„Wie werden Menschen obdachlos?“, werde ich sehr oft gefragt, „Sie haben doch so lange in dem Beruf gearbeitet“. Und ich erzähle dann meist von Abhängigkeiten der Menschen, auch von schlechten Startbedingungen in der Kindheit. Was macht es, wenn niemand dich richtig liebt, wenn das mit dem Vertrauen zu anderen einfach nicht hinhaut? Von psychischen Erkrankungen erzähle ich auch, von mangelnden Hilfen und den Auswirkungen. Manchmal erzähle ich aber auch nur Geschichten.

Alles war geordnet und alles erschien gut. Manfred wuchs behütet in Norddeutschland auch, sein Vater war Chirurg, Arzt in dritter Generation. Der Vater arbeitete viel und manchmal blieb nicht viel Zeit für die Ehefrau und seine beiden Söhne. Die Ehefrau aber war das, was wir gemeinhin als gute Mutter bezeichnen: Ein großes Herz, viel Zeit für die Kinder, es mangelte nicht an Liebe.

Bildung wurde übrigens großgeschrieben und so schlug der ältere Bruder fast zwangsläufig, der Tradition der Familie verpflichtet, auch die Karriere zum Arzt ein. Hier gab es die erste offensichtliche Verweigerung von Manfred, auf den Arztberuf hatte er einfach keine Lust. Interesse an den Menschen aber hatte er schon und so fing er an, Sozialpädagogik zu studieren. „Nur Sozialpädagogik“, wie die Eltern sagten. Und das dann nicht im hohen Norden, Manfred zog nach Berlin.

Manfred wurde zum starken Konsumenten von Haschisch und Marihuana

Ein hübscher, junger Mann, neugierig und dem Leben aufgeschlossen, manchmal etwas ruhig und in sich gekehrt, wohl introvertiert, ein guter Freund für etliche, ein mittelmäßiger Schüler an der Fachhochschule, 1985 in West-Berlin. Manfred kam gut klar.

Er lernte dann Viola kennen, sie war drei Jahre älter als er, vom Typ her die Macherin. Aus ihrer Liebe wurde sehr schnell die Ehe. Viola hatte in der Beziehung wohl die Hosen an und Manfred war sehr zufrieden damit. Nur zog er sich oft zurück. Viele kifften damals, in seinen Kreisen gehörte das fast zum guten Ton. Während andere aber das Maß und ihre Mitte hielten, konsumierte Manfred von Haschisch und Marihuana, und das viel und mehrmals täglich.

Viola machte dann sechs Wochen Urlaub in der Türkei, ohne Ehemann, Zeit mal nur für sich. Am Anfang meldete sie sich noch häufiger, schließlich aber seltener. Manfred war erst leicht besorgt, dann sehr, als die Urlaubszeit herum war und es gar kein Lebenszeichen von ihr gab. Was tun, wo nachfragen? Schwierig, wenn man keine Adresse, keinen Telefonanschluss hat. Und nach Tagen über die Zeit, hörte Manfred dann den Schlüssel an der Wohnungstür. Ihm ging vermutlich das Herz auf – endlich. Viola aber war nicht allein gekommen. Sie hatte einen neuen Geliebten sozusagen im Gepäck. „Das ist Altan und er wird nun bei uns einziehen.“ Kein Witz, keine üble Satire!

„Er sah nicht gut aus“

Das war zu viel für Manfred, es hätte wohl vielen von uns die Füße weggehauen. Ohne viele Worte packte er eine kleine Tasche, nur etwas Wechselwäsche und eine Zahnbürste, dann verschwand er. Löste sich sozusagen in Luft auf. Wurde zunächst nicht mehr gesehen. „Er hat sich umgebracht“, befürchteten viele.

Das war Gott sei Dank nicht der Fall, es gab dann leise Lebenszeichen, Manfred war schlicht abgetaucht. Er war obdachlos und er redete einfach mit niemandem. Sagten die, die ihn in den nächsten Jahren zufällig trafen. Suchen Sie mal einen Menschen, der in Deutschland ohne Meldeanschrift auf der Straße lebt, sich auch gar nicht finden lassen will.

Was aus Manfred später geworden ist, ich kann Ihnen das nicht sagen. „Er sah nicht gut aus“, sagten die, die ihn zufällig trafen, in Hamburg, Eutin, Amsterdam. Seien wir also froh, wenn uns Schicksalsschläge erspart bleiben, die Menschen im Wortsinn in den Wahn treiben können.

Und was wurde aus Viola? Schnell war sie ihrer neuen Partnerschaft überdrüssig. Altan wollte aber nicht einfach in die Türkei zurückgehen. „Ich hatte doch Ausgaben“, war sein Argument. Es kostete Viola dann 5000 D-Mark, damit Arslan wieder aus ihrem Leben verschwand.

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