Der Wahlkreis Reinickendorf 3 gilt als sicher für die CDU zur Berlin-Wahl 2026. Zu ihm gehören Heiligensee, Konradshöhe und Teile Tegels. Und auch diesmal hängen dort viele CDU-Plakate. Diesmal von Niklas Graßelt, der nach einem umstrittenen Umbau innerhalb der Partei den Platz des angestammten und äußerst beliebten CDU-Manns Stephan Schmidt übernommen hat, der diesen dem Vernehmen nach nicht ganz freiwillig geräumt hat.
Doch neben den CDU-Plakaten ist in Heiligensee auch erstaunlich viel lila zu sehen. Zu verdanken ist das Sascha Hellwig. Der Volt-Kandidat bewirbt sich um ein Direktmandat für das Berliner Abgeordnetenhaus. Rund 350 lilafarbene Plakate hat der Außenseiter im Wahlkreis aufgehängt. „Aus meiner Sicht habe ich gute Chancen, in meiner Nachbarschaft das Direktmandat zu gewinnen. Deswegen haben wir auch in viele Plakate investiert“, sagt Hellwig.
News zur Berlin-Wahl 2026
Wer ist dieser Mann von dieser Partei, die bisher keinen eigenen Balken bei den Umfragen hat? „Noch! Keinen Balken“, sagt Hellwig. Bei der Europawahl 2024 kam seine Partei in Berlin auf 4,8 Prozent. Danach kamen Erfolge in Darmstadt, Koalitionen in Frankfurt und Wiesbaden. Die Mitgliederzahl des Berliner Landesverbands habe sich seit 2024 verdoppelt. Mehrere kleine Parteien treten diesmal nicht an. Deren Stimmen und natürlich auch andere will Volt holen. „Ein Wahlerfolg von Volt wäre ein Weckruf für die müde Politik in der Stadt“, sagt Hellwig. Ein Erfolg wäre für ihn auch ein Zeichen gegen das Erstarken der politischen Ränder.
Hellwig punktet mit Engagement und Nachbarschaftsbezug
Hellwig lebt mit seiner Familie im Wahlkreis. Seine drei Kinder besuchen dort Schule und Kita. Die Familie engagiert sich nach seinen Angaben im Fußball-, Kanu- und Reitverein und im Förderverein der Grundschule. Er nennt das eine „solide nachbarschaftliche Bekanntheit“. Er wolle kein Politiker sein, der nur im Wahlkampf im Kiez auftauche. Er kandidiere als Anwohner, Vater und Vereinsmitglied. Das sind seine großen Vorteile.
Wenn man gut ausgebildet, finanziell unabhängig und gesund ist, stellt sich die Frage: Was will man jetzt erreichen?
Sascha Hellwig, Volt-Kandidat
Sein größter Nachteil: Seine Partei Volt gehört nicht zum politischen Inventar. Was der Wähler nicht kennt, wählt er oft nicht. Er werde nicht selten gefragt, wo Volt stehe, gibt Hellwig zu. Rechts oder links? Hellwig nennt seine Partei sozialliberal. Sie wolle Eigenverantwortung und Solidarität, Innovation und Nachhaltigkeit verbinden. Mehr Markt, mehr sozialer Ausgleich. Die Partei versucht dabei bewusst, klassische Grenzen zwischen Parteien zu überschreiten. Zu mehr Grün und weniger Asphalt sagt Hellwig. „Das ist keine Ideologie, sondern Vorsorge.“
Wohnungsbau bleibt aus: Hellwig kritisiert lange Genehmigungen und teure Böden
Aber warum engagiert er sich? Mit 40 Jahren habe er seine Ziele erreicht, sagt Hellwig. Ausbildung, Erfolg im Beruf, Familie, Eigenheim. Danach habe er sich gefragt, was er in den nächsten zehn oder zwanzig Jahren bewegen wolle. „Wenn man gut ausgebildet, finanziell unabhängig und gesund ist, stellt sich die Frage: Was will man jetzt erreichen?“ Zudem habe ihm die zunehmende Radikalisierung Sorge bereitet. Und er will sein Wissen einbringen bei der Suche nach Lösungen. Zum Beispiel im Wohnungsbau.
Hellwig arbeitet seit rund 20 Jahren in der Bau- und Immobilienwirtschaft, zuletzt als Geschäftsführer und Berater. Gerade beim Bauen erkenne er die Probleme. Genehmigungen dauerten zu lang, Vorschriften seien zu komplex, Böden zu teuer. So entstünden keine bezahlbaren Wohnungen. In Berlin werde viel gebaut – aber zu wenig für kleine und mittlere Einkommen. Kurzfristig will er härter gegen Leerstand, illegale Ferienwohnungen und gewerblich genutzten Wohnraum vorgehen. Büros sollen leichter zu Wohnungen werden, Häuser leichter aufgestockt.
Günstigere Baustandards nach Hamburger Vorbild, Erbbaurecht für öffentliche Grundstücke und mehr Geld für Genossenschaften. Mietendeckel und Enteignungen lehnt er ab: „Mietendeckel und Enteignung schaffen keine einzige neue Wohnung.“ Berlin fehlten mindestens 100.000 Wohnungen. „Wir müssen mindestens so viele Sozialwohnungen neu bauen, wie jedes Jahr aus der Bindung fallen. 2025 wurde in Reinickendorf keine einzige Sozialwohnung fertiggestellt – nicht zehn, nicht fünf, sondern null.“

Behörden sollen digitalisieren und Anträge schneller bearbeiten
Volt fordert digitale Abläufe, feste Bearbeitungsfristen und das Once-Only-Prinzip: Bürger und Firmen geben ihre Daten nur einmal an. Dazu die Genehmigungsfiktion – antwortet eine Behörde nicht fristgerecht, gilt der Antrag unter bestimmten Bedingungen als genehmigt. Bis 2031 soll die Verwaltung komplett digital arbeiten, nach dem Vorbild Estlands und Dänemarks. Öffentliche Bauprojekte müssten straffer gesteuert werden, fordert Hellwig, und vorhandenes Geld müsse schneller fließen. Ohne funktionierende Verwaltung gelinge nichts anderes. Ob Hortplatz, Steuernummer oder Baugenehmigung: Langsame Verfahren kosteten Zeit, Geld und Vertrauen.
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Auch beim Verkehr im Bezirk will Hellwig ran. Für die Berliner Straße und die Bernstorffstraße in Tegel fordert er klare Verkehrskonzepte. Es gehe nicht darum, Autofahrer, Radfahrer und Fußgänger gegeneinander auszuspielen, sondern Gefahrenstellen zu entschärfen.
Für Alt-Tegel und den Tegeler Hafen will er ein Gesamtkonzept: gegen Leerstand, für mehr Aufenthaltsqualität, gemeinsam mit Anwohnern, Besuchern und Händlern. Die Idee der „Gesundheitspromenade“ am Tegeler Hafen mit BVG-Fähre hat Volt neulich schon präsentiert.
Volt-Kandidat rechnet sich Chancen aus
Hellwig weiß, dass ein Direktmandat für Volt eine Überraschung wäre. Aber bei engen Verhältnissen könnten rund 5000 Erststimmen reichen. „Das ist zunächst nicht wenig, aber zugleich erstaunlich wenig, wenn man damit einen Wahlkreis gewinnen kann“, sagt er. Ob die Rechnung aufgeht, entscheiden Wahlbeteiligung und Verteilung der Wählerstimmen.






