Das Gymnasium am Europasportpark in Prenzlauer Berg wird bald geräumt. Das Ausweichquartier steht schon fest: das Umspannwerk Wilhelmsruh. Am ehemaligen Grenzübergang Kopenhagener Straße überragt dessen imposante Kontur alle Nachbargebäude mühelos. S-Bahnfahrern im Norden dürfte der Anblick des Backsteingebäudes an den Gleisen der Nordbahn vertraut sein – auch wenn sich sicher viele Fragen, was es mit dem burgähnlichen Gemäuer auf sich hat. Hier finden Sie alle Antworten zu dem ehemaligen Lost Place.
Das sind die Fakten zum Umspannwerk Wilhelmsruh im Überblick:
- Adresse: Kopenhagener Straße 83/89, 13158 Berlin-Wilhelmsruh
- Geschichte: Errichtung des Umspannwerks zwischen 1925 und 1926 nach Plänen des Architekten Hans Heinrich Müller (1879–1951). Es diente der Bewag 68 Jahre lang als Stromverteilungsanlage. Stilllegung nach der Wende in den 1990er-Jahren
- Führungen: Keine
- Denkmalschutz: Objekt-Nr. 09065314
- Status: Ehemaliger Lost Place. In den Jahren 2004 bis 2008 wurde das Gebäude nach Plänen des Architekten Max Dudler zu einem Bürogebäude umgebaut
Wo liegt das Umspannwerk Wilhelmsruh genau?
Das Umspannwerk Wilhelmsruh liegt an der Kopenhagener Straße 83/89 im Ortsteil Wilhelmsruh des Bezirks Pankow. Das Gelände kann mit öffentlichen Verkehrsmitteln am besten mit den S-Bahnlinien S1, S26 und S85 (S-Bahnhof Wilhelmsruh) erreicht werden. Vom Bahnhof ist es ein zweiminütiger Fußweg entlang der Kopenhagener Straße.
Achtung vor den S-Bahngleisen: Das Betreten von Bahnanlagen ist generell verboten und lebensgefährlich.
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Das sind die wichtigsten Etappen der Geschichte des Umspannwerkes Wilhelmsruh:
Ausgangslage: Die boomende Elektrifizierung der Hauptstadt

In den späten 1920er- und frühen 1930er-Jahren war Berlin – so titelte die York Times – die „best-beleuchtete Stadt der Welt“. Tausende Lichter funkelten und strahlten und erleuchteten das Berliner Nachtleben. „Der echte Großstadtmensch spürt in seinen Adern und Nerven, wenn der elektrische Strom in die Millionen Glühlampen schießt und sie aufflammen lässt,“ illustriere Curt Moreck in seinem „Führer durch das lasterhafte Berlin“ von 1931 die Szenerie.
Für ihr Lichtermeer, die S-Bahn und ihre Industrien stampfte die stromhungrige Metropole in dieser Zeit Versorgungsbauten aus dem Boden, für die man keine Kosten und Mühen scheute: Zwischen 1925 und 1932 baute das kommunale Stromversorgungsunternehmen der Stadt Berlin Bewag ein neues und hochmodernes Drehstromversorgungsnetz auf. Es entstanden unter anderem vierzehn große Abspannwerke, in denen der von den Großkraftwerken gelieferte Starkstrom auf die lokale Verteilungsspannung abgespannt wurde. Eines von diesen – das Umspannwerk Wilhelmsruh als einer der wichtigsten Versorgungspunkte im Norden der Stadt.
Umspannwerk Wilhelmsruh: So war die Industrieanlage aufgebaut

