Charlottenburg

Eiland im Wandel: Wie sich die Mierendorff-Insel verändert

Die Rauchgasentschwefelungsanlage des Kraftwerks Charlottenburg

Die Rauchgasentschwefelungsanlage des Kraftwerks Charlottenburg

Foto: Philipp Siebert

Wohnungsbau, Zuzug und die Frage, wie die Infrastruktur mithalten kann: Die Insel steht vor erheblichen Herausforderungen.

Wohl kaum eine Gegend Berlins ist geprägt von so vielen Unterschieden, wie die Mierendorff-Insel. Luxussanierte Dachgeschosswohnungen in den Gründerzeitbauten am Bonhoeffer-Ufer geben den Blick auf das Schloss Charlottenburg preis. Nur einen Kilometer weiter östlich an der Kaiserin-Augusta-Allee beklagen Anwohner häufig den sozialen Abstieg der Gegend. Kleines und großes Gewerbe prägen das Bild der Insel gleichsam, wie Kleingärten, ruhige Wohnstraßen und gemütliche Uferwege. Kurzum: Die Mierendorff-Insel ist so etwas, wie Berlin im Kleinen. Wachsen wird sie in den kommenden Jahren aber durchaus dynamischer.

Mit Stand vom 31. Dezember 2017 leben 15.298 Menschen auf der Insel zwischen Spree, Westhafen- und Charlottenburger Verbindungskanal. In gut zehn Jahren dürften es 3500 bis 4000 mehr sein, schätzt Charlottenburg-Wilmersdorfs Baustadtrat Oliver Schruoffeneger (Grüne). Und dabei habe er lediglich die drei größten Wohnungsbauprojekte auf der Insel im Blick.

Fast 1400 neue Wohnungen entlang der Quedlinburger Straße

Auf dem schmalen Grundstück an der Quedlinburger Straße 45 soll bis Ende 2020 eine sieben- bis achtgeschossige Wohnhaus entstehen. Bauherr ist die landeseigene Wohnungsbaugesellschaft Mitte (WBM). Das Landesamt für Flüchtlingsangelegenheiten (LAF) mietet die rund 150 Wohnungen nach Fertigstellung an und will hier sehr zum Unmut vieler Anwohner bis zu 580 Flüchtlinge unterbringen. Spätestens nach neun Jahren soll aus der Modularen Flüchtlingsunterkunft (MUF) ein normales Wohnhaus werden.

Etwas weiter östlich zwischen Wernigeroder und Klaustaler Straße prägen heute noch Baracken das Bild. Sie werden überwiegend von Kleingewerbe genutzt. Der Block soll abgerissen und durch rund 140 Wohnungen ersetzt werden. Der Bebauungsplan soll noch im Herbst festgesetzt werden, so Schruoffeneger.

Den größten Anteil wird aber die sogenannte Werkbundstadt ausmachen. 1100 neue Wohnungen sollen auf dem rund 2,8 Hektar großen ehemaligen Tanklager zwischen der Quedlinburger Straße und Am Spreebord entstehen. Baustart sei frühestens 2021, Fertigstellung vier Jahre später, so Schruoffeneger. Der Bebauungsplan soll diesen Sommer öffentlich ausgelegt werden. Durch die Werkbundstadt werde sich der Südosten der Insel nachhaltig verändern, so der Stadtrat. In Summe macht das fast 1400 neue Wohnungen allein entlang der Quedlinburger Straße. Ein Viertel davon sollen mietpreisgebunden sein.

Öffentliche Infrastruktur, Grünflächen und Freiräume

"Wir müssen aufpassen, dass wir Schritt halten, damit dieser Umstrukturierungsprozess auch mit einer Erhöhung der Lebensqualität einher geht und nicht mit einer immer stärker werdenden Verdichtung und Einschränkung", so Schruoffeneger. So brauche es etwa mehr Einkaufsmöglichkeiten, Seniorenangebote, Schul- und Kitaplätze. Letztere sollen zeitnah an zwei Standorten entstehen. Neben der Kita auf dem Dach der MUF mit insgesamt 60 Plätzen ist eine weitere an der Sömmeringstraße auf dem Parkplatz nördlich der Sporthalle geplant. In Schnellbauweise errichtet soll sie spätestens Anfang 2020 fertig sein und Platz für 150 Kinder bieten. Finanziert wird das Projekt mit 3,5 Millionen Euro vom Land Berlin.

