Steglitz-Zehlendorf

"Eine Todesfalle" - Berlin hat einen neuen Gaga-Radweg

Die für den "Zickzack-Radweg" politisch Verantwortlichen haben in Zehlendorf einen weiteren Umbau veranlasst. Anwohner sind entsetzt.

Rechts verläuft der alte Radweg, abgetrennt von der Fahrbahn. Links die neue Radspur, die von Lkw, die rechts auf der "Parkspur" parken sollen, überquert werden muss. In der Mitte zu sehen: Bei Gegenverkehr steuern Autos auf den Radweg, der Platz reicht nicht aus

Rechts verläuft der alte Radweg, abgetrennt von der Fahrbahn. Links die neue Radspur, die von Lkw, die rechts auf der "Parkspur" parken sollen, überquert werden muss. In der Mitte zu sehen: Bei Gegenverkehr steuern Autos auf den Radweg, der Platz reicht nicht aus

Berlin. Elio Adler ist entsetzt. Sein Urteil über die neue Radspur auf dem Dahlemer Weg: "Das ist eine Todesfalle. Hier wird es bald den ersten Toten geben." Adler ist Anwohner, fährt auf dem Weg zur Arbeit täglich über die stark frequentierte Straße, seine Kinder sind dort häufig mit dem Fahrrad unterwegs. "Denen werde ich verbieten, die neue Radspur zu benutzen. Sie sollen weiterhin auf dem Fahrradweg fahren." Tatsächlich: Am Dahlemer Weg gibt es nämlich auch einen echten Radweg, separat und sicher, also abgetrennt von der Fahrbahn, auf dem Gehweg.

Doch: "Der vorherige Radweg wird in Zukunft für den Radverkehr nicht zu benutzen sein, da die entsprechenden Auffahrten zurückgebaut wurden", teilt der Bezirk Steglitz-Zehlendorf der Berliner Morgenpost mit. Radfahrer müssen also auf die Radspur auf der Fahrbahn. Das Bezirksamt versucht gar nicht erst, den Umbau als Fortschritt zu verkaufen. "Richtig ist, dass eine abgetrennte Radspur als sicherer gelten kann als eine markierte Spur. Entscheidend dafür sind zudem die Sichtbeziehungen zum fließenden Kfz-Verkehr. Subjektiv wahrgenommen gelten sie allemal als sicherer. Zum Zeitpunkt der Planung wurde dieser Faktor aber weniger berücksichtigt", teilt das Bezirksamt Steglitz-Zehlendorf der Berliner Morgenpost auf Anfrage mit.

Der angegebene Grund: "Da die bezirkliche Straßenverkehrsbehörde seinerzeit (die Planung stammt laut Bezirksamt aus dem Jahr 2014, Anm. d. Red.) auf den Erhalt der kostenfreien Parkspur für den Lkw-Verkehr bestand, wurden die Breiten aber zu Lasten der Sicherheit der Radfahrenden reduziert."

Das bedeutet: Wegen der Auflage, eine Parkspur für Lkw zu erhalten, wurden Radspur und Fahrbahn insgesamt verschmälert. Offen bleibt, warum die Spur so markiert wurde, dass der Lkw-Verkehr sie nun überqueren muss. Dazu heißt es vom Bezirksamt lapidar: "Diese Problematik, dass Autos den Radstreifen zum Parken queren müssen, wird regelmäßig von den Fachplanern ignoriert." Gebaut wurde trotzdem.

„Der Zickzack-Radweg war noch witzig, der Radweg im Dahlemer Weg ist gefährlich“

Für Anwohner Hans-Joachim Schunert ist der neue Radweg nichts anderes als die Posse an der Leo-Baeck-Straße. Mit einem Unterschied: „Der Zickzack-Radweg war noch witzig, der Radweg am Dahlemer Weg ist gefährlich“, sagt er. Seit einiger Zeit beobachtet er, wie die Arbeiter die Markierungen und den roten Belag des alten Radwegs auf den Gehsteigen wegfräsen und dafür neue Markierungen auf der Fahrbahn anbringen. Noch enden viele Streifen im Nichts. Statt auf dem sicheren Fußweg müssen sich Radfahrer künftig zwischen den parkenden Autos und Lkw und der Fahrspur für den fließenden Verkehr drängeln. Parkspur und Fahrspur sind mit dem neu aufgemalten Radweg in der Mitte zu schmal. Autos müssen mit den Rädern auf der Radspur stehen und fahren.

Hans-Joachim Schunert kennt den alten Radweg auf dem Dahlemer Weg seit mehr als 50 Jahren. Er hat ihn schon als Kind genutzt. „Warum kann er jetzt nicht auf dem Gehweg bleiben und einfach nur saniert werden?“, fragt Schunert. Dem Bezirksamt zufolge sei das nicht möglich gewesen, weil dieser zu schmal sei. "Ohne eine Verbreiterung auf zwei Meter stellt die Senatsverwaltung keine Sanierungsmittel mehr bereit. Daher kann in keinem Fall von einem funktionierenden Radweg gesprochen werden", heißt es. Für den Umbau wurden Steglitz-Zehlendorf nach Angaben des Bezirksamts 160.000 Euro von der Senatsverwaltung zur Verfügung gestellt.

"Es wird zunächst die ursprüngliche Planung umgesetzt", heißt es vom Amt

Zudem schreibt das Bezirksamt der Berliner Morgenpost: "Wir stehen vor dem Problem, dass die Baumaßnahmen, die hier durchgeführt werden, auf einer Planung aus dem Jahr 2015 fußen und ursprünglich nur als 'schnelle Sanierungsmaßnahme' geplant waren. Auf Grund des Bearbeitungsstaus in der Berliner Verkehrslenkung konnte mit den Maßnahmen erst drei Jahre später - also jetzt im März 2018 - begonnen werden."

Und: "Leider hat sich jetzt herausgestellt, dass die Planungen mit den heutigen Vorstellungen nicht mehr ganz übereinstimmen, es wird zunächst die ursprüngliche Planung umgesetzt. Anschließend werden wir gemeinsam mit der Senatsverwaltung evaluieren und gegebenenfalls umplanen. Insofern ist die Maßnahme noch nicht abgeschlossen."

Unklar ist, warum die Umsetzung der Planungen, die "mit den heutigen Vorstellungen nicht mehr ganz übereinstimmen", von Steglitz-Zehlendorfs Baustadträtin Maren Schellenberg (Grüne) nicht gestoppt wurden, noch bevor diese begannen. Sie hatte den Posten der Baustadträtin bereits im November 2016 übernommen. Die Bauarbeiten starteten erst rund anderthalb Jahre später. Vergeben wurde die Baumaßnahme unter Schellenbergs Vorgängerin Christa Markl-Vieto (Grüne).

Maren Schellenberg ist qua Amt auch für den als "Zickzack-Radweg" bundesweit und sogar im Ausland bekanntgewordenen Radweg an der Leo-Baeck-Straße verantwortlich. Dort rückten inzwischen Arbeiter mit der Fräse an, um die Markierungen wieder zu entfernen. In diesem Fall hatte das Bezirksamt darauf verwiesen, die beauftragte Firma habe den erteilten Auftrag nicht korrekt ausgeführt.

"Der Dahlemer Weg ist stark befahren, da sind viele Lkw unterwegs, es ist einer der wenigen Zugänge zum Industriegebiet. Da war der alte Radweg ein Segen, er funktionierte großartig", sagt Elio Adler. "Das Ganze ist absurd."

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