Alles begann mit einem außergewöhnlichen Geschenk. Vor zehn Jahren, zu ihrem 25. Geburtstag, bekam Amundra Gantö­mör von ihrer besten Freundin einen antiken Seidenkimono, korallenrot und cremefarben mit floralen Mustern. Das Design faszinierte Gantömör augenblicklich. „Es war Liebe auf den ersten Blick“, sagt sie. „Ich werde nie vergessen, wie sich der Kimono auf der Haut anfühlte, als ich ihn das erste Mal anprobierte. Er brachte mich zum Strahlen.“

Zu dieser Zeit war Gantömör mit ihrer Karriere unzufrieden. Sie hatte hauptsächlich für Model- und Werbeagenturen gearbeitet, doch die Arbeit erfüllte sie nicht. Inspiriert durch das Geburtstagsgeschenk und ihr hierdurch aufkeimendes Interesse an der traditionellen japanischen Mode beschloss sie, sich fortan dem Kimono zu widmen.

Ein Jahr nach Erhalt des Geschenks begann sie mit den Vorbereitungen zur Gründung ihres eigenen Unternehmens. „Ich wollte etwas machen, bei dem ich meine Leidenschaft für Mode mit meinem Wunsch, andere Menschen glücklich zu machen, verbinden kann“, sagt sie.

Die Kimonos werden auf Märkten und Auktionen in Japan gekauft

Das Ergebnis war „Aura Berlin“ – Gantömörs Vintage-Kimono-Laden im Herzen von Neukölln, nur wenige hundert Meter vom Maybachufer entfernt. Das Geschäft hat sich auf handgefertigte Seidenkimonos aus den 1920er- bis 1980er-Jahren spezialisiert, die alle sorgfältig auf Kleinstadtmärkten und auf Auktionen in Japan ausgewählt werden. Dieser Ansatz entspricht Gantömörs Überzeugung vom künstlerischen Wert jedes einzelnen Kimonos. „Ich bewundere die japanische Handwerkskunst und die aufwendige Herstellung der Kleidung sehr“, sagt sie. „Mich fasziniert die Liebe zum Detail. Jeder Kimono hat etwas eigenes.“

Das Innere von „Aura Berlin“ ist eine stolze Zurschaustellung von Farbe, Eleganz und Schönheit. Obwohl einige der Kimonos bis zu einem Jahrhundert alt sind, sind sie alle in einem außergewöhnlich guten Zustand. Die angebotenen Kleidungsstücke zeigen die Vielfalt dieser traditionellen Kleidungsform. Der Yukata, ein legerer Sommerkimono aus Baumwolle, der traditionell als Bademantel verwendet wird, gehört ebenso dazu wie der voll gemusterte informelle Komon; der formelle Kurotomesode hat eine schwarze Basis mit einem bunten Muster entlang des Saums. Haori, hüft- oder oberschenkellange formelle Jacken, die über einem Kimono getragen werden, sind ebenfalls erhältlich.

Izumi Ose kauft die Ware für „Aura Berlin“ ein. Sie lebt die Hälfte des Jahres in Japan und die andere Hälfte in Berlin. Wenn sie in Japan ist, besucht sie ­Dörfer und Auktionen im ganzen Land und wählt die Kimonos aus, die sie dann entweder verschiffen lässt oder selbst nach Berlin bringt. Als Japanerin hat Ose ein tiefes Verständnis für die japanische Kultur und deren Traditionen.

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Kimonos sind für sie "Kunst auf der Haut"

Gantömör hingegen, die in der mongolischen Hauptstadt Ulaanbaatar geboren wurde und bei ihrer Großmutter, einer Moderedakteurin, in Ostdeutschland aufwuchs, musste sich zunächst in dieser ungewohnten Welt zurechtfinden. Kimonos, sagt sie, seien mehr als nur ein Kleidungsstück. Für sie sind sie eine Form von „Kunst auf der Haut“ und eine „Lebensart“. Obwohl sie seit mehr als einem Jahrzehnt in der Branche tätig ist, glaubt sie, dass es noch viel zu lernen gibt. „Ich lerne jeden Tag etwas Neues: über das Design, den Stoff, die Geschichte und die japanische Kultur. Es wird nie langweilig.“

