Vogel-Plage

Fliegendes Übel an der U2: Pankow will „Pille“ für Tauben

| Lesedauer: 5 Minuten
Vorstöße aus Pankow, die Taube als Schädling zu bekämpfen, sind gescheitert. Trotzdem will man die Zahl der Tiere verringern - denn an der Schönhauser Allee ruinieren sie ein Denkmal.

Vorstöße aus Pankow, die Taube als Schädling zu bekämpfen, sind gescheitert. Trotzdem will man die Zahl der Tiere verringern - denn an der Schönhauser Allee ruinieren sie ein Denkmal.

Foto: Anikka Bauer

Unter der Hochbahn in Prenzlauer Berg verdreckt ein Taubenschwarm den teuer sanierten Boulevard. Pankow rät zur Verhütung.

Berlin.  Das gefiederte Übel gurrt behaglich über den Köpfen der Pendler. Wer am U-Bahnhof Eberswalder Straße seinen Zug erreichen will, muss aufpassen, dass es ihn nicht „erwischt“. Taubenmist gehört zur Schönhauser Allee, wie der Wurstimbiss Konnopke oder das Kino Colosseum. Taubenmist, erzeugt von Vögeln auf Vordächern der Haltestellen, ist einer der Gründe, warum Pankows Boulevard im Schmutz versinkt. Obwohl die BVG das Bahnviadukt der Linie U2 in Prenzlauer Berg für zwei Millionen Euro für Fußgänger herrichten ließ, will fast niemand auf dem breiten Weg unter den Baudenkmal flanieren.

Denn das lindgrüne Bauwerk aus Stahl ist Pankows bekanntester Taubenschlag. Tierexperten schätzen die Zahl der geflügelten Bewohner auf über hundert Exemplare. Und was die Vogelplage in einer solchen Größenordnung für die Stadtsauberkeit bedeutet, hat Stadträtin Manuela Anders-Granitzki (CDU) nun offiziell berechnen lassen: Man gehe davon aus, „dass eine Taube durchschnittlich 10 Kilogramm Nasskot pro Jahr produziert. Bei einer durchschnittlichen Schwarmgröße von 100 Tieren entspräche das in etwa einer Tonne je Schwarm im Jahr“, erklärt die Stadträtin auf Anfrage der Pankower SPD-Verordneten Ulrike Rosensky.

Taubenkot schädigt U-Bahnviadukt in Prenzlauer Berg und belästigt Passanten

Eine Tonne Kot pro Jahr – eine Herausforderung für Teams der Berliner Stadtreinigung (BSR) unter dem so genannten „Magistratsschirm“, die sich kaum bewältigen lässt. Obwohl sich der Weg unter der Hochbahn bereits in einer hohen Reinigungsklasse befindet, wird beseitigter Kot prompt durch neuen ersetzt.

Und Ulrike Rosensky hat den Eindruck, dass die Urheber des Drecks eher mehr werden als weniger – und fordert Maßnahmen, um die Zahl der Vögel an Pankows an „Tauben-Hotspots“ zu dezimieren. Optisch reizvolle Höhepunkte der Berliner Verkehrsinfrastruktur wie das U-Bahnviadukt, aber auch die Backstein-Bögen am S-Bahnhof Schönhauser Allee bieten dem Gefieder viele Winkel, um zu brüten. Während Denkmalschützer selbst Verkehrssicherheitselemente wie Poller für Radwege ablehnen, um die Ästhetik der Bahn-Bauwerke nicht zu stören, findet sich gegen die Verdreckung der Denkmale kein Mittel.

Bezirk Pankow wollte Tauben als Schädlinge einstufen lassen

Denn „adäquate Instrumente“ zur Eindämmung der Taubenpopulation, die der Bezirk Pankow anwenden könnte – sie fehlen, wie Stadträtin Anders-Granitzki mit Bedauern feststellt. Man habe darauf gedrängt, Tauben beim Berliner Senat als Schädlinge einzustufen, um die Bekämpfung zu erleichtern – vergeblich. Jagd auf Tauben wird es weder in Prenzlauer Berg noch an einem anderen Ort der Hauptstadt geben.

Zugleich erscheint dem Bezirk Pankow ein oft genannter Gegenvorschlag unsinnig: „In der Fachöffentlichkeit diskutierte Maßnahmen wie die Errichtung betreuter Taubenschläge sind in einer Großstadt wie Berlin nicht zielführend, da die Population und das Nahrungsangebot durch Personen, die Tauben füttern, viel zu groß sind“, nennt die Stadträtin Erkenntnisse ihrer Veterinärexperten.

Pankower Experten raten zu Verhütung bei Tauben und Strafen für Fütterung

Tatsächlich wird die Taubenplage an der Schönhauser Allee dadurch befeuert, dass Unbekannte mehrmals pro Woche Futter unter dem Viadukt verstreuen. Selbst mit Wasser gefüllte Trinkschalen aus Kunststoff können Passanten dort entdecken. So bietet die Schönhauser Allee Vögeln sogar bessere Lebensbedingungen als mancher Berliner Park.

Ein Bekämpfungsansatz, der dem Bezirksamt Pankow plausibel erscheint, lautet so: Hiesige Experten raten zum „Einsatz von Mitteln zur Empfängnisverhütung und ein generelles und mit hohen Bußgeldern bewehrtes Fütterungsverbot sowie die konsequente Ahndung von Vermüllung durch weggeworfene Essensreste“, teilt Anders-Granitzki mit. Eine Antibabypille für Berlins Tauben?

Barcelona lässt Taubenfutter mit Verhütungsmitteln mischen

In Barcelona zum Beispiel ist diese Idee schon verwirklicht. Hier können Passanten an Automaten Körner ziehen, die mit Verhütungsmitteln versetzt sind. So wird der Drang zum Fressen genutzt, damit die Paarung der Vögel ohne Folgen bleibt. Erfolg wird trotzdem Zeit brauchen – mit mehr als 1200 Tauben pro Quadratmeter ist die Plage in der katalanischen Hauptstadt besonders krass.

Abonnieren Sie den neuen Pankow-Newsletter der Berliner Morgenpost

Außerdem widerspricht die Ausbringung der Verhütungsmittel in Form von Körnern auch dem Denkansatz, das Anlocken von Schädlinge durch Füttern zu vermeiden. In Pankow möchte man nicht nur Tauben vertreiben, sondern auch Ratten und Mäuse. Sie fühlen sich am U2-Viadukt ebenfalls sichtlich wohl, hinterlassen aber nicht den sauren Mist, der die lindgrünen Stahlträger und Laternen verätzt.

Vergrämung von Tauben in Prenzlauer Berg: BVG nutzt Stacheln, Gittern und Netze

An diesen Installationen müht sich die BVG nach Kräften, um Tauben mit Verblechungen, Stacheln, Gittern und Netzen zu „vergrämen“, wie Sprecher Markus Falkner erklärt. „Diese Maßnahmen sind jedoch kaum nachhaltig. Sie bewirken zwar, dass die Tauben an dieser Stelle nicht mehr hausen, aber sie werden somit an andere Orte verdrängt.“ Und selbst bei der Vergrämung müssen die Verkehrsbetriebe „das Tierwohl“ beachten. So habe die Senatsverwaltung für Umwelt und Mobilität darauf hingewiesen, dass Stadttauben keine Wildtiere sind „und daher menschlicher Fürsorge bedürfen“.

Wer das verstreute Futter sieht, wird sich denken: Solche Fürsorge wie an der Schönhauser Allee gibt es an kaum einem anderen Berliner Ort.

Weitere Nachrichten aus Pankow lesen Sie hier