Vergessene Orte

Fünf „Lost Places“ in Pankow – das sind ihre Geheimnisse

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Nach über 20 Jahren Leerstand und mehreren Bränden ist das Kinderkrankenhaus Weißensee an der Hansastraße stark verfallen. Ob es noch zu retten ist, darum ringt das Bezirksamt Pankow mit dem Berliner Senat.

Nach über 20 Jahren Leerstand und mehreren Bränden ist das Kinderkrankenhaus Weißensee an der Hansastraße stark verfallen. Ob es noch zu retten ist, darum ringt das Bezirksamt Pankow mit dem Berliner Senat.

Foto: Thomas Schubert / BM

Verfallene Gebäude wecken die Faszination des Vergänglichen. Diese fünf „Lost Places“ in Berlin-Pankow sind besonders interessant.

Berlin. Wenn Investoren Projekte fallen lassen, wenn der Staat oder diplomatische Einrichtungen keine Verwendung finden für ihre Immobilien, sind selbst geschichtsträchtige Gebäude in Berlin dem Verfall preisgegeben. Als „Lost Places“ faszinieren solche Ruinen im Internet eine Fangemeinschaft und ziehen Fotografen an. Auch wenn das Betreten der Grundstücke in aller Regel verboten ist – schon die Betrachtung von außen nährt die Faszination des Verfalls. Das sind die Geheimnisse der fünf bekanntesten „Lost Places“ in Berlin-Pankow.

Kinderkrankenhaus Weißensee

Als diese Klinik 1911 die ersten Patienten aufnahm, ging es um Leben und Tod. Mit der Eröffnung des Kinderkrankenhauses Weißensee wollte die Gemeinde, die seinerzeit noch nicht zu Berlin gehörte, einem medizinischen Grundproblem begegnen: der extrem hohen Todesrate bei Neugeborenen. Als erstes kommunal geführtes Säuglings- und Kinderkrankenhaus Preußens verfügte die Klinik mit mehreren Gebäudekomplexen über chirurgische Abteilungen, in denen Ärzte gefährliche Krankheiten behandelt konnten. Zum Anwesen gehörte sogar ein Stall mit 36 Kühen und einer Molkerei – zur Produktion von hochwertiger Milch für todkranke Säuglinge. Nach Stilllegung des Krankenhauses 1997 platze der Umbau des Komplexes an der Hansastraße zu einem Krebsforschungszentrum durch einen Investor. Seit der Rückübertragung des Grundstücks in den Besitz des Landes Berlin kämpft das Bezirksamt Pankow darum, Geld und Genehmigungen zu bekommen zur Nutzung als Schulstandort für den heute wieder besonders kinderreichen Ortsteil Weißensee.

Waldhaus Buch

Als die Tuberkulose in Berlin wütete, war der Bedarf an Behandlungsplätzen in Heilstätten weit höher als das Angebot. 1903 eröffnete damals noch vor den Toren der Metropole das Waldhaus Buch als Lungensanatorium im grünen Norden. Als der Zweite Weltkrieg tobte, beschlagnahmte die Wehrmacht 1942 das Gelände für eine Nutzung als Luftwaffen-Lazarett. Später beherbergte der stolze Gründerzeit-Bau, umgeben von einem heutigen Gartendenkmal an der Zepernicker Straße, eine orthopädische Klinik. Seit 1992 hat die prächtige Klinik keinen Arzt oder Patienten mehr gesehen. Als sich zwischenzeitlich eine Nutzung durch eine evangelische Schule zerschlug, stellte das Land Berlin die Immobilie bei einem Bieterverfahren zum Verkauf. Nun steht fest: Eine Investorengruppe um Dirk Germandi richtet das Haus zum Zentrum für Medizinunternehmen her – und nördlich davon entstehen bis zu 330 Wohnungen.

Villa vor Schönholz

Repräsentativ genug wäre die Villa vor Schönholz wohl gewesen, um darin eine Botschaft zu eröffnen. Doch nach dem Kauf und der Herrichtung dieser Immobilie im Jahre 1999 ließ die Republik Sambia von diesem Plan wieder ab. Und so fiel das klassizistisch dekorierte Gebäude aus den 1880er Jahren wohl aus Geldmangel dem Verfall anheim – ohne dass der Berliner Senat oder das Bezirksamt Pankow einen Weg fanden, Sambia zur Sicherung zu zwingen. Pankows Heimatkundler Christian Bormann ermittelte Dr. phil. Ernst Langheinrich als ersten Eigentümer ab 1886. Später eröffnete Max Rudolph dort das Restaurant „Borussia Park“, das von 1901 bis 1907 Gäste empfing. Es folgte eine Nutzung als Gastwirtschaft „Tivoli“, Mehrfamilienhaus, Polizeirevier und Altenheim. Trotz der bewegten Geschichte und der markanten Erscheinung befand das Bezirksamt Pankow den Bau an der Straße vor Schönholz bislang nicht als denkmalwürdig – ein neuer politischer Vorstoß soll das nun ändern.

Stasi-Krankenhaus Buch

650 Mitarbeiter für 300 Betten, zehn Krankenwagen nur für diese eine Klinik – es waren nicht die schlechtesten Bedingungen, die Ärzte und Patienten in der Klinik des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) der DDR ab 1980 vorfanden. An der Hobrechtsfelder Chaussee in Buch abseits der Stadt gelegen und von Pankow wie auch von Wandlitz schnell erreichbar, setzte das Angebot für die damaligen Stasi-Eliten Maßstäbe, die andernorts in Berlin unerreichbar waren. Ab einem bestimmten Dienstgrad stand die Behandlung auch Angehörigen und Ehemaligen der Geheimpolizei offen. Nach dem Mauerfall und dem Ende der DDR schloss sich eine Zeit im Besitz eines privaten Krankenhauskonzerns an, bis 2007 die komplette Schließung erfolgte. Im Gespräch ist nun eine Loft-Nutzung des Gebäudes als Teil des neuen Stadtquartiers Buch - Am Sandhaus mit bis zu 2700 Wohnungen.

Irakische Botschaft der DDR

Dass auch Botschaften in robuster Plattenbauweise entstehen können, davon zeugt bis heute die Ruine der Irakischen Botschaft in der Pankower Tschaikowskistraße. 1974 mit einer auffälligen Fassade aus Waschbeton entworfen, schloss die diplomatische Vertretung zum Ende des Golf-Kriegs 1991 – und leidet seitdem an ungeklärten Besitzverhältnissen. Zwar gilt die Bundesrepublik Deutschland formell als Eigentümerin, jedoch ist dem Irak weiterhin ein Nutzungsrecht verbrieft. Es geschah das, was sich in vielen „Lost Places“ als Problem erweist: Einbrüche, Plünderungen, Brände fügten der Plattenbau-Villa sichtbare Schäden zu. Und weder Eigentümer, Diplomaten noch Behörden finden eine Möglichkeit, der Immobilie neues Leben einzuhauchen.

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