Diese Frau ist gleich unter zwei Namen bekannt geworden, in zwei unterschiedlichen Berufen. Aber ihr Hauptwerk – als Fotografin – spiegelt in einzigartiger Weise das öffentliche und private Leben in der Weimarer Republik. Die Rede ist von Marianne Breslauer alias Marianne Feilchenfeldt, der die Berlinische Galerie jetzt eine große Retrospektive ausrichtete.

"Unbeachtete Momente – Fotografien 1927 – 1936“ heißt die Ausstellung nicht ganz passend, denn intensive Beachtung fanden die verewigten Momente, und zwar durch die Künstlerin. Was aber gemeint ist: Die 1909 in Berlin geborene Marianne Breslauer (so ihr Mädchenname), die beim Lette-Verein ihre Ausbildung erhielt und dann bei Man Ray in Paris den letzten Schliff bekam, widmete sich dem Unspektakulären, dem Alltäglichen, dem vermeintlich Langweiligen – und hauchte ihm mit verwegenem Hell-Dunkel-Spiel Leben ein.

Vorab zeigen Selbstporträts auf Silbergelatinepapier ihre unverklemmte Art, sich dem Publikum zu präsentieren: Mit zerzaustem Haar oder im offenen Bademantel neben der Kamera gibt sie sich preis. Die Architektentochter, die mit Prominenten wie dem Dichter Erich Maria Remarque als Freunde der Eltern aufwuchs, lebte den legeren Geist der zwanziger Jahre voll aus, eine gewisse Neigung zum Unisex inklusive.

So waren es vor allem Frauen, die sie für Porträtaufnahmen faszinierten. Die Schriftstellerin Annemarie Schwarzenbach mit den Herrenhaaren etwa oder Ruth von Morgen, deren junger nackter Rücken auf dem Ausstellungsplakat prangt. Auch „Mrs L. Ullstein“ ist dabei – mit zur Seite geneigtem Kopf, zugleich verträumt und aufmerksam. Frauen wirken bei Breslauer auffallend intelligent – ein Akt optischer Emanzipation, wenn man so will.

Inspiration aus ganz Europa

Reisen nach Jerusalem, Italien, Spanien bereicherten die frühen dreißiger Jahre. „Djamila“, vielleicht nach einem Roman so genannt, steht mit wehenden Locken da wie eine antike Statue in der brennenden Sonne – bildhübsch. Aber es gibt auch Fotos mit hohem Dokumentationswert: Schuh-Haufen vor einer Moschee, arabische Gemäuer, auf dem Feld arbeitende Menschen in Palästina. Kamele knien vor der Breslauer so hoheitsvoll, als sei die Lady mit der Kamera aus Europa ein Beduinenoberhaupt.

Zurück in Europa, bereiste sie Amsterdam: Hausboote, Grachten, das Spiegelbild im Kanalwasser bilden eine perfekte Kulisse für ihre Art von Schnappschuss-Romantik. Nach Amsterdam emigrierte sie 1936 und heiratete den ihr aus Berlin bekannten Kunsthändler Walter Feilchenfeldt. Die Ausstellung stoppt hier, der Besucher aber sollte wissen, dass die Breslauer den Holocaust überlebte und mit ihrem Gatten, der zuvor die berühmte Galerie von Paul Cassirer in Berlin führte, nach dem Krieg ein Geschäft in Zürich eröffnete. Bis 1990 war sie dort tätig, zuletzt mit ihrem Sohn. 2001 starb sie, nach einem erfüllten Leben.

Andere Frauen, die sich zeitgleich mit der Breslauer in Berlin übers Fotografieren emanzipierten, waren ebenso begabt, aber oft weniger glücklich in der Überlebenskunst. Die Berlinische Galerie stellt dankenswerterweise auch von ihnen Fotografien aus. So von Yva, der Lehrmeisterin von Helmut Newton. Ein Model mit Sommerhut, zart und luftig beide, und eine „Kreolin“ – mit schwarz geschminkten Lippen – bezeugen die Trends. Und da ist ein Foto, das eine Kaffeetasse in Frauenhänden zeigt, vor dem dazu gehörenden Kussmund – einfach fabelhaft, wie viel Flair die große Yva mit wenig Aufwand ins Bild bannte. Sie starb mit ihrem Mann vermutlich im KZ Majdanek – eine rechtzeitige Emigration war ihr nicht vergönnt. Anders als Steffi Brandl, die allerdings im amerikanischen Exil keinen Erfolg hatte und die man regelrecht entdecken muss.

Berlinische Galerie Alte Jakobstr. 124-128, Kreuzberg. Tel:78902600. Mi-Mo 10-18 Uhr. Bis 6. September.