Angsträume und Toilettenmangel

So funktioniert Stadtplanung zum Wohl von Frauen in Pankow

| Lesedauer: 7 Minuten
Alexander Rothe
Die Pankower SPD-Politikerin Ulrike Rosensky will ein Bewusstsein schaffen für Stadträume, in denen Frauen sich unsicher und unwohl fühlen - etwa in Hochhaussiedlungen wie im Thälmannpark.

Die Pankower SPD-Politikerin Ulrike Rosensky will ein Bewusstsein schaffen für Stadträume, in denen Frauen sich unsicher und unwohl fühlen - etwa in Hochhaussiedlungen wie im Thälmannpark.

Foto: Thomas Schubert

Städte werden von Männern konzipiert. Fraueninteressen gehen in der Stadtgestaltung unter. Eine Pankower Politikerin will das ändern.

Berlin. Der morgendliche Gang zur Kita führt über einen breiten Gehweg, auf den sowohl Kinderwagen wie auch Rollstuhlfahrerinnen und -fahrer ausreichend Platz finden. Es geht vorbei an öffentlichen Toiletten, die auch Frauen kostenlos zur Verfügung stehen, sowie an einer Bushaltestelle, deren Bordsteinkante bis an die Eingangstür des Busses ragt – Für Mütter mit Kinderwagen und Einkaufstüten kein Problem. Nach fünf Minuten Fußmarsch kann das Kind in die Obhut des Kindergartens gegeben werden. Dann geht es weiter mit der Straßenbahn Richtung Arbeitsplatz.

Diese fiktive Szene könnte in einer Stadt spielen, die nicht von vornehmlich von Männern, sondern vor allem von Frauen gestaltet wurde. Während die Diskussion um ungleiche Bezahlung von Männern und Frauen, um feministische Außenpolitik oder um geschlechtergerechte Sprache in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist, wird ein Aspekt häufig vernachlässigt: Frauenfreundliche Stadtplanung.

Ulrike Rosensky: „Es gibt immer noch zu wenige Frauen in der SPD“

Alternativ: feministische Stadtplanung, wie es Ulrike Rosensky, Bezirksverordnete der SPD in Pankow, eher nennen würde. Die 42-Jährige hat sich dem Thema verschrieben und war bis zu ihrem derzeitigen Amt Vorsitzende des Frauenbeirats Pankow, der direkt unter dem Bürgermeister angesiedelt ist und dem rund 700 weibliche Genossinnen in Pankow angehörten.

In dieser Funktion setzte sie sich für die Belange unter anderem für obdachlose Frauen ein. Aus einem Antrag sei sogar ein Träger in Karow entstanden. „Wir waren bundesweit die ersten in der SPD, die zielgruppenspezifische Wahlkämpfe für Frauen organisiert haben“, erklärt Rosensky. „Es gibt immer noch zu wenige Frauen in der SPD. Deshalb haben wir Kandidatinnen unterstützt und thematische Infostände mit Frauen arrangiert.“ Diese Art des Beirats gäbe es laut Rosensky noch nicht in jedem Bezirk, Pankow sei dahingehend sehr gut aufgestellt.

Frühe Mutterschaft und DDR-Sozialisation prägen Sensibilisierung für Frauenthemen

In ihrer Position als Bezirksverordnete setzt sie sich ebenfalls für Frauen- und Gleichstellungspolitik ein. Dieser Schwerpunkt habe sich bereits früh herausgebildet. „In den 2000ern gab es in der SPD eine Diskussion um Angsträume für Frauen“, erinnert sie sich. Dabei ging es um schlechte Straßenbeleuchtung und dunkle Parks. Doch auch ihre persönliche Geschichte habe zur Genese ihres politischen Steckenpferds beigetragen: Sie sei mit 18 Jahren Mutter geworden – mittlerweile sind es drei Kinder. Von Anfang an sei es schwierig gewesen, einen Kita-Platz zu finden, der dann auch noch weit entfernt lag: „Ich habe eineinhalb Stunden von Zuhause zur Kita und dann zur Arbeit gebraucht“, berichtet die gelernte Rechtsanwalts- und Notarfachangestellte.

Zudem sei ihre Herkunft prägend für ihren heutigen Blick auf die Gestaltung von Städten. Die gebürtige Lichtenbergerin bezeichnet sich selbst als „typischen Ossi“. Nach eigenen Angaben, einer der wenigen in Prenzlauer Berg. Sie sei in einem Plattenbau aufgewachsen, wo Handwerker neben Professoren gelebt hatten.

