Berliner Tagebuch

Als in "Mampes guter Stube" am Kudamm Weltliteratur entstand

Heute vor siebzig Jahren ist er in Paris gestorben, verarmt und krank - vom Alkohol und von der Trauer über den Untergang seines alten Europa.

Der Dichter Joseph Roth ist nur 44 Jahre alt geworden. Sein berühmtestes Buch, den "Radetzkymarsch" hat er in Berlin geschrieben, vor allem in dem Lokal "Mampes gute Stube" am Kurfürstendamm Nr. 15. Die gute Stube ist dem "Fortschritt" zum Opfer gefallen. Aber eine Gedenktafel erinnert immerhin daran, dass hier eines der ganz großen Werke der Weltliteratur entstanden ist. Dass man Roth nicht mit Berlin assoziiert, liegt daran, dass sein Ruhm sich auf Geschichten gründet, die allesamt in der 1918 versunkenen K.-u.-K.-Monarchie spielen: die Familiensaga der Trottas im "Radetzkymarsch" oder die herzergreifende Erzählung "Hiob" aus dem ostjüdischen Milieu. Von dort her, aus dem österreichischen Kronland Galizien, stammte auch Roth. Als er geboren wurde, trug der weißbärtige Kaiser Franz Joseph unter seinen vielen Titeln auch jenen eines "Herzogs von Auschwitz" und niemand ahnte, wofür der Ortsname einst stehen würde. Der hochbegabte Sohn aus jüdischer Familie studierte ein wenig in Lemberg und Wien, geriet in den Weltkrieg und wurde ganz jung Journalist. Als in Wien der imperiale Glanz erloschen war und das Leben als Autor immer schwieriger wurde, kam Roth 1920 nach Berlin. Die einzigartig reiche Zeitungslandschaft der Hauptstadt, wo Dutzende von Blättern konkurrierten, zog Schreibtalente magisch an. Es war der Moment, wo die deutsche Hauptstadt sich anschickte, trotz Not und Inflation und extremer politischer Spannungen zur europäischen Kulturmetropole aufzusteigen.

Roth machte schnell Karriere. Er wurde einer der am besten bezahlten Journalisten der Weimarer Republik. Berlin wurde sein Thema. Es bildet in seinem journalistischen Werk den größten Block.

Joseph Roth hat Berlin nicht geliebt. "In Berlin friert man schon bei 15 Grad Celsius", hat er einmal geschrieben. Aber fasziniert war er doch. Mit schlafwandlerischer Sensibilität für sprechende Details hat er Berlin als deutsche Schicksalsstadt und als Labor der Moderne beschrieben wie kein Zweiter. "Ich zeichne das Gesicht der Zeit", war Roths stolzes Credo. Noch einmal "Radetzkymarsch": Ein Rätsel ist mir, wie jemand in einem Kurfürstendamm-Lokal, umgeben von hektischen Berliner Stimmen, das Timbre Alt-Österreichs so vernehmen konnte, wie es dann im "Radetzkymarsch" klingt. Es gibt eine grandiose Lesung des Romans von Michael Heltau auf CD, 17 Stunden dauert sie. Wer Roth noch nicht kennt, soll damit anfangen. Es ist nie zu spät, einen großen Berliner Autor lieben zu lernen.

Bis morgen

Ihr

Christoph Stölzl

christoph.stoelzl@morgenpost.de

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