Angst vor Homeschooling

Drama um Pankower Gymnasium: Lernen in der Trümmer-Schule

| Lesedauer: 6 Minuten
Gegen herabfallende Fenster: Dieser tunnelartiger Verschlag bewahrt Kinder des Gymnasiums am Europasportpark in Pankow vor Verletzungen.

Gegen herabfallende Fenster: Dieser tunnelartiger Verschlag bewahrt Kinder des Gymnasiums am Europasportpark in Pankow vor Verletzungen.

Foto: Thomas Schubert

Die Sanierung ist geplatzt, die komplette Schließung droht. Gymnasium am Europasportpark braucht Barrikaden gegen abstürzende Fenster.

Berlin.  Homeschooling wegen eines zerfallenden Schulgebäudes – das ist vielleicht der einzige Ausweg, der Pankows kaputtester Schule noch bleibt. Fast 800 Schüler des Gymnasiums am Europasportpark müssen nach den Herbstferien mit einer Lockdown-Maßnahme rechnen. Nicht wegen Corona, sondern wegen eines zu gefährlichen Schulgebäudes. Denn der Plan zur seit sechs Jahren angekündigten Sanierung ihres Lernorts, er ist geplatzt.

Senat und Bezirksamt Pankow suchen noch fieberhaft nach einer Notlösung zur Offenhaltung des heruntergekommenen DDR-Typenbaus hinter dem Velodrom in Prenzlauer Berg. Man behilft sich mit Holztunneln zum Schutz vor herabfallenden Trümmern und Stickern als Warnung vor dem Öffnen wackeliger Fenster.

Doch Fakt bleibt, dass dieses Bauvorhaben in den Investitionsplanungen nicht mehr auftaucht. Es bleibt Fakt, dass die Unfallkasse den Betrieb dieses Berliner Gymnasiums nicht mehr riskieren will – weil zwei Drittel der rund 700 alten Fenster so stark beschädigt sind, dass sie auf Kinder stürzen könnten.

Pankows Schulen „übervoll“ – die Alternative zum Homeschooling fehlt

„Uns war zugesagt, dass die Sanierung 2023 startet. Aber nun haben wir keine Perspektive mehr und kein Ziel“, zeigt sich Schulleiterin Katrin Schäffer resigniert. Ihr ist der Ärger anzumerken, dass sie Kinder wegen der Schäden vielleicht nach Hause schicken muss. Obwohl Kinder und Eltern das motivierte Lehrerteam loben und die hohe Qualität des Unterrichts betonen. Eine Qualität, mit der allein das Gebäude nicht annähernd mithalten kann. „Eine andere Lösung als Homeschooling wird uns leider nicht offeriert“ sagt Schäffer. „Man kann die Kinder nicht aufteilen und an anderen Schulen unterbringen. Sie sind schon übervoll.“

Eine Platznot, die auch Pankows Bildungsstadträtin Dominique Krössin (Linke) zu Genüge kennt. Als Lösungsmöglichkeit angesichts der drohenden Schulschließung bringt Krössin den Aufbau von Containern im Hof des Gymnasiums in Spiel. Seit Monaten sei man den Planungen für diese Rettungsmaßnahme befasst.

Letzte Hoffnung: Bezirk Pankow will Container im Schulhof aufstellen

„Es wurde die Möglichkeit geprüft, vier Unterrichtsräume aus Containermodulen zu stellen. Dazu mussten in Abstimmungsrunden zunächst die Fragen zur Finanzierung bis hin zu konkreten baulichen Erfordernissen wie Vermessung, Brandschutz, Elektroinstallationen und Untergrund geklärt werden“, berichtet Krössin auf Anfrage der Pankower SPD. Sofern eine Realisierung möglich sei, „erfolgt die Beschaffung über einen qualifizierten Containeranbieter auf dem freien Markt“. Nun, da sich die Krise zuspitzt, setzt die Stadträtin außerdem auf eine zweite Option: „Wir planen auch, Räume in der Nähe des Gymnasiums anzumieten, und prüfen Ersatzstandorte, um der Schule zu helfen“, heißt es. Und zu den Schäden an Schule gilt die Aussage: „Gefahrenstellen werden umgehend im Rahmen der Bauunterhaltung beseitigt.“

