Dinge des Lebens

„Wat is en Dampfmaschin?“

Reinhard Lisk, 75 Jahre, Rentner aus Niederschönhausen

Die „Feuerzangenbowle“ mit Heinz Rühmann gehört zu den Filmen, die ganze Generationen mitsprechen können. Insbesondere die besten Szenen wie die, in der Paul Henckels als kauziger Gymnasialprofessor Bömmel im Physikunterricht die Dampfmaschine erklärt. „Wo simmer denn dran?“, fragt Bömmel in seinem niederrheinischen Dialekt und fährt ohne Pause fort: „Aha, heute krieje mer de Dampfmaschin. Also, wat is en Dampfmaschin? Da stelle mehr uns janz dumm. Und da sage mer so: En Dampfmaschin, dat is ene jroße schwarze Raum, der hat hinten un vorn e Loch. Dat eine Loch, dat is de Feuerung. Und dat andere Loch, dat krieje mer später.“

Reinhard Lisk lacht laut, so laut, dass er sich den Bauch halten muss. Der Film ist ganz nach seinem Geschmack. Und Dampfmaschinen sowieso. Vor allem die eine, die vor ihm auf dem Couchtisch in seiner Wohnung steht. 40 Zentimeter lang und 18 Zentimeter breit ist sie, und dann noch einmal genauso hoch. Ihr Gewicht: satte 7,6 Kilogramm. Es ist eine Spielzeug-Dampfmaschine, die ein Ofenbauer zwischen 1920 und 1921 von Hand für seinen Sohn hergestellt hat. Die Schwester des Sohnes wurde später die Patentante von Reinhard Lisk. So kam dieser in den Besitz des einmaligen Stücks. Und zwar an Weihnachten im Jahr 1948, Reinhard Lisk war zehn Jahre alt. „Man kann sagen, dass dieses Fest das schönste Weihnachten meines Lebens war“, sagt der 75-Jährige und schaut verträumt in die Ferne, als wären dort die Bilder vom Heiligen Abend zu sehen, die er doch nur in seinem Gedächtnis abgespeichert hat.

Um die Tragweite des Geschenks zu verstehen, muss man wissen, dass solch eine Dampfmaschine in der kargen Nachkriegszeit, in der es an allem fehlte und erst recht an Spielzeug, eine Kostbarkeit war. Reinhard Lisk war eines von drei Kindern und musste die wenigen Besitztümer auch noch teilen. Doch war es nicht der finanzielle Wert, der den Jungen in Bann zog. Was ihn faszinierte, war die Technik. „Ich habe schon als Junge alles Technische geliebt und auseinandergebaut, was ich in die Hände bekam“, erzählt der geborene Niederlausitzer. Das eine oder andere habe er dann leider nicht mehr zusammen bekommen, erinnert er sich grinsend. Anders die Dampfmaschine. Auch bei ihr musste der Junge natürlich alle Einzelteile und die Funktionsweise gründlich untersuchen. Doch er setzte sie wieder intakt. Mehr noch: Über die Jahre baute Reinhard das Spielzeug weiter aus. Er begann, mit der Dampfmaschine Strom zu erzeugen und damit Lampen zum Leuchten zu bringen. Auch eine Miniatur-Bohrmaschine und -Säge konnte die Maschine in Gang setzen, mit ihrer Hilfe wurden Löcher gebohrt und Holzstücke zersägt. Irgendwann rüstete Reinhard Lisk die Dampfmaschine auf Elektrik um: Statt mit Spiritus wurde das Wasser im Drei-Liter-Kessel nun mit Strom erhitzt. „Und dann besorgte ich mir auch noch diese Figuren, die die Dampfmaschine in Bewegung setzen konnte“, erzählt Reinhard Lisk. Bis zum Alter von 14 Jahren sei die Dampfmaschine sein liebstes Spielzeug gewesen – noch vor dem Stabilbaukasten.

Reinhard Lisk atmet tief durch. Die Gesundheit spielt nicht mehr so richtig mit, jede Bewegung tut ihm weh. Gut, dass es Mischlingshündin Senta gibt, die ihm Gesellschaft leistet und ihn auf Trab hält. Langeweile kommt bei Reinhard Lisk sowieso nicht auf, dafür hat er zu viele Interessen. Münzen sammelt er, außerdem Gegenstände des Jugendstils. „Ich mag die Art, wie damals gemalt wurde, die Frauen mit ihren Engelsgesichtern“, sagt er und schmunzelt. Auch eine ganze Vitrine voller Miniatur-Automobile hat er. Fotos an den Wänden der Wohnung zeigen ihn in jüngeren Jahren in wechselnden, aber stets extravaganten Cabrios der Marken BMW und Mercedes.

Die Technik, insbesondere die von Kraftfahrzeugen: Sie hat Reinhard Lisk nie mehr losgelassen. „Ich wusste schon als Junge, dass ich Techniker werden wollte, obwohl ich eigentlich meinem Vater ins Fleischerhandwerk nachfolgen sollte.“ Weil der Vater früh verstarb, war der Weg zu Reinhard Lisks Techniker-Laufbahn frei. Und die gestaltete sich vielseitig. Mit 14 Jahren absolvierte er bei einem Fahrradmechaniker eine Schlosserlehre, im Anschluss ging er an die Ingenieurschule Zwickau und studierte Kfz-Ingenieurwesen. Mit 19 Jahren wurde er ins Motorradwerk in Zschopau vermittelt. Weil seine Frau in ihre Heimatstadt zurückwollte, wechselte Reinhard Lisk in die Zwickauer Maschinenfabrik. Für diese durfte er sogar ein Vierteljahr nach Kuba reisen, um dort Kompressoren zu vertreiben. „Das war ein großes Erlebnis für mich“, sagt er. Zurück in der DDR, wechselte Reinhard Lisk in die Trabiwerkstatt Sachsenring in die Datenverarbeitung, denn zwischenzeitlich hatte er sich per Fernstudium zum Maschinenbautechniker mit EDV-Kenntnissen weitergebildet.

Beruflich lief es bestens, privat weniger. Doch Reinhard Lisk gab nicht auf. Nach seiner Scheidung baute er sich einen Trabi um und fuhr mit diesem zu seinem Bruder nach Ost-Berlin, wo er fortan wohnte und arbeitete. Erst bei Auto Trans, nach der Wende als selbstständiger Kfz-Gutachter. Auf Vorschäden habe er sich spezialisiert, so Reinhard Lisk stolz: „Mir konnte man nichts vormachen, ich habe manchen Schwindler entlarvt und viele Menschen geholfen.“

All seine Berufe habe er mit Begeisterung ausgeübt, sagt Reinhard Lisk. Diese Leidenschaft erklärt, warum er so sehr an der Dampfmaschine hängt. Dem Bastlerstück, mit dem er sich einst die Grundkenntnisse der Technik aneignet hatte und die ihn durch alle Lebensphasen begleitet hat. Voller Wärme schaut er auf das alte Spielzeug und hebt an: „Sehen Sie, hier geht ein Kolben hin und her…“ Keine Frage: Reinhard Lisks Erläuterungen sind fachkundiger als die des Professors Bömmel aus der „Feuerzangenbowle“. Und seine Antwort auf die Frage „ Wat is en Dampfmaschin?“ ist eine ganz persönliche. Die Dampfmaschine: Sie ist sein „Ding des Lebens“.

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