Hans Kollhoff

„Wir brauchen eine Aufbruchsstimmung wie zu IBA-Zeiten“

Flüchtlingskind, Architekt und Theoretiker. Hans Kollhoff wird 70. Der Baukünstler, der Berlin geprägt hat, erinnert sich an seine Anfänge

Foto: Reto Klar

„Muss das sein?“ Hans Kollhoff wirkt nicht begeistert. Ob er mal kurz auf den Sockel steigen könne, hat unser Fotograf gefragt. Er will den Architekten gut ins Bild setzen. Kollhoff steht vor einem seiner ersten großen Berlin-Projekte, dem IBA-Wohnpark an der Lindenstraße – doch das Motiv ist nicht ganz einfach. Den Fotografen stören die Autos, den Architekten nicht. Schon eher das Podest. Auf das will er ungern gestellt werden. Kollhoff, der bei jedem eigenen Projekt um die bestmögliche Qualität ringt, lässt sich überzeugen. Schließlich, sieht er ein, will auch der Fotograf das beste Ergebnis.

Kollhoffs Bauten, insbesondere auch die Plätze, an denen er maßgeblich beteiligt war, prägen Berlin. Allen voran der Potsdamer Platz. Für das größte Bauprojekt der Nachwendezeit hat er gleich zwei Hochhäuser entworfen: den nach ihm genannten Kollhoff-Tower, dessen Backsteinfassade und Tektonik an die amerikanische Moderne erinnert, sowie das neben dem „Ritz Carlton“ stehende Delbrück-Hochhaus. Aber auch andere Orte tragen Kollhoffs Handschrift: in Charlottenburg, Mitte und sogar in Hohenschönhausen. Längst schon sollte auch der Alexanderplatz dazugehören. Doch der 1993 prämierte Masterplan des Architekten für inzwischen neun Hochhäuser auf dem Alexanderplatz wartet indes noch auf die Realisierung.

Sozialer Wohnungsbau – ein drängendes Problem, für Kollhoff ein großes Thema

Es hätte also genug prominente Treffpunkte für dieses Gespräch gegeben. Schließlich gibt es einen feierlichen Anlass: der Architekt feiert am Sonntag 70. Geburtstag. Aber nein: Kollhoff wählt als Treffpunkt sein erstes großes Berlin-Projekt für sozialen Wohnungsbau, besagten IBA-Wohnpark in Kreuzberg. Sozialer Wohnungsbau ist in Berlin aktuell wieder eins der drängendsten Probleme – und für Kollhoff seit Jahrzehnten ein zentrales Thema. Wohnungsbau ist Städtebau, sagt der Architekt.

„Die Stadt muss verdichtet werden, auch wenn viele aufschreien, weil dann möglicherweise Grünflächen verschwinden. Als wir hier in Kreuzberg im Rahmen der Internationalen Bauausstellung sozialen Wohnungsbau geplant haben, war das eine Brache und es gab auch große Widerstände. Heute sehen wir, dass diese Wohnhäuser immer noch funktionieren, dass die Menschen dort gerne leben und sich mit den Häusern identifizieren.“

Künftige Bewohner müssen wieder mehr bei den Planungen beteiligt werden

Sozialer Wohnungsbau gehört für Kollhoff unbedingt in die Stadt. Es geht eben nicht um Schlafstädte auf der Grünen Wiese. Es geht um das städtische Leben, letztlich auch um die Lebensqualität in belebten Quartieren mit kleineren Läden und Gewerbe. Unabdingbar bei diesem Punkt für die Identifikation künftiger Bewohner mit ihrem Viertel ist für Kollhoff zudem , dass sie an den Planungen beteiligt werden. Das ist anstrengend, aber es lohnt sich.“ Mit diesem Ansatz sei man zu IBA-Zeiten 1984/87 erfolgreich und fortschrittlicher gewesen als heute.