Zwischenzeitlich zeigten sich Pankows Schulplaner davon überrascht, dass die Eröffnung der Ausweich-Klassen in der Schuldrehscheibe am Volkspark Friedrichshain aus Kostengründen vom Senat eingefroren wurde. Ohne diese Schuldrehscheibe wäre die Totalreparatur mehrerer Lernorte in Prenzlauer Berg unmöglich. Nun ist aber ein Investitionsstopp für die Drehscheiben vom Tisch, wie Stadträtin Krössin berichtet. Wie geplant soll das Gymnasium im Europasportpark in der Zeit von von Februar 2026 bis Februar 2029 in einer provisorischen Schule aus Holz auf der Werneuchener Wiese Interimsräume beziehen. Der Umzug in Ersatzklassen wäre jetzt also gesichert. Unklar ist allerdings die Finanzierung und der Ablauf der Sanierung während dieser Zeit im Bestandsbau.

Die Eröffnung der Drehscheibe Werneuchener Wiese ist von entscheidender Bedeutung, weil ohne sie mehrere kaputte Lernorte schließen könnten und fest geplante Schulerweiterungen im Boom-Bezirk ausfallen. Auch das Gymnasium am Europasportpark soll bei der Sanierung einen Anbau erhalten, um mit dem Familienzuwachs in Prenzlauer Berg schritt zu halten.

Eltern warnen vor Behörden-Ping-Pong – Kinder bauen bei Sturm Barrikaden

Enttäuschte Elternvertreter halten Stadträtin Krössin ihr Engagement zugute und verzichten auf Schuldvorwürfe. André Mors, dessen Tochter noch einige Jahre in den heruntergekommenen Klassenzimmern aushalten muss, sieht die Probleme im Konflikt der geteilten Zuständigkeit von Senat und Bezirksamt Pankow. Ein Fall von Behörden-Pingpong, der zulasten der Schulleitung und der Familien geht. „Wir hatten alle mit einer Sanierung im Jahr 2023 gerechnet. Diese Durststrecke bis zum Tag X wollten alle durchziehen“, sagt Mors. Nun steht der Tag X in den Sternen.

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Wie akut die Krise dieser kaputten Schule ausfällt, zeige eine Episode: Kinder hätten kürzlich bei einem Sturm Tische hochkant vor die maroden Fenstern gestellt, beschreibt der Vater den Barrikadenbau. Soll heißen: In Pankow wird der Nachwuchs selbst aktiv, um sich vor Verletzungen zu schützen.

Neuntklässler wie Paul üben sich seitdem in Galgenhumor und sprechen ganz offen von „einer ziemlich grauenhafte Lage“. Für Paul und seine Freunde ist klar: „Dieses Haus muss man einfach mal renovieren.“ Es sei normal, dass die Schüler an den wenigen noch zu öffnenden Fenstern frieren, während diejenigen an den blockierten Fenstern schwitzen.

Gymnasium am Europasportpark – ein Symbolort für Berlins Schulnot

Der Fall des Gymnasiums am Europasportpark führt schlaglichtartig alle Probleme der Berliner Schulpolitik vor Augen: Rasant steigende Schülerzahlen durch Zuzug und Geburtenboom zwingen die Planer vor allem im Nordosten der Stadt und speziell in Pankow zur Eröffnung neuer Lernorte. Und zur Erweiterungen der schon vorhandenen. Zugleich ist der Sanierungsbedarf so hoch, dass man komplette Schulen schließen müsste, um sie zu reparieren und zu vergrößern.

So kam es, dass der baufällige DDR-Typenbau am Velodrom vor rund sieben Jahren als neu gegründetes Gymnasium in Betrieb wieder ging – mit der Zusage, den brüchigen Bau so bald wie möglich zu ertüchtigen. In Krisenrunden suchen Schulstadträtin Krössin, die Schulleitung und der Senat nun nach einem Plan, wie man diese Zusage doch noch erfüllen kann. Um den baubedingten Lockdown abzuwenden.

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