Denkmaltag

Diese Berliner retten Denkmäler

Am Wochenende sind in Berlin Tage des offenen Denkmals: Wir stellen Bürger vor, die sich für Bauwerke verschiedener Zeiten engagieren.

Carsten Bauer vom Bürgerverein Hansaviertel macht bei seinen Führungen durch das Quartier der Interbau 1957 in Tiergarten auch Halt vor dem Haus des weltbekannten Architekten Oscar Niemeyer. Das Gebäude scheint auf den Betonpfeilern zu schweben.

Carsten Bauer vom Bürgerverein Hansaviertel macht bei seinen Führungen durch das Quartier der Interbau 1957 in Tiergarten auch Halt vor dem Haus des weltbekannten Architekten Oscar Niemeyer. Das Gebäude scheint auf den Betonpfeilern zu schweben.

Foto: Joerg Krauthoefer

Eine Kirche, ein Wohnhaus, ein Stadtquartier. Es gibt unterschiedlichste Denkmale, für die sich Berliner engagieren, und die sie auch am kommenden Wochenende im Rahmen der Tages der offenen Denkmale präsentieren. Das Motto lautet in diesem Jahr: „Gemeinsam Denkmale erhalten“. Die Berliner Morgenpost stellt beispielhaft vier Berliner und die von ihnen unterstützten oder geretteten Denkmale vor.

Führungen durchs Hansaviertel

Den Auftakt macht das Hansaviertel. Als Standort für die Eröffnungsveranstaltung des Tag des offenen Denkmals am Samstag um 11.30 Uhr wurde die Evangelische Kaiser-Friedrich-Gedächtniskirche an der Händelallee 20/22 im Hansaviertel ausgewählt. Der Ort für den offiziellen Startschuss könnte besser kaum sein. Denn das Motto des Denkmaltags 2016 entspricht der Devise des überaus engagierten Bürgervereins Hansaviertel. Carsten Bauer ist einer der vielen Anwohner, die den 2004 gegründeten Bürgerverein tatkräftig unterstützen.

Bauer, der just am zweiten Denkmaltag, am Sonntag, seinen 44. Geburtstag feiert, ist seit 2007 Mitglied des Vereins, dem, wie er selbst sagt, „mittlerweile etwa 150 Anwohner des Hansaviertels angehören“. Sie alle eint der Einsatz für den Erhalt ihres im Rahmen der Interbau 1957 errichteten und durchgrünten Hansaviertels in Tiergarten – mit zahlreichen Veranstaltungen, Veröffentlichungen und Engagement in Arbeitsgruppen wie jene, die Führungen durch die Freiluftschau von Architekten der Nachkriegsmoderne anbietet. „Für den Erhalt des Hansaviertels ist auch wichtig, dass die Qualität dieser Bauten öffentlich wahrgenommen wird“, begründet Bauer seinen ehrenamtlichen Einsatz. Der Ausstellungsdesigner und nach eigenen Worten „schon immer große Fan der Nachkriegsmoderne“ führt regelmäßig Interessierte durch das seit 1995 unter Denkmalschutz stehende Hansaviertel, in dem er auch selbst in einer kleinen Zweizimmerwohnung lebt.

„Bei uns steht neben der Architektur vor allem auch der Aspekt, wie lebt es sich in und mit Moderne, im Vordergrund“, betont Bauer beim Treffen vor dem NIemeyer-Haus. Das nach Entwürfen des weltbekannten brasilianischen Architekten Osar Niemeyer (1907-2012) erbaute Wohnhaus scheint bei auf den abgewinkelten Betonstützen fast zu schweben.

„Da, wo kommerzielle Touren die reinen Fakten bieten, gibt es bei uns auch Schilderungen aus erster Hand, was an dieser Architektur der 50er-Jahre heute noch gut funktioniert“. Er selbst sei nach wie vor begeistert von den funktionalen Grundrissen und dem Ausblick in das Grün des Hansaviertels, das einst als Utopie der Stadt von morgen geplant wurde und bezahlbaren Wohnraum zur Verfügung stellen sollte. Heute sind jedoch viele der Wohnungen, der vor allem bei Architekturinteressierten angesagten Nachkriegsbauten Eigentumswohnungen.

