Katharina Sigwart hat einen außergewöhnlichen und immer seltener werdenden Beruf. In ihrem Charlottenburger Hutsalon kaufen auch Stars wie Yoko Ono ein. Von Anja Meyer Möglicherweise liegt Katharina Sigwarts exotischer Traumberuf schon in ihren Genen. Für sich entdeckt hat die 52 Jahre alte Hutmacherin ihn allerdings erst auf Umwegen - in diesem Frühjahr feiert sie aber ihr 30-jähriges Berufsjubiläum als Modistin. Mit ihrem Charlottenburger Salon Yva hat Katharina Sigwart sich in Berlin und darüber hinaus längst einen Namen gemacht. Prominente wie Udo Lindenberg oder Marcel Reich-Ranicki kauften sich Hüte bei ihr. Die Künstlerin und überzeugte Hutträgerin Yoko Ono verließ den Laden einst sogar mit 19 Hüten.

Mit großer Krempe: Nicht nur schräge Vögel tragen auffällige Hüte. Foto: Anja Meyer
Mit großer Krempe: Nicht nur schräge Vögel tragen auffällige Hüte. Foto: Anja Meyer

Regal mit mehr als 100 Hutformen

Katharina Sigwart sitzt in der Werkstatt ihres Salons Yva und erzählt von ihrem Werdegang. Der Laden ist insgesamt nur 44 Quadratmeter groß, aufgeteilt in Schaufläche, Atelier und Werkstatt. Überall liegen Stoffe, Draht, Hüte, an der Wand steht ein Regal mit mehr als hundert Holzformen, an denen Sigwart die Hüte für unterschiedliche Köpfe passend formt. Hier in ihrem Atelier verbringt die Modistin sechs Tage pro Woche, fertigt Hüte und andere Kopfbedeckungen in feinster Handarbeit, berät Kunden und entwickelt neue Ideen. Meistens ist sie allein, zurzeit bildet sie keinen Nachwuchs aus, lauscht Deutschlandradio Kultur und versinkt in ihrer Arbeit. „Man muss für den Beruf brennen“, sagt sie. „Reich wird man damit jedenfalls nicht.“ Sigwart brennt dafür, die zweifache Mutter möchte nichts anderes mehr machen.

Mit den Holzformen schafft Katharina Sigwart eine perfekte Passform. Foto: Anja Meyer
Mit den Holzformen schafft Katharina Sigwart eine perfekte Passform. Foto: Anja Meyer

Fasziniert von den Porträts behüteter Menschen

Als Jugendliche wollte Katharina Sigwart immer Künstlerin werden. Nach dem Abitur bewarb sie sich an der Münchener Kunstakademie. Sie scheiterte beim Vorsprechen und studierte erst einmal Kunstgeschichte, wenige Semester später wechselte sie nach Berlin. Die Studentin jobbte im Bauhausarchiv, dort bemerkte sie, dass die Kopfbedeckungen porträtierter Menschen sie faszinierten. „Daran sieht man sofort, mit welchem Typ von Mensch man zu tun hat“, sagt sie. Außerdem empfand sie die Gegensätze, die mit Kopfbedeckungen erreicht werden können, extrem spannend: Sie können gleichmachen - wie eine Soldatenkappe, oder den Menschen sehr individuell erscheinen lassen. Sie können das Gesicht verstecken - oder es exponieren. Außerdem ist die Hutmacherei das Handwerk, das der Kunst laut Sigwart am nächsten kommt. „Es ist wie eine Skulptur, mit der man die Silhouette eines Menschen formt“, sagt sie. Alle Materialien sind möglich. Der Wunsch, in die Ausbildung zur Modistin zu gehen, reifte immer mehr.

Schon die Mutter war Putzmacherin

Ganz fern lag das nicht. Schon ihre Mutter war Putzmacherin, wie man Hutmacher einst nannte. Ausgeübt hat sie diesen Beruf nach der Geburt von Katharina Sigwart aber nicht mehr. Im Frühjahr 1986 begann Sigwart ihre Ausbildung in Frankfurt am Main, die Gesellenzeit verbrachte sie in Bremen, immer das Ziel vor Augen: Wenn sie den Meister in der Tasche hat, kommt sie zurück nach Berlin. Im Jahr 1992 war es soweit - die Hutmacherin eröffnete ihren ersten Salon an der Charlottenburger Windscheidstraße. Später zog sie nach Mitte in die Oranienstraße. Als es dort zu touristisch wurde, kam sie zurück nach Charlottenburg. Seit 2011 führt sie ihren Laden jetzt in Kudamm-Nähe. Das passt auch zur Kundschaft, die bereit ist, um die 200 bis 300 Euro für einen Hut auszugeben. Es geht aber auch günstiger.

Mit der Nähmaschine werden die Kopfbedeckungen versäubert. Foto: Anja Meyer
Mit der Nähmaschine werden die Kopfbedeckungen versäubert. Foto: Anja Meyer

Kultivierte Menschen mit Sinn fürs Detail

In ihren Laden kommen ganz unterschiedliche Kunden. Manche wollen sich mal zum Spaß einen Hut kaufen, andere für eine Hochzeit. Und dann sind da die überzeugten Hutträger. „Die meisten sind kultivierte Menschen mit Sinn fürs Detail“, erzählt Katharina Sigwart. „Auf jeden Fall sind es eher selbstbewusste Menschen, viele stammen aus dem Kunstbereich.“ Katharina Sigwart ist der Meinung, dass zu jedem Gesicht eine Kopfbedeckung passt. „Es gibt niemanden, der kein Hutgesicht hat.“ Früher habe ja auch jeder eine Kopfbedeckung getragen, gibt sie zu bedenken. Erst in den 60er-Jahren geriet das aus der Mode. „Die Legende sagt, dass John F. Kennedy Schuld ist“, erzählt Sigwart. Er war das erste westliche Idol, das keinen Hut mehr getragen hat. Außerdem fuhren die Menschen Autos und mussten ihre Köpfe nicht mehr schützen. Eine schlechte Entwicklung für Modisten, der Job wurde immer exotischer.

Seit den 90ern feiern Hüte wieder ein Comeback

Seit den 1990er Jahren feiern Hüte laut Katharina Sigwart langsam wieder ihr Comeback, sie ist froh über die Entwicklung. Das habe ihrer Meinung nach auch mit dem Musiksender MTV zu tun, der Bilder von Stars mit Hüten verbreitete. „Man gilt mit Hut nicht mehr ganz so als schräger Vogel, wie noch zu meiner Jugendzeit“, sagt sie. Und deshalb formt, näht und verziert Katharina Sigwart in ihrem Salon Yva so erfolgreich Hüte für ihre selbstbewussten Kunden. Für solche Menschen, wie sie die Fotografin Yva in den 1920er Jahren fotografiert hat.