Die Idee des Wohnparks in Kreuzberg, den Kollhoff mit seinem damaligen Partner Arthur Ovaska plante, war eine bewusste Abkehr von den Großbausiedlungen der 70er-Jahre. „Wir wollten weg von den Trabantenstädten an der Peripherie, hin zu einem lebendigen, architektonisch wie auch wohnlich qualitativen innerstädtischen Berliner Quartier.“

Die damals jungen Planer wollten ihre Vorstellung von moderner Architektur mit der historischen Stadt in Einklang bringen. Kein einfaches Anliegen, denn der Moderne ging es um die Gebäude an sich, der traditionellen Stadt aber um die öffentliche Räume. „Unser Entwurf war eine Balance zwischen diesen Ansätzen“, sagt Kollhoff. Eine Balance, die auch fast 40 Jahre nach den ersten Planungen noch funktioniert.

„Wir brauchen wieder eine Aufbruchsstimmung wie zu Zeiten der IBA“

Der Wohnpark, ein begrünter Innenhof und eine lang gestreckte Gebäudezeile, deren Backsteinfassade mit Balkonen, Erkern, Loggien und Säulen traditionelle Straßenansichten modern interpretiert, hat jeweils einzelne Eingänge, einzelne Adressen. Der Gebäudekomplex mit etwa 300 Wohnungen sei eben nicht in der gängigen Logik der Trabantenstädte realisiert worden, „in der Sie erst lange nach dem Eingang und dann ewig die richtige Klingel suchen müssen“.

Kollhoff ist entschlossen. „Wir brauchen angesichts des Wohnungsmangels wieder so eine Aufbruchsstimmung wie zu Zeiten der IBA“, plädiert der Jubilar für ein Umdenken in der aktuellen Stadtplanung, die der Wahlberliner kritisch verfolgt und auch immer wieder kommentiert. Dabei eckt Kollhoff zuweilen an. Denn er redet keinem nach dem Munde. Im Gegenteil! Der von seinen Kritikern als Traditionalist oder Wertkonservativer angefeindete, andererseits aber gerade wegen seiner Rückbesinnung auf die Tradition, das Material und das Dauerhafte seiner Bauten auch Gefeierte, bringt sich ein.

So war Kollhoff in den 90er-Jahren einer der maßgeblichen Protagonisten des sogenannten Berliner Architekturstreits, als es um die Frage der angemessenen Architektur für das Neue Berlin ging. Kollhoff war und ist ein Planer, der eben nicht nur mit seinen Gebäuden deutliche Statements setzt, sondern sich zu Wort meldet.

Häuser werden abgedichtet wie Aquarien, aber die Fenster lassen sich nicht öffnen

Auch bei unserem Treffen spricht er mit Verve in der Stimme gegen „den ganzen Styroporklassizismus“ – dekorierte Häuser, die abgedichtet seien wie Aquarien, bei denen sich aber kein Fenster mehr öffnen lasse. „Wir geben viel zu viel Geld aus für diese ganzen grünen Gütesiegel und für eine völlig absurde technische Aufrüstung. Das sind Kleinwagen mit Turbomotoren“, sagt Kollhoff zu der „Augenwischerei“ in Sachen Schall- und Brandschutz. Man habe dabei die Architektur aus den Augen verloren. Natürlich sei er nicht gegen Klimaschutz. Nur müsse der auch angemessen im Verhältnis zur baulichen Qualität stehen. Und noch etwas ärgert ihn: die kurzlebige Eventarchitektur, bei der vermeintliche Star-Architekten – ein Label, mit dem Kollhoff selbst nicht ettiketiert werden möchte – das Spektakel und die Selbstinszenierung über alles stellen und dabei den Blick für die Stadt verlieren. Überhaupt die Stadt.