Denkmalschutz als Lebensaufgabe

Es war reiner Zufall. Als der heute 72-jährige Helmut Kißner im Herbst 2001 von einem Bekannten hörte, dass Berlins älteste Garnisonskirche und nach St. Hedwig in Mitte die zweitälteste katholische Kirche zum Verkauf stehen soll, war er erst nicht besonders interessiert. „Aber dann habe ich sie mir doch mal angeguckt“, sagt der Rentner. Von der ursprünglichen Pracht sei im Innenraum der 1848 geweihten Kirche St. Marien am Behnitz in Spandau nicht mehr viel übrig gewesen. „Doch irgendwie“, so Kißner, „konnte man ahnen, dass diese Kirche einmal ein Schmuckstück war“. Und so entschieden sich Kißner und seine Frau recht schnell dafür, das Gotteshaus zu kaufen und zu retten.

500.000 DM, etwa 250.000 Euro, bezahlten die damals in Britz lebenden Kißners für den Kauf. „Ein Vielfaches dieser Summe“, so Kißling, steckten die Berlinerin und der Hesse, der 1991 der Liebe wegen an die Spree gezogen war, in den äußerlich eher schlichten Backsteinbau des Schinkel-Schülers August Soller (1805 - 1853). Das Geld, über das der eher bescheiden wirkende Helmut Kißling nicht gern viele Worte verliert, sei aus einer Erbschaft. Privates Vermögen in den Erhalt eines Denkmals zu investieren, war für Kißners offenbar eine Herzenssache. „Der Denkmalschutz ist für mich eine Lebensaufgabe geworden“, sagt Helmut Kißner heute.

Was 2002 mit der Sanierung des Dachs und der Fassade begann, avancierte über zwei Jahre zur aufwändigen Sanierung und Restaurierung, an der unter anderem auch Experten aus Breslau beteiligt waren. Der prachtvollen Gestaltung des Altarraums mit seinem sternengeschmückten Himmel oder auch der Wiederherstellung ursprünglicher Farbgebungen gingen intensivste Recherchen voraus. Selbst eine neue Orgel ließen die Kirchenretter bauen. Mit der Wiedereinweihung der grundsanierten und rekonstruierten Kirche im Jahr 2003 endete der Einsatz aber noch lange nicht. Seit 2004 veranstalten Hannelore und Helmut Kißner, die unterdessen getrennt leben, nach wie in der Kirche Konzerte, Lesungen oder auch andere kulturelle Veranstaltungen. Am Samstag steht um 20 Uhr „Heißer Jazz an einem Sommerabend“ auf dem Programm. Infos unter www.behnitz.de

Schmuckstück der Moderne erlebbar gemacht

Es ist unglaublich. Nur 65 Quadratmeter soll das nach Architekt Bruno Taut „Tautes Heim“ genannte Schmuckstück der Moderne groß oder besser gesagt klein sein? „Ja, das stimmt!“ Ben Buschfeld und Katrin Lesser wiederholen die Antwort auf die Frage der Wohnfläche fast unisono. „Ja, dieses Haus von Taut ist wirklich nur 65 Quadratmeter groß. Das überrascht jeden, aber es stimmt“, betont Buschfeld mit Nachdruck. Der 46-jährige Kommunikationsdesigner und Denkmalschützer ergänzt, „Bruno Taut war einfach ausgesprochen gut in der Planung der Raumaufteilung.“

Wir stehen mit Ben Buschfeld und seiner Frau, der Garten- und Landschaftsarchitektin mit Schwerpunkt Denkmalpflege, Katrin Lesser, in der - zugegeben! - kleinen Küche im Erdgeschoss des Reihenendhauses, das unweit der U-Bahnstation Parchimer Allee ein ganz besonderes Denkmal der Hufeisensiedlung ist.