Aber es gelte auch grüne Freiräume zu erhalten beziehungsweise zu schaffen. Dazu soll aus dem bislang nicht durchgängige Inselrundweg tatsächlich ein fünf Kilometer langer Rundweg mit Kunstwerken, Spiel- und Sportmöglichkeiten werden. Etappenweise soll er über einen Zeitraum von zehn Jahren angelegt werden. Bürger, Schulen und insbesondere die Jugendkunstschule am Mierendorffplatz sollen mitwirken können. Die Gesamtkosten schätzt Schruoffeneger auf rund 3,5 Millionen Euro, wobei noch keine Finanzierung gefunden sei.

Außerdem will die Shakespeare Company Berlin mit ihrem Globe Theater auf die Insel ziehen. Hierfür stellt der Bezirk eine Freifläche nördlich des Österreichparks zur Verfügung.

Die Mierendorff-Insel als Testfeld

Deutlich durch das Wasser abgegrenzt, mit der Einwohnerzahl einer Kleinstadt und heterogener Sozialstruktur eignet sich die Insel auch für allerlei Tests. Vier Versuche laufen derzeit auf der Insel. Die gewonnenen Erkenntnisse sollen nach Möglichkeit auf Berlin sowie auf andere Städte übertragen werden können.

In der Trägerschaft des Vereins „DorfwerkStadt“ läuft seit 2013 das Projekt „Nachhaltige Mierendorff-INSEL 2030“ (NMI 2030). „Hier geht es um eine gemeinsame Diskussion, wie sich die Insel in den nächsten Jahren entwickeln soll, wie man zur nachhaltigen Insel kommt und wie man mit dem demografischen Wandel umgeht“, so Schruoffeneger. Bürger können Ideen einbringen und Ziele formulieren, die der Bezirk dann umsetzen kann. Seit 2015 nimmt das Projekt am dreistufigen Wettbewerb „Zukunftsstadt“ teil, der maßgeblich vom Bundesforschungsministerium getragen wird. 2016 kam NMI 2030 in die zweite Runde und erhielt eine Förderung von 200.000 Euro. Die Bewerbung für die dritte Runde, die in diesem Jahr starten soll, läuft.

Zwei weitere Bundesmodellversuche widmen sich dem Thema Verkehr. Im Rahmen der „Neuen Mobilität“ soll vor allem untersucht werden, wie Car-Sharing-Modelle implementiert und attraktiver gemacht werden können. So könne man beispielsweise in die Mietverträge der Werkbundstadt auch die Garantie eines verfügbaren, fußläufig erreichbaren Mietwagens aufnehmen, so Schruoffeneger. „Distribute“ erprobt daneben, wie der Lieferverkehr mit Lastwagen aus dem Kiez gezogen und durch Lastenfahrräder ersetzt werden kann. Die Resonanz der Lieferanten und Zustellbetriebe sei gut, so der Stadtrat.

In einem Pilotprojekt gemeinsam mit der Gasag versucht der Bezirk außerdem, ein regionales Energiemanagement zu etablieren. Es sollen Synergien geschaffen werden, die über Einzelmaßnahmen, wie Wärmedämmung an Wohnhäusern, hinaus gehen.

Maßnahmen vieler Akteure müssen koordiniert werden

Das Geld, das auf die Mierendorff-Insel fließt, stammt nur zum kleinen Teil aus der Bezirkskasse. Neben den Projekten im Rahmen der Modellversuche stehen etwa für die Sanierung des Goslarer Platzes 280.000 Euro aus dem Städtebauförderungsprogramm „Aktive Zentren“ bei der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung bereit. Die lärmmindernde Fahrbahnsanierung der Lise-Meitner-Straße soll wiederum mit 600.000 Euro aus dem Kommunalinvestitionsförderungsprogramm des Bundes finanziert werden.

„Die Ebenen müssen sich gut abstimmen um nicht entgegensetzte Ziele zu verfolgen“, gibt Schruoffeneger zu Bedenken. Dazu würde er gern die Stadtteilkoordination ausbauen, so dass hier alle Fäden zusammenlaufen können. Diese wird bislang als halbe Stelle mit 30.000 Euro jährlich aus seiner Abteilung finanziert. „Damit kann man so einen Stadtteil eigentlich nicht koordinieren.“ Daher müsse überlegt werden, wie hier ausgebaut werden kann, um die Umstrukturierungsprozesse im Dialog mit den Menschen zu händeln.