Hier beklagt Kollhoff Veränderungen. „Die Stadt hatte immer den Vorteil, dass man fußläufig alles erreichen konnte und dass das auch bezahlbar war, auch wenn die Architektur anspruchsvoll zu sein hatte, weil sie eben in der Stadt war. In der Stadt reden wir über Selbstverständlichkeiten, nicht über Erfindungen.“

Welche Stadt wollen wir? Kollhoff plädiert für eine öffentliche Debatte

In der Öffentlichkeit werde das heute alles überhaupt nicht mehr diskutiert. Und wieder kommt er auf das Thema Wohnungsbau zurück, und es wurmt ihn. „Natürlich wird über einzelne Projekte berichtet, aber das heute eine gesellschaftliche Debatte geführt wird, die das Wohnen hier in Berlin betrifft, sehe ich nicht.“ Genau diese Debatte hält Kollhoff aber für dringend geboten – unter Fachleuten und in der Bevölkerung. Welche Stadt wollen wir? Auch das ist ihm ein Anliegen seit seinem Studium. So machte Kollhoff 1975 sein Diplom mit einem städtebaulichen Thema: die Sanierung der Südstadt in Karlsruhe.

Seine ersten Berlin-Erfahrungen als angehender Architekt liegen mehr als 40 Jahre zurück. Kollhoff besuchte die damals noch geteilte Stadt während seines Studiums in Karlsruhe Anfang der 70er-Jahre. Um anzuschauen, „was man gesehen haben musste“, wie er sagt. Unausgesprochen, aber klar ist, dass er damit vor allem Berlins architektonisches Erbe meint von Baumeistern wie Schinkel, der für den späteren Ungers-Schüler und angehenden Architekten Hans Kollhoff immer ein großes Vorbild war.

Die 70er-Jahre erinnert Kollhoff als „absoluter Nullpunkt in der Architektur“

Es sei eine spannende Zeit gewesen. „Wir waren damals alle ein bisschen links gepolt und wussten alles besser“, gesteht Kollhoff selbstkritisch. Sein architektonisches Repertoire war damals noch nicht von seinen großen Lehrern geprägt. Die 70er-Jahre erinnert Kollhoff aber auch als „absoluten Nullpunkt in der Architektur“. Es war die Zeit der Kahlschlagsanierungen mit dem Abriss von Altbauten und die Zeit des Aufbaus „unsäglicher Trabantenstädte“. Kollhoff nennt das Märkische Viertel oder sozialistische Großprojekte wie jenes in Hellersdorf, wo er in den 90er-Jahren später seine Vorstellungen von Wohnungsbau realisierte.

Dass Kollhoff sich trotz all seiner auch internationalen Erfolge als Architekt, Hochschulprofessor der renommierten Eidgenössischen Hochschule (ETH) in Zürich und als Architekturtheoretiker eine sympathische Bodenständigkeit erhalten hat, mag auch an seiner persönlichen Geschichte liegen.

Flucht in den Westen ohne Hab und Gut

Kollhoff wurde 1946 als Sohn von Landwirten im thüringischen Lobenstein geboren. Mit Beginn der ersten großen Enteignungswelle der DDR in den 50er-Jahren entschied sich die Familie zur Flucht in den Westen. Ohne Hab und Gut - „es durfte ja nicht nach Flucht aussehen“, ging es, was damals noch möglich war, mit dem Zug nach Ost-Berlin und von dort aus in den West-Teil der Stadt. Er sei da so fünf Jahre Jahre alt gewesen, sagt Kollhoff und erinnert bruchstückhaft seine frühen Berlineindrücke:

Erst Flüchtlingsunterkunft am Funkturm, dann Notunterkunft Marienfelde

Die erste Unterkunft in einer „der mit hunderten Menschen vollgestopften Hallen am Funkturm, die es heute nicht mehr gibt“. Das Notaufnahmelager in Marienfelde, wo Kollhoffs Vater für ein paar Mark einen halben Tag lang Laub fegte, um seinem Sohn und der jüngeren Tochter Schuhe kaufen zu können.

