle beten. Beten Sie ruhig mit.
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