Freitreppen führen entlang jeder Etage bis zum Dachgeschoss. Von den abgeschrägten und begrünten Betonterrassen fließt bei Regen das Wasser in den Garten hinab. Schon die Simulation zeigt: Der nach oben hin verjüngte „Lobe Block“ wird ein ungewöhnliches Haus.

Es trägt nicht nur die Handschrift des Berliner Planers Arno Brandlhuber, der für rohe und reduzierte Architektur aus Beton steht. Das bereits im Bau befindliche Projekt an der Böttgerstraße 16 entspricht auch der Idee der Initiatorin. Die Wahlberlinerin Olivia Reynolds will in Wedding ein offenes Haus für Kreative realisieren, die dort allein und gemeinsam arbeiten – und wenn sie möchten, auch wohnen können.

„Lobe Block“ nennt die London und Berlin verbundene Reynolds das Projekt. Und hat dafür mit der Kulturwissenschaftlerin Heike Falat auch gleich die „Lobe Block GmbH“ gegründet. Die Bauherren, in diesem Fall besser Baufrauen genannt, wollen viele Flächen auch öffentlich zugänglich machen. Der Lobe Block soll kein exklusives Kreativzentrum werden, sondern ein Neubau, der sich vor allem auch der Nachbarschaft öffnet.

Das Projekt soll kein Renditeobjekt sein

Olivia Reynolds Lobe Block
Olivia Reynolds Lobe Block© Leila Amanpour | Leila Amanpour

Grundsätzlich ist das Gebäude als gewerblich genutztes Ausstellungs- und Ateliergebäude konzipiert mit einem Nutzungsmix von Non-Profit-Veranstaltungen, die öffentlich sind, und Kreativen, die die Ateliers nutzen. „Ich will etwas Gutes und Bleibendes für den Wedding“, sagt Oliva Reynolds. „Das ist schließlich kein Renditeprojekt, sondern liegt mir wirklich am Herzen.“

So steckt die lange in London sesshafte und schon seit Jahren dem Wedding verbundene Kuratorin Reynolds schließlich auch ihr privates Vermögen in das Projekt, das natürlich nur mithilfe eines Kredits finanziert werden könne. Die Baukosten liegen bei sechs Millionen Euro. „Ich habe dafür mein Haus in London verkauft“, sagt die 44-jährige Wahlberlinerin, die sich in Wedding zu Hause fühlt. „Der Wedding erinnert mich mit seiner gemischten Bevölkerung sehr an London.“

Der Lobe Block bietet etwa 20 Ateliers unterschiedlichster Größe, die ab 2018 bezugsfertig sein sollen. Sie werden zu langfristig festgeschriebenen Gewerbemieten für etwa 14 Euro warm pro Quadratmeter vergeben. Dass dies nicht gerade ein Schnäppchenpreis ist, dessen scheint sich Olivia Reynolds bewusst. Doch sie betont auch: „Die Mieter bekommen dafür weitaus mehr Fläche, als ihr jeweiliges Atelier an sich bietet, und können beispielsweise auch die Dachterrasse oder den Garten nutzen.“

Kita, Ausstellungsflächen, Screening-Room und Garten

Neben den Ateliers sind im Lobe Block auch eine Kita (1. Etage), Ausstellungsflächen (Erdgeschoss) oder auch ein Screening-Room im Foyer geplant. Nicht zu vergessen der Garten. Überhaupt das Grün. Das ist Reynolds besonders wichtig. Aufgabe der Architekten war es deshalb auch, möglichst viel Gartenfläche zu erhalten.

Dem zur Höhe hin abgestuften Terrassenhaus gelingt es dabei, dieselbe Fläche halb öffentlichen Raumes, die es vorher mit seinem Fußabdruck versiegelt hat, wieder zugänglich zu machen. Sie ist für gemeinschaftliches Gärtnern oder auch Arbeiten im Freien gedacht. Mithilfe intensiver Bepflanzung sollen auch die Terrassen grünen Charakter erhalten.

Bei der teilweise ungewohnten Organisation der Innenräume setzt das Büro von Brandlhuber + Emde Schneider in seinem Entwurf im Übrigen auf vielfältige Nutzungsmöglichkeiten. So verzichten die Architekten beispielsweise zugunsten von mehr Fläche für Ateliers im Inneren auf ein Treppenhaus. Stattdessen werden alle über dem Erdgeschoss liegenden vier Etagen und die Dachterrasse über zwei Aufzüge und zwei Freitreppen erschlossen.

Die Treppen führen jeweils zu dem etwa 1000 Quadratmeter großen Garten, der ein ganz wesentlicher Teil des Gesamtkonzeptes ist. In den Garten, genauer direkt zum Sandkasten, soll auch eine Rutsche von der ersten Etage führen. Die schwungvolle und geschlossene Metallröhre ist sowohl für Kinder als auch Erwachsene gedacht. Einen Spielplatz gibt es ebenfalls im Garten, der nicht als reiner Zier-, sondern vielmehr auch als Nutzgarten angelegt werden soll – und sogar einige Tiere wie Hühner oder Ziegen beheimaten soll.

Muck Petzet - Professor für nachhaltiges Design

Reynolds spricht von „Urban Gardening“ mit Obst- und Gemüseanbau. Früchte, Gemüse und Kräuter können dann auch gleich von den Köchen in der hauseigenen Kantine genutzt werden, sagt Reynolds. Das alles klingt fast ein bisschen nach Bilderbuchromantik in der Stadt. Aber es gibt schon viele Anfragen für die Gewerbeeinheiten, das Interesse an dem Projekt scheint groß.

Für die Realisierung des Atelierhauses ist das Team von Muck Petzet Architekten verantwortlich. Petzet, der sich unter anderem auch als Professor für nachhaltiges Design einen Namen gemacht hat, ist gemeinsam mit Brandlhuber auch einer der in Berlin sesshaften Architekten, die an den Planungen für das Tacheles-Areal beteiligt werden. Wie berichtet entsteht um die Ruine des ehemaligen Kunsthauses an der Oranienburger Straße ein neues Quartier mit 16 Neubauten.