Iris May
Nur einen Steinwurf entfernt vom bunten Treiben der „Berliner Weihnachtszeit“ am Alexanderplatz, versteckt sich hinter der mittelalterlichen Nikolaikirche in beschaulicher Nostalgie der kleine Erzgebirgische Weihnachtsmarkt. Seit zehn Jahren findet dort das Winter-Film-Fest statt. Das Besondere daran: Den ganzen Tag läuft dort noch bis einschließlich Silvester um 22 Uhr der Filmklassiker „Die Feuerzangenbowle“. Zweimal, um 17 und um 19.30 Uhr, läuft der Film mit Ton, sonst stumm als Kulisse auf zwei Leinwänden. Zu trinken gibt es natürlich auch Feuerzangenbowle. Die Speisenauswahl ist überschaubar: entweder Crêpes oder Suppe. Der Regen wird von den Anwesenden, die mit Kapuzen und Regenschirmen bewehrt sind, ignoriert. Gewärmt werden ohnehin alle von der dampfenden Feuerzangenbowle. Wer Pfeiffer (mit drei f!) heißt, bekommt das Getränk gratis.
Über dem Kupferkessel steht: „Jeder nur einen wönzigen Schlock!“
Mit seinem schwarzen Zylinder auf dem Kopf, in der Hand zwei Tassen mit dem stilisierten Konterfei von Heinz Rühmann, ist Bastian Greiner-Bäuerle, eine Fleisch gewordene Hommage an den berühmten Film „Die Feuerzangenbowle“. Der Event-Manager aus Lichtenberg ist der Erfinder des Winter-Film-Festes im Nikolaiviertel und seine Begeisterung für den Film und das gleichnamige Getränk ist ihm deutlich anzumerken. „Die größte Feuerzangenbowle der Welt steht in Nürnberg“, weiß er. Der 49-Jährige schwört allerdings auf die Grundzutaten seiner Bowle: Wein aus Rheinhessen, Rum und karamellisierter Zucker. 130 Liter fasst sein Kessel. An guten Tagen lockt das Festival rund 500 Menschen ins Nikolaiviertel. Dann muss der Kessel nachgefüllt werden – selbst wenn jeder nur „einen wönzigen Schlock“ trinken darf, wie im Film.

Winter-Film-Fest im Nikolaiviertel: Hier kann man plaudern
Das Publikum besteht aus einer gut gelaunten, eingeschworenen Fangemeinde. Das VIP-Zelt, das zwölf Personen fasst, ist fast immer ausgebucht. Die meisten kommen schon seit Jahren hierher, manche sogar mehrmals pro Woche. René (38) wohnt beispielsweise um die Ecke und bringt gerne Kollegen mit. „Es ist ein schöner Treffpunkt mit Freunden,“ schwärmt er. „Nicht so voll“. Die Touristen blieben eher am Alexanderplatz oder am Roten Rathaus hängen. Die Referendarin Sabine (42) ist zum ersten Mal hier, schätzt aber, dass die Buden hier „fernab von diesen ganzen Schrammel-Weihnachtsmärkten“ liegen. Der Alexanderplatz lockt sie nicht. Da gingen eher Jugendliche hin – „zur Druckbetankung“. Sie mag es lieber „besinnlich und ruhig.“ Neben ihr hat es sich ein älteres Paar auf dem Sofa gemütlich gemacht, die Augen gebannt auf die Leinwand gerichtet. Ihren Namen wollen sie nicht verraten, nur soviel: „Wir sind eigentlich immer hier.“

Heinz Rühmann steht in Deutschland für „die gute alte Zeit“
Der Schauspieler Heinz Rühmann (1902-1994) ist bis heute ein Künstler, der die Generationen vereint und der eng mit Berlin verbunden ist. Nicht nur die „Feuerzangenbowle“ gilt als Kult, sondern auch Rühmanns Musik. In den 1980er-Jahren gab es zahlreiche Remakes seiner Lieder. In den 1990ern verbuchte Cinematic mit Rühmanns Kinderlied „Lalelu“ („Nur der Mann im Mond schaut zu“) seinen bis dato größten Erfolg.
„Die Feuerzangenbowle“: Ein Durchhaltefilm im Bombenhagel
Am 28. Januar ist es exakt 80 Jahre her, dass „Die Feuerzangenbowle“ im Tauentzienpalast, Ecke Nürnberger Straße uraufgeführt wurde. Der Ort, wo sich heute Peek und Cloppenburg befindet, war im Januar 1944 ein Ort großer Trostlosigkeit: Das Nachbarhaus lag in Trümmern, das KaDeWe war ausgebrannt. An der Ostfront holte die Rote Armee gerade zum großen Gegenschlag aus. Vielen Deutschen galt der Krieg für das eigene Land bereits als verloren. In der Nacht zuvor hatten 530 britische Bomber die Reichshauptstadt angegriffen. Heinz Rühmann soll über die Premiere gesagt haben: „Die Zuschauer haben gelacht, als sei es die letzte Gelegenheit.“
„Feuerzangenbowle“: Für viele Historiker Propaganda, für manche NS-Größen zu anarchistisch
Viele Historiker halten die „Feuerzangenbowle“ für besonders gefährlich, da sie viel Nazi-Propaganda enthalte, die humoristisch verpackt sei. Am Ende sagt der Oberlehrer Dr. Brett (Lutz Götz) beispielsweise: „Junge Bäume, die wachsen wollen, muss man anbinden, dass sie schön gerade wachsen. Und nicht nach allen Seiten ausschlagen“. Klingt nach Kasernendrill und Militarismus. Einigen NS-Größen war der Film trotzdem zu anarchistisch: „Herabsetzung der Schule und der Lehrerschaft“ hieß die offizielle Begründung für das Verbot 1944. Heinz Rühmann erinnert sich in seinen Memoiren, dass er extra ins Führerhauptquartier reiste, um Hermann Göring für den Film zu gewinnen. Der Coup gelang. Göring meldete an Hitler: „Alle haben schallend gelacht. Haben uns alle auf die Schenkel geschlagen“. Hitler erteilte daraufhin den Befehl, dass der Film anlaufen solle.
Heinz Rühmann: Er galt als unpolitisch
Während des Zweiten Weltkrieges stand Rühmanns Name auf der sogenannten „Gottbegnadeten“-Liste der Nazis. Dort waren jene Künstler verzeichnet, die vom Kriegsdienst befreit bleiben sollten. Er galt als weitgehend unpolitisch, was ihm nach 1945 manchmal den Vorwurf des Mitläufertums einbrachte. Seine Popularität ist trotzdem bis heute ungebrochen. Vielleicht weil er die Menschen immer zum Lachen brachte und Lächeln für ihn „das Kleingeld des Glücks“ war.


