Meine Woche

Berlin – das neue Absurdistan

Radwege, Siemens, Hitzefrei – Warum man sich immer wieder für die Berliner Politiker fremdschämen muss.

Foto: Marion Hunger / Funke Medien

Die Schlagzeile der Woche, über die müssen wir in Berlin wohl nicht abstimmen. Das war die zum Zickzack-Radweg in Zehlendorf: „Berlins absurdester Radweg“ – besser kann man das, was eine Baufirma da in der Leo-Baeck­-Straße aufgemalt hat, nicht bezeichnen. Das Bezirksamt in Steglitz-Zehlendorf wurde erst durch die Berichterstattung auf den irren Weg aufmerksam – und will die Zickzack-Markierung nach den Sommerferien wieder übermalen lassen. Der Radweg hat es übrigens zu bundesweiter Aufmerksamkeit gebracht, ja, sogar bis in die „Neue Zürcher Zeitung“ geschafft. Und ja, ich habe auch sehr gelacht – aber mich auch für Berlin fremdgeschämt.

Das passierte mir in dieser Woche noch häufiger. Wahrscheinlich haben Sie es mitbekommen: Der rot-rot-grüne Senat, allen voran der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD), streitet mit Siemens. Wegen des geplanten Arbeitsplatzabbaus, wegen des BVG-Vertrags für den Bau neuer U-Bahnen, wegen des Magnus-Hauses in Mitte, das Siemens gerne zur Konzernzentrale ausbauen wollte, was der Senat unter Verweis auf den Denkmalschutz aber ablehnte. Beim BVG-Konflikt einigte man sich inzwischen auf einen Vergleich.

Dann wurde bekannt, dass Siemens überlegt, Millionen Euro in einen Campus – vielleicht in Berlin – zu investieren. Doch statt sich darüber zu freuen und alles zu tun, damit der Konzern, der vom Senat nun wahrlich schlecht behandelt wird, in Berlin investiert, äußert sich Robert Drewnicki, Müllers engster Mitarbeiter, in den sozialen Netzwerken – in diesem Fall bei Facebook – abfällig über Siemens. Siemens falle „mal eben so in der Sommerpause ein angebliches 600- Millionen-Investment ein, für das es außer einer Pressemitteilung keine weiteren belastbaren Unterlagen gibt“, schimpfte Drewnicki. Das werde ausschließlich über die Presse kommuniziert.

Und dann, empörte sich Drewnicki, sei alles in Gefahr, weil es nicht innerhalb weniger Tage ein Gespräch mit dem Regierenden Bürgermeister gebe, sei alles schwierig, weil dieser sich für den Erhalt der Arbeitsplätze eingesetzt habe. Wenn Drewnicki sich schon öffentlich so empört, dann ahnt man, wie im Roten Rathaus über Siemens gedacht und geredet wird. Wieder so ein Tag zum Fremdschämen. Immerhin gab es in dieser Woche ein Gespräch zwischen Müller und Siemens – und jetzt will der Regierende Bürgermeister um den Campus kämpfen. Nun denn.

Und dann ist da unsere Bausenatorin Katrin Lompscher (Linke). Sie kommt bekanntlich mit dem Bau der so dringend benötigten Wohnungen in Berlin nicht hinterher, hatte der Senatsbaudirektorin in diesem Sommer aber trotzdem ein mehrmonatiges Sabbatical ermöglicht. Ihren Mitarbeitern erlaubte Lompscher in dieser Woche nun wegen der großen Hitze, um 14 Uhr die Arbeit zu beenden – ohne dies an einem anderen Tag nacharbeiten zu müssen. Völlig egal, wann diese an den Hitzetagen mit dem Dienst begonnen hatten. Andere Senatorinnen wie Ramona Pop (Wirtschaft), Elke Breitenbach (Arbeit und Soziales) und Dilek Kolat (Gesundheit) waren vor einer Woche auch so großzügig, hatten die Regelung aber, nachdem diese öffentlich bekannt geworden war, rasch geändert. Lompscher ficht dies alles nicht an. Ganz nach dem Motto: „Is’ mir doch egal, dass die Polizisten, Feuerwehrmänner, Krankenschwestern, Busfahrer schwitzen müssen.“ Wieder so ein Tag, an dem mir kein einziges Argument eingefallen ist, mit dem ich die Berliner Politiker hätte verteidigen können.

„So was geht nur in Berlin“, sagte mein Mann, als ich ihm von meiner Woche erzählte, dass Radwege wie eine Alkoholtest-Strecke aussehen, wie mit Unternehmen umgegangen wird, und dass es Hitzefrei für Verwaltungsmitarbeiter gibt. „Stimmt“, sagte ich. Gelacht habe ich nicht mehr.

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