Frauenfreundliche Infrastruktur und Sicherheit

Diese Erfahrungen und Prägungen möchte sie in eine feministische Stadtplanung einfließen lassen, in erster Linie in einem für Pankow besonders relevanten Bereich: Dem Bau neuer Wohnungen und Wohnviertel. Sie denke an die soziale Durchmischung von Hausgemeinschaften, wie es in der DDR der Fall gewesen war. „Dadurch wächst eine Gesellschaft zusammen.“

Die Anbindung zur Infrastruktur müsse verbessert werden, die Wege zur Kita und zu den Supermärkten kürzer. Breite Gehwege, Barrierefreiheit in Häusern, sowie eine gute ÖPNV-Anbindung und -Taktung – Frauen fuhren deutlich weniger mit dem Auto als Männer – spielten ebenfalls eine Rolle. Letztlich ginge es darum soziale Brennpunkte zu vermeiden, in denen Frauen um ihre Sicherheit fürchten müssen. „Im Ernst-Thälmann-Park beispielsweise hätte ich Angst, alleine durchzugehen.“

Männlich dominierte Stadtplanung sei meist kalt, anonym und erdrückend. Neben den Hochhäusern gebe es wenige Parkbänke und Mülleimer, Spielplätze seien oftmals versteckt. „Frauen würden eher gemeinschaftliche Aspekte bei der Gestaltung berücksichtigen“, ist sich Rosensky sicher und beklagt weiterhin die starken regionalen Unterschiede. „In Buch fühlen sich die Menschen abgehängt. Mit dieser Situation komme ich nicht klar.“ Feministische Stadtplanung bedeutet für sie demnach auch eine sozial-gerechte Gestaltung von Städten, sowohl von bestehenden wie auch von neuzubauenden.

„Pinkeln ist ein Menschenrecht“

Ein Paradebeispiel für eine geschlechterungerechte Stadtplanung seien öffentliche Toiletten in Pankow. In einer Kleinen Anfrage ihrerseits an das Bezirksamt Pankow erkundigte sich Rosensky über die Anzahl öffentlicher kostenloser Toiletten in Pankow. Antwort: Null. „Die Toiletten wurden gebaut, um gegen Wildpinkeln vorzugehen.“ Während Männer überall ihr kleines Geschäft verrichten könnten, sei das für Frauen nicht möglich. Gerade in jetzigen Zeiten sei die Investition von 50 Cent für jeden Toilettengang nicht für jede Frau machbar. „Pinkeln ist ein Menschenrecht“, so Rosensky. „Das Thema hört sich zwar lustig an, doch ich habe diesbezüglich viele positive Rückmeldungen erhalten.“

Bildung eines Frauenbeirats Stadtplanung

Mit diesen Missständen im Hinterkopf hat Ulrike Rosensky die Bildung eines Frauenbeirats Stadtplanung angekündigt, der im Stadtentwicklungsamt angesiedelt werden soll. „Die Mitglieder begleiten bauplanerische Prozesse.“ Außerdem wäre die Bürgerbeteiligung transparenter, da der Beirat sozial durchmischt sein soll: „Dort sollen Stadtplanerinnen, Träger, Seniorinnen und betroffene Personen sitzen.“

Im Ausschuss werde derzeit zu diesem Vorhaben beraten und Rosensky ist sich sicher, dass der Beirat in einer der nächsten Bezirksverordnetenversammlungen, spätestens bis zum Sommer, beschlossen werden könnte. Vorbild sei eine ähnliche Institution in Berlin Mitte, die bereits seit den 1990ern bestehe und ebenfalls heterogen besetzt sei.

„Schöner leben mit Feminismus“

Ulrike Rosensky ist sich sicher: Eine feministische Stadtplanung kommt nicht nur Frauen, sondern auch anderen Bevölkerungsteilen zugute. So sei die soziale Durchmischung von Wohnvierteln gesamtgesellschaftlich wertvoll und die Barrierefreiheit für Kinderwagen hätte seinen Nutzen für Menschen mit Behinderung.. „Schöner leben mit Feminismus“, fasst sie den Ansatz zusammen. „Eines Tages heißt es nicht mehr feministische, sondern unsere Stadtplanung.“

Doch noch sei man ganz am Anfang. Gerade Pankow mit seinen vielen Bauvorhaben habe großes Potenzial für eine frauenfreundliche Gestaltung von neuen Wohn- und Stadtvierteln. Schließlich dürfe diese Initiative aber nicht auf den Norden Berlins begrenzt werden, sondern müsse auch auf andere Bezirke übertragen werden.

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