Der verantwortliche Architekt des Baus an der Berliner Nordbahn war Hans Heinrich Müller (1879–1951), nach dessen Entwürfen in Berlin mehr als vierzig Stromverteilungsstationen entstehen sollten. Das Umspannwerk Wilhelmsruh zählte zu Müllers Frühwerken.
Das Gebäudeensemble wurde als monumentaler, mit roten Klinkern verkleideter Vierflügelbau in Stahlskelett-Bauweise errichtet. Mit seinen eckturmartig überhöhten Wohnhäusern, den flankierenden Treppentürmen und der mächtigen Toranlage erinnert es an eine Burg – ohne dass der funktionale Industriecharakter überdeckt wurde.
Die Baukörperanordnung folgte dem Arbeitsablauf: Zur Straßenfront ausgerichtet lag die Phasenschieberhalle, während die Umspannanlage mit den Transformatoren und die Schaltanlage in den Seitenflügeln untergebracht waren. Die Gebäudeteile gruppierten sich um eine zentrale Schaltwarte mit elliptischem Grundriss im Hofinneren. Von hier aus wurden die Anlagen des Abspannwerkes zentral gesteuert und überwacht.
Umspannwerk Wilhelmsruh: Strom für Berlin bis zur Perestroika
Die Werke sicherten mit seiner Eröffnung Mitte der 1920er-Jahre den Betrieb der neuen Spannungsebene von 30.000 Volt in der Berliner Elektrizitätsversorgung, die die bisherige Übertragungsspannung von 6 kV überlagerte. Mit der Verbindung der Kraftwerke und den Abspannwerken in den Berliner Stadtteilen konnte die Versorgungssicherheit bedeutend gesteigert werden.
Das Umspannwerk diente der Bewag 68 Jahre lang als Stromverteilungsanlage – es lieferte verlässlich Strom, während die Nationalsozialisten, zuerst die Straßen und dann die Regierung übernahmen. Es überstand den Zweiten Weltkrieg, die Teilung Berlins und den Mauerbau und arbeitete noch als in der DDR die Ehrenparaden des 40. Jahrestages durch die Straßen zogen.
Umspannwerk Wilhelmsruh: Die Anlage wurde nach der Wende zum Lost Place

Erst nach der Wende war in den 1990er-Jahren endgültig Schluss für das ikonische Umspannwerk an den Gleisen der S1. Die Bewag-Mitarbeiter verließen das Gebäude und im alten Umspannwerk Wilhelmsruh gingen die Lichter aus. 1993 wurde das Werk stillgelegt.
Es folgte ein jahrelanger Dornröschenschlaf, in der das Bauwerk zu einem Lost Place in Pankow wurde und lange Zeit unklar blieb, welche Zukunft der imposante Backsteinbau an der Kopenhagener Straße haben könnte. Unterdessen nagte der Zahn der Zeit an der Immobilie und weckte langsam das Interesse von Jägern verlorener Orte. Sie reizte der Charme des verlassenen Industriebaus für Abenteuertrips, nächtliche Erkundungen oder Foto-Shootings.
Nicht ganz verwunderlich: Denn das hochaufragende Gebäude ist weithin sichtbar und fasziniert nicht nur durch seine expressionistische Silhouette. Auch im Inneren bot das verwunschene Gemäuer Besuchern so manche Überraschung. So ist die im Innenhof gelegene Schaltwarte eine der wenigen erhaltenen – und daher besonders bedeutenden – historischen Dokumente für die Steuer- und Leittechnik der frühen Elektrizitätsversorgung Berlins.
Umspannwerk Wilhelmsruh: Mit neuen Plänen in die Zukunft

2004 verkaufte Vattenfall das rund 12.000 Quadratmeter große Areal des Umspannwerks Wilhelmsruh an die Rosco-Immobiliengruppe aus Bad Hersfeld. In den Jahren bis 2008 wurde das Gebäude nach Plänen des Architekten Max Dudler denkmalgerecht saniert und zu einem Bürogebäude umgebaut.
Die historische Substanz wurde dabei in weiten Teilen erhalten und an die Anforderungen eines zeitgemäßen Büro- und Geschäftsgebäudes angepasst. In dem Gebäude befindet sich heute unter anderem ein Vattenfall IT-Center und es können Büroflächen in der historischen Immobilie gemietet werden.
Ab dem Schuljahr 2024/2025 sollen auch die 800 Schüler des maroden Gymnasiums am Europasportpark hier unterrichtet werden. Das Gebäude der Schule an der Kniprodestraße 29 in Prenzlauer Berg befindet sich in einem ruinösen Bauzustand. Das ehemalige Umspannwerk Wilhelmsruh wird als Ausweichstandort dienen, bis die Sanierungen abgeschlossen sind. Geplant ist die Fertigstellung bis zum Sommer 2027.
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