Das „Taute Heim“ solle kein Museum sein, sondern vielmehr Architektur der 20-er erlebbar machen, sagen die Denkmalfreunde, die selbst unweit des „Tauten Heimes“ wohnen. Seit 2002 können Architekturinteressierte das aufwendig sanierte Denkmal, das Teil der 2008 zum UNESCO-Weltkulturerbe ernannten Hufeisensiedlung in Britz ist, mieten und erleben.

Schon in der kleinen Küche wird klar, warum das von Buschfeld und Lesser ebenso liebevoll wie akribisch sanierte Haus besonders bei Architektur- und Designfreunden auf großes Interesse stößt und neben dem Berliner Denkmalpreis auch den europäischen „Denkmal-Oscar“, den „Europa Nostra Award“ erhielt .

Ob der schmale Backofix-Zweiplattenherd, die schwarzen Drehschalter für die Leuchte oder die nach originalem Vorbild nachgedrechselten schwarzen Knäufe der weißen Schränke - jedes Detail des Raumes ist im Stil der 20-er Jahre gestaltet. „Wir haben lange in Zeitschriften dieser Jahre recherchiert und waren zwei Jahre lang auf Flohmärkten unterwegs auf der Suche nach original Möbeln oder Einrichtungsgegenständen aus der Zeit“ sagt Katrin Lesser.

Auch das Farbkonzept Bruno Tauts (1880-1938), der unter anderem als Meister des farbigen Bauens bekannt wurde, haben Buschfeld und Lesser originalgetreu wiederhergestellt. So ist die Wand des Wohnzimmers im Erdgeschoss in einem kräftigen Lindgrün gehalten, die Decke der Küche in hellem Blau oder die Wand des Kinderzimmers in Maisgelb. Selbst die Bettwäsche für das nachgebaute praktische Schrankbett haben Buschfeld und Lesser selbst so eingefärbt, dass es dem Ton des Farbkonzepts entspricht.

Lesser, Urenkelin des bedeutenden Garten- und Landschaftsarchitekten Ludwig Lesser widmete sich auch der Gestaltung des Gartens, der nach historischen Vorlagen des Planers Leberecht Migge ergänzt und wiederhergestellt wurde.

Tipps für den Denkmaltag

Clubkultour: Ein Highlight sind die Sonderführungen der Berliner Clubkommission. Anlässlich seines 15. Geburtstages öffnet der Verband der Berliner Clubs von Freitag bis Sonntag acht Clubs für Führungen von insgesamt 125 Personen außerhalb der normalen Öffnungszeiten. Einer der Clubs, der besucht wird, ist der SilverWings-Club im ehemaligen Flughafen Tempelhof. Er ist Teil eines unter Denkmalschutz stehenden ehemaligen Unteroffiziersclub der Amerikaner. Teilnehmerzahl begrenzt, Anmeldung erforderlich. Infos unter: clubkultour.de/denkmal-tag/

Bustour: Zweistündige Bustour durch die City mit Stopps an den Kantgaragen oder dem Schrotkugelturm am Nöldnerplatz, Sa. , 18 Uhr, Treffpunkt: Hardenbergplatz ( Löwentor), Ende am S-Bhf. Rummelsburg, begrenzte Teilnehmerzahl, Kosten: acht Euro, Anmeldung unter ansichtssachen@web.de bis 9. September

Kirche St. Marien: Die katholische Kirche in Spandau, Am Behnitz 9, ist Sa./So., 14 bis 16 Uhr geöffnet. Führung jeweils um 15 Uhr.

Hansaviertel: Der Bürgerverein Hansaviertel e.V. bietet an beiden Tagen Führungen. Informationen und Anmeldung bis 8. September unter Tel. 600 55 671.

Hufeisensiedlung: Rundgang durch das Unesco-Welterbe in Britz am Sonntag, 15 Uhr. Die Führung kombiniert Einblicke in die Siedlung mit einem Besuch des Hauses „Tautes Heim“. Anmeldungen noch bis 8. September unter Tel. 2592 29 63.

Programm und Hotline: Das komplette Programm zu den Tagen der offenen Denkmale finden Sie online hier. Zudem gibt es eine Hotline unter Tel. 8096 27 44 für eine persönliche Beratung. Sa. 10-16 Uhr, So. 10-13 Uhr.

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