Eine weggeworfene Zigarette: 50 Euro Strafe. Urinieren an den Ständern des U-Bahnviadukts: 35 Euro Bußgeld. Im weltweiten Vergleich kommen Verursacher von Schmutz in Berlin vergleichsweise günstig davon. Und weil die Chancen, einen Übeltäter an Ort und Stelle zu ertappen, sehr gering sind und die finanziellen Mittel für die Reinigung bislang überschaubar waren, gehört der Weg unter der Hochbahntrasse der U2 zu den dreckigsten der Stadt.

Am Dienstagmorgen steht Pankows Ordnungsstadtrat Daniel Krüger (parteilos, für AfD) mit buntem Schal und Schiebermütze unter dem U-Bahnhof Eberswalder Straße und verkündet, dass er hier Singapur simulieren will. Ab sofort. Krüger nimmt sich also einen fernöstlichen Stadtstaat zum Vorbild, in dem Sauberkeit so hoch geschätzt wird, dass man einen Müllsünder mit horrenden Bußgeldern belegt – und Graffitisprayer auspeitscht.

Zweimal am Tag arbeitet sich eine Patrouille voran

Aber Krüger hat keine Peitsche und kann als einfacher Stadtrat auch keine höheren Geldstrafen verhängen. „Singapur simulieren“ – das heißt zunächst einmal nur, etwas gründlicher sauber machen als zuvor. Taubenkot, Urin, Pommes auf dem Pflaster und Graffiti an den Pfeilern, all das soll jetzt genau so schnell verschwinden, wie es den Straßenraum verschmutzt. Zweimal am Tag arbeitet sich eine Patrouille nun unter dem Viadukt voran. Nach der Trockenreinigung durch die Berliner Stadtreinigung (BSR) tritt sogleich eine private Reinigungsfirma im Namen der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) mit Dampfstrahlern in Aktion. Schon vor dem Schwerpunkteinsatz rangierte die Schönhauser Allee laut BSR-Sprecher Sebastian Harnisch in der höchsten Reinigungsklasse. Doch ein kurzer Blick unter die Hochbahntrasse zeigt: In der Praxis reichte diese Maximal­einstufung nicht aus.

Eine Schmuddelmeile putzt sich heraus: Stadtrat Daniel Krüger (l.) geht mit der Reinigungskolonne auf Patrouille.
Eine Schmuddelmeile putzt sich heraus: Stadtrat Daniel Krüger (l.) geht mit der Reinigungskolonne auf Patrouille.© Thomas Schubert

Bezirksamt, BSR und BVG wollen an diesem Vormittag ein Signal senden: In einer der schmutzigsten Ecken von Prenzlauer Berg wird der Streit, wer welche Teile des Pflasters pflegen muss, begraben. Jetzt handelt man ganz unbürokratisch gemeinsam. „Für die verschiedenen Zuständigkeiten hat der Bürger einfach kein Verständnis. Er will es einfach sauber haben“, sagt Stadtrat Krüger. Und beruft sich auf immer wiederkehrende Anwohnerbeschwerden über Müll und Gestank an der Schönhauser Allee.

Möglich wird der neue Schwerpunkteinsatz in Pankow dank des Aktions­programmes „Sauberes Berlin“. Darin ist nicht nur eine personelle Verstärkung der Ordnungsämter in den Bezirken enthalten, sondern auch Geld für die Beseitigung von Sperrmüll. Der ist an der Schönhauser Allee aber eher ein kleineres Übel – im Vergleich zu den stinkenden Urinecken und Hügeln aus Vogelkot unter dem Viadukt. Deshalb wird das Geld hier in die Straßenreinigung investiert. „Gemeinsam mit den Bezirken und der BSR haben wir konkrete Strategien und Maßnahmen entwickelt, um unsere Stadt sauberer zu gestalten. Wir brauchen mehr Sensibilität für das Thema Umweltschutz und einen bewussten Umgang mit der Müllentsorgung bei den Berlinern und unseren Besuchern“, sagt Wirtschafts­senatorin Ramona Pop (Grüne) über das Aktionsprogramm, das die Landesregierung im Herbst beschlossen hatte.

An Bewusstsein für Sauberkeit hat es den Passanten an der Schönhauser Allee bislang durchaus gefehlt, findet BSR-Mitarbeiter Fabian Krüger. Der Weg unter dem U-Bahnviadukt ist sein Revier. „Hier ist ein extrem hoher Publikumsverkehr. Dadurch gibt es auch entsprechend viele Verunreinigungen durch Leichtverpackungen und Zigarettenkippen“, erklärt der Bereichsleiter. Ein Handreiniger habe eine Wegesleistung von etwa 4,5 Kilometern am Tag. „Wenn dann so viel Abfall achtlos weggeworfen wird, ist das eine besondere Herausforderung.“

SPD für die Aufstellung von Pissoirs unter dem Viadukt

Die Herausforderung in Sachen Hygiene kennt auch Stadtrat Krüger. Er sagt: „Wir hoffen, dass ein sauberes Pflaster zu einer Verhaltensänderung der Passanten führt.“ Mit 30 Mitarbeitern des Ordnungsamtes, die in Pankow Streife laufen, werde man Delikte nie so konsequent ahnden können wie im bestens gerüsteten Singapur. Wenn es so weit kommt, dass Passanten achtsamer mit ihrem Müll umgehen, dann lässt sich auch auf einen Strafkatalog à la Singapur verzichten. „Es ist eine Verhaltensanpassung mit Maßnahmen der weichen Form“, sagt der Stadtrat. Ein Umdenken wünscht er sich auch beim Toilettengang. Ob die Pankower Bezirksverordneten auf Antrag der SPD für die Aufstellung von Pissoirs unter dem Viadukt der U stimmen werden, ist noch offen. Krüger meint: Männer mit einem dringenden Bedürfnis sollten entweder anhalten – oder Toiletten in einem der vielen Cafés aufsuchen. Ein Pfosten sei kein Urinal. Weder in Singapur noch in Berlin.

Stadt der Gebote und harten Strafen:

Seinen Ruf als eine der saubersten Metropolen der Welt hat Singapur durch harte Strafen begründet. Wer im öffentlichen Straßenland Müll fallen lässt und überführt wird, muss ein Bußgeld von mindestens 2000 Singapur-Dollar zahlen. Das entspricht etwa 1300 Euro. Wiederholungstäter berappen die vierfache Summe und müssen stundenlang Strafarbeit leisten. Graffitisprayer erwartet sogar eine Prügelstrafe. Es setzt mindestens drei Hiebe mit einem peitschenartigen Stock. Hinzu kommen mehrere Monate Gefängnis.

Die asiatische Metropole bezeichnet sich selbst als „Fine City“, also als Stadt der Strafen. Die Zeiten, als Kaugummi gar nicht erhältlich war, sind in Singapur aber vorbei. Wer es aus medizinischen Gründen verschrieben bekommt, kann in Apotheken zwei Sorten ordern.