Renée Sintenis

Der scheue Star im wimmelnden Berlin

Mit den jungen Hunden und Trakehnern in ihrer märkischen Heimatstadt Neuruppin fing alles an. Seit frühester Kindheit, so Renée Sintenis rückblickend, habe sie eine stärkere Beziehung zu Tieren als zu Menschen gehabt. Die Tiere seien ihr eine Zuflucht vor den Anforderungen des Lebens gewesen, sie "forderten nichts von mir, sie wollten nichts, bei ihnen durfte ich selbst sein."

Das schüchterne junge Mädchen, das wegen seiner Körpergröße gehänselt wurde, zeichnete lieber Pferde, als Lateinvokabeln zu pauken. Bildhauerin wollte sie werden, feuchte Tonmasse nach ihrem Willen gestalten. Doch am Berliner Kunstgewerbemuseum, wo sie 1905 nach Abbruch der Schule "dekorative Plastik" studierte, war Bildhauerei reine Männersache. Frauen besaßen nicht die Kraft, die riesengroßen, repräsentativen Statuen in Stein zu hauen, die im wilhelminischen Deutschland gefragt waren. Die enttäuschte Renate Alice - so hieß sie damals noch - brach das Studium ab, lernte Sekretärin und versank in Depression. Die Eltern drängten zur Heirat, doch der ein Meter achtzig großen Frau mit den dunklen kurzgeschnittenen Haaren und den vollen Lippen widersetze sich.

Mit Ringelnatz durch die Lokale

Mit Unterstützung des Malers Emil Rudolf Weiß, der als Professor an der Kunstgewerbeschule auf sie aufmerksam geworden war, stellte sie 1913 erstmals ihre kleinen Skulpturen aus: hohe, graziöse Frauenfiguren, die einen Gegenpol zu der lauten, expressionistischen Kunst jener Zeit bildeten. Der Durchbruch aber gelingt der 27-Jährigen mit ihren Tierfiguren - mitten im Ersten Weltkrieg. Ihre kleinen bronzenen Fohlen und Kälbchen, Rehe und Esel sprechen eine andere Sprache als die Kanonen in den Schützengräben. Sie strahlen eine Friedlichkeit und Lebendigkeit aus. Die Kritiker überschlagen sich vor Begeisterung: Von wegen klotzige Fäuste, stramme Waden und bohrende Heroenblicke: "Man merkt auf einmal, dass deutsche Plastik lächeln kann", schreibt der Publizist Julius Meier-Graefe, und Rainer Maria Rilke vermittelt die zierlichen Figuren an Kunstsammler. Auch das Publikum ist hingerissen. Der "Wilde Steinbock" und der "Ziegenbock", die Sintenis in limitierter Auflage bei der Gießerei Noack in Berlin-Friedenau in Bronze gießen lässt, entwickeln sich zum Verkaufsschlager. Die naturgetreuen Kleinplastiken zieren bürgerliche Kaminsimse und Schreibtische ebenso wie die Kinderzimmer in den großen Luxusvillen.

Paris und New York - der internationale Ruhm lässt nicht lange auf sich warten. Der einflussreiche Berliner Kunsthändler Alfred Flechtheim, der die Avantgarde von George Grosz bis Ernst Barlach betreut, nimmt sich der Bildhauerin an, und schon bald sind ihre Werke in den Galerien der Welt zu sehen. Die Sintenis - inzwischen mit dem zehn Jahre älteren Emil Rudolf Weiß verheiratet - ist in den Zwanzigerjahren eine Frau, die das mondäne Berlin kennt. Jeden Morgen jagt sie in Reitmontur auf ihrem Wallach Horaz durch den Tiergarten. Als eine der wenigen in der Stadt fährt sie einen amerikanischen Studebaker. Wenn sie im sportlichen Sakko, den Männerhut schräg auf dem Bubikopf, das Romanische Café an der Budapester Straße betritt, folgen ihr die Blicke. Die Sintenis ist in jeder Hinsicht eine Ausnahme, wie Silke Kettelhake in ihrer Biografie der Künstlerin zeigt. Aufrecht wie eine Göttin, den heißgeliebten Hund Terry an der kurzen Leine, durchschreitet sie das Lokal und tippt sich zum Gruß nur leicht an die Schläfe.

Mühelos wechselt die "Riesin mit dem Kleintierzoo", wie man sie liebevoll-spöttisch nennt, zwischen den Welten. Im Salon ihrer großbürgerlichen Etagenwohnung schafft die Professorengattin tagsüber die begehrten Skulpturen. Später zieht sie mit ihrem guten Freund Joachim Ringelnatz durch die Jazzlokale und erkundet das Nachtleben der wilden Zwanziger. Ein ungewöhnliches Paar sind sie: die langbeinige Amazone und der kleinwüchsige Kerl mit der Vogelnase, die berühmte Bildhauerin und der mittellose Bänkelsänger, der als Matrose die Weltmeere befuhr. Mit seinen "Kuttel Daddeldu"-Seemannsliedern und drallen Versen bringt er das Berliner Kabarettpublikum zum Kreischen. Renée aber nimmt ihren "Ringel" ernst. Hinter dem komischen Kauz erkennt sie den talentierten Künstler. Sie vermittelt ihn an Flechtheim, und siehe da: Die dilettantisch, fast kindlich anmutenden Bilder des malenden Dichters sind ein großer Erfolg.