Und dann vor allem Tempelhof. „Dieser unvergessliche Eindruck vom Flughafen Tempelhof, dieses wahnsinnige Dach, das riesige Flugfeld...“ Von Tempelhof wurde die Familie nach Hannover ausgeflogen. „Ich kann mich noch genau daran erinnern, wie ich unter dem Flughafendach stand und dann über das Vorfeld zu der Maschine gegangen bin. Es war eine Maschine, die ständig umgerüstet wurde für den Güterverkehr aus dem Westen nach Berlin und dann wieder für den Flüchtlingsausflug nach Westdeutschland. Entsprechend sparsam ausgestattet mit Sitzen und Bänken, wo man sich dazwischengequetscht hat.“

„Ich weiß was es heißt, Flüchtling zu sein“

Die Familie wurde nach Süddeutschland gebracht. „Wir waren Flüchtlinge. Und das war auch damals so, dass man nicht selbst entscheiden konnte, wo man leben wollte.“ Als Protestanten hatte es seine Familie in eine erzkatholische Gegend verschlagen. Kein einfacher Start für die Flüchtlinge aus Ostdeutschland. „Das waren Spannungen, die, würde ich mal behaupten, den Spannungen, die heute zwischen dem Islam und Christen aufgebaut werden, nicht nachstehen. Es war ja damals auch eine völlig andere Zeit. Ich weiß, was es heißt, Flüchtling zu sein“, sagt er.

Kollhoff hält plötzlich inne, Der wortgewaltige Architekt verstummt, schaut nachdenklich und kommt auf die aktuelle Flüchtlingsdebatte zu sprechen. Ein Thema, das ihn spürbar bewegt: „Wir sind eines der reichsten Länder Europas und können uns nicht abschotten. Schon gar nicht, wenn andere Länder wie Italien dieses Massenproblem mit den Flüchtlingen an ihrer Küste haben. Da können die Europäer nicht sagen, schaut zu, wie ihr damit alleine klar kommt. Das finde ich vollkommen inakzeptabel und beschämend.“

Natürlich sei es einfach zu sagen, das Problem müsse in den jeweiligen Ländern gelöst werden. Aber man könne diese Menschen, die für die Flucht ihr Leben riskieren, nicht zurückschicken „Da ist doch etwas faul in dieser Welt. Das muss man anders anpacken, vor allem kann man ein befreundetes Land wie Italien nicht damit alleine lassen. Das geht nicht!“

Seiner eigenen Flüchtlingsgeschichte kann Kollhoff im Rückblick heute durchaus auch Positives abgewinnen. Der Stress, den er und die anderen Flüchtlingskinder als „reingeschmeckte Protestanten“ in der streng katholisch dominierten neuen Heimat hatten, war ihm Ansporn. „Wir mussten uns in der Schule doppelt anstrengen und haben es dann aber anders als die meisten Einheimischen zu deren Frustration auch aufs Gymnasium geschafft“, sagt der Wahlberliner, der unterdessen auch ein Büro und ein Domizil in Florenz hat.

Ein Vorteil der Flüchtlinge sei auch gewesen, „wir hatten keine Angst mehr, das Nest zu verlassen und unser Glück woanders zu suchen. Denn wir waren ja bereits aus dem Nest gefallen. Und man muss raus. Man muss auch aus Berlin raus. Man muss dahin gehen, wo man seine Chancen wittert.

Kollhoff hat seine Chancen genutzt. Heute agiert er dort, wo seine Architektur geschätzt wird – größtenteils im Ausland . Berlin steht offenbar nicht mehr an erster Stelle. Eher die Niederlanden, wo er seit Jahren prominente Gebäude realisierte. Nicht zu vergessen Italien, das Kollhoff „meine architektonische Heimat“ nennt und das ihm auch von der Lebensart liegt. Und Berlin? „Ach wissen Sie“, Kollhoff wird nachdenklich. Mit leichter Wehmut in der Stimme sagt er, „was hätte man alles aus dieser Stadt machen können.“ Es bleibt gleichwohl die Gewissheit: Kollhoff wird sich weiterhin in Berlin einbringen.

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