Durch den Kimono hat Gantömör ein allgemeineres Interesse an Japan und ­seinen Traditionen entwickelt. Sie ­erinnert sich, dass ihr erster Besuch dort besonders bewegend war. „Es war ein seltsames ­Gefühl, denn obwohl ich keine fami­liäre Verbindung zu Japan habe, fühlte ich mich dort heimisch. In gewisser Weise war es, als würde ich sogar nach Hause zurückkehren.“

Ein Element der japanischen Kultur, das sie stark beeinflusst hat, ist die Bedeutung von Nachhaltigkeit. Der Shinto-Glauben lehrt, dass in jeder Existenz eine Seele lebt. Deshalb werden in Fernost alltägliche Dinge mit großem Respekt und sehr großer Sorgfalt behandelt. Gantömör sagt, dass die Vorstellung, dass sogar Gegenstände eine Seele besitzen, ihre gesamte Weltanschauung verändert hätte. Der Gegensatz zu den kapitalistischen Werten der Wegwerf-­Gesellschaft und Fast-­Fashion-Industrie der westlichen Welt ist in ihren Arbeiten erkennbar.

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Mittlerweile gibt es auch eigene Kreationen

Die Pandemie läutete eine neue Phase in Gantömörs Liebesbeziehung zum ­Kimono ein. Nachdem sie das Geschäft eine Zeit lang schließen musste, begann sie, ihre eigene Kreativität zu kanalisieren und beschloss, eine Produktionslinie unter der Marke „Aura“ zu gründen. „Ich möchte dem Design von Kimonos einen neuen und modernen Touch verleihen“, sagt sie.

Ihre Entwürfe sind so vielfältig wie ihr Kundenstamm, der von Kindern über „Manga-­Girls“, Millennials und Unternehmer bis hin zu ihrer ältesten Kundin, einer 100-jährigen Frau, reicht. Zunehmend kaufen auch Männer an der Sanderstraße ein. Mit einem Jahrzehnt Erfahrung im ­Kimono-Geschäft ist Gantömör zuversichtlich, dass sie mit ihren eigenen Kreationen überzeugen kann. „Nach all den Jahren weiß ich, was fehlt und was sich meine Kunden wünschen.“

Aura Berlin Sanderstraße 13, Neukölln, Tel. 0178/148 44 44, Mo.–Fr. 13–20 Uhr, Sbd. 12–19 Uhr, www.auraberlin.com

Hier gibt es Mode und edle Stoffe in Berlin (Auswahl)

  • Andreas Murkudis Potsdamer Straße 81, Tiergarten, Tel. 680 79 83 06, Mo.–Sbd. 11–19 Uhr, andreasmurkudis.com
  • Esther Perbandt Almstadtstraße 3, Mitte, Tel. 88 53 67 91, Di.–Fr. 10–19 Uhr, Sbd. 12–18 Uhr, www.claudiaskoda.com
  • Darklands Lindower Straße 22, Wedding Mo., Fr., Sbd. 11–18 Uhr, www.darklandsberlin.com
  • Konk Kleine Hamburger Straße 15, Mitte, Tel. 28 09 78 39, Mo.–Sbd. 12–19 Uhr, www.konk-berlin.de
  • Lala Berlin Alte Schönhauser Straße 3, Mitte, Tel. 20 09 53 63, Mo.–Sbd. 11–19 Uhr, www.lalaberlin.com
  • Marcel Ostertag Store Schlüterstraße 12, Charlottenburg, Tel. 0173–539 75 65, Mo.–Sbd. 10–19 Uhr, www.marcelostertag.com
  • Odeeh Store Potsdamer Straße 81a, Haus J, Tiergarten, Tel. 26 39 11 59, Mo.–Sbd. 11–19 Uhr, www.odeeh.com
  • Sabrina Dehoff Auguststr. 26a, Mitte, Tel. 97 00 41 60, Mo.–Sbd. 12–18 Uhr, www.sabrinadehoff.com
  • Herr von Eden Alte Schönhauser Straße 14, Mitte, Mo.–Sbd. 12–18 Uhr, Tel. 288 743 54, www.herrvoneden.com

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