Während die NSDAP bei den Wahlen 1932 stärkste Partei wird, formt sie unbeirrt ihre tapsigen Bären und ungestümen Ponys. Dennoch war sie keineswegs weltfremd. Silke Kettelhake zeigt vielmehr eine Frau, die deutlich politische Position bezog, dabei aber - wie in der Kunst - mehr auf weibliche Intuition als auf männlichen Intellekt vertraute. "Mit den Männern ist das komisch. Soviel vernagelt, schade um die an sich guten Gehirne. Jahrhundertelanges Schematisieren des Denkprozesses auf Kosten des Instinktes und diese alberne Wichtigtuerei mit der 'Logik'". In vielen Briefen schildert die Sintenis, die von der Reichskulturkammer als "mindestens Halbjüdin" eingestuft und 1933 aus der Akademie der Künste ausgeschlossen wurde, den Alltag in der Diktatur: die Schikanen durch die Behörden, die Ausgrenzung, den gesellschaftlichen Tod. Abendeinladungen erfolgen nun an Emil Rudolf Weiß mit der Bitte, ohne seine jüdische Gattin zu kommen. Die androgyne Schönheit traut sich kaum mehr aus dem Haus und benutzt nur noch den Dienstbotenaufgang.

Das künstlerische und intellektuelle Leben in der einstigen Kulturmetropole ist erstarrt. Theater und Galerien schließen, "Verfallskunst" wird beschlagnahmt, zerstört oder zu Spottpreisen versteigert. Ringelnatz ist 1934 elendig an Tuberkulose gestorben, andere Freunde sind im Exil oder ziehen sich zurück: "Man mag sich nicht sehen, weil man sich nicht helfen kann", schreibt Sintenis an ihren besten Freund, den Erzähler Hans Siemsen, der von Paris aus ihre Werke ins Ausland verkauft. Doch Emigration kommt für das Künstlerpaar Sintenis/Weiß nicht in Frage. Hier in Deutschland ist ihr Zuhause, ihre Existenzgrundlage. Dass sie unbehelligt bleibt und keinen Judenstern tragen muss, verdankt Sintenis dem Goebbels-Vertrauten und SS-Offizier Hans Hinkel, der sich ihrer Sache persönlich annimmt.

Auch Werke der Sintenis, etwa ihr bekanntes "Selbstbildnis", zählen zur "entarteten Kunst", werden auf Anweisung Goebbels jedoch wieder freigegeben, mit der Auflage, "dass sie vorerst nicht zur Ausstellung gelangen". In der Reichskammer der bildenden Künste wird sie als Mitglied weitergeführt, obwohl sie den erforderlichen "Abstammungsnachweis über arische Herkunft" nicht erbringen kann. Das Arbeiten wird ihr erschwert; das Bronzegussverbot im Jahr 1940 trifft die Bildhauerin schmerzlich, und sie verlegt sich auf Radierungen. Doch sie findet kaum Ruhe. Ihr Mann ist schwer krank, der tägliche Kleinkram zermürbt sie, "nichts wie Holzwolle im Gehirn". Die Menschensorgen verschließen ihr den Zugang zur Tierwelt: "Es ist so, als ob sie, die Tiere, es einfach nicht erlauben, ihnen mit einem zerrissenen und zerrupften Gemüt nahe zu kommen." Trotzdem sei dieser "idiotische Selbsterhaltungstrieb da, der einen jeden Morgen aufstehen und weiter kriechen macht", schreibt sie einer Freundin. Diese langen, tagebuchartigen Briefe bilden nach dem Tod ihres Ehemannes 1942 für die Künstlerin beinahe die einzige Verbindung zur Außenwelt.

"Ein wenig gebrechlich und alt"

Kettelhake lässt ihre Protagonistin ausführlich zu Wort kommen, zitiert seitenlang aus den Briefen an Anita - und das macht auch den Reiz dieser ersten umfassenden Biografie von Renée Sintenis aus. Eindringlich berichtet diese vom "Dasein im Zitterzustand", von Schmutz, Kälte und den Nächten im Luftschutzkeller, als hinge ihr Überleben davon ab. Die gute Anita ihrerseits hilft der Ausgebombten mit Schwarzbrot und Selbstgeschlachtetem in Dosen über Hungerzeiten hinweg.

Die letzten zwanzig Jahre bis zu ihrem Tod im Jahr 1965 verbringt Sintenis in Einsamkeit und Resignation. Ein Finger wird ihr amputiert, das Herz ist kaputt, und das Aufräumen der Schuttberge hat an den Kräften gezehrt. Ein "wenig gebrechlich und alt" sei sie, berichtet ihr Freund und Arzt Gottfried Benn. An öffentlicher Anerkennung mangelt es nicht, sie erhält eine Professur und sogar das Große Bundesverdienstkreuz. Ihr "Berliner Bär" wird an deutschen Autobahnen aufgestellt, um an das Schicksal der geteilten Stadt zu erinnern - eine Ehre für die Künstlerin, die stets ihre Loyalität zu Berlin betonte. Dennoch zieht sie sich weiter ins Private zurück. "Ich soll in die große Welt", schreibt sie in den dreißiger Jahren, "aber ich denke immer, in der großen Welt ist ja auch nichts los, höchstens relativ".

Silke Kettelhake: Renée Sintenis . Berlin, Boheme und Ringelnatz. Osburg, Berlin. 479 S., 24,90 Euro