Charlottenburger planen eine West Side Gallery

Sehenswürdigkeiten hat die City West in Fülle. Doch ein freches Aushängeschild fehlt.

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Thomas Schubert

Sehenswürdigkeiten hat die City West in Fülle. Doch ein freches Aushängeschild fehlt. Jetzt liefern Vordenker auf der Mierendorffinsel einen Impuls für eine West Side Gallery. Von Thomas Schubert Wenn Maler Matthias Fernow die Erlaubnis hätte, er könnte direkt beginnen. „Farbe macht sexy“, sagt sich der stolze Insulaner. Dem Mierendorff-Kiez, von allen Seiten von Wasserstraßen umgeben, will er nach Süden hin ein buntes Gesicht geben, den vergammelnden Mauerbögen am Spreebord Signalfarben verpassen. Jeder Bogen würde in einem anderen Ton leuchten, so dass man sein Werk gleich sogar aus einem Flugzeug erkennen könnte.

Ein Gegenstück zur East Side Gallery

Das Problem: Fernow hat die Erlaubnis nicht. Und es wollen noch andere mitreden bei einem Projekt, das Charlottenburg ganz unverhofft eine moderne Sehenswürdigkeit bescheren könnte: Die West Side Gallery. Ein Gegenstück zur weltberühmte East Side Gallery an der Hinterlandmauer in Friedrichshain.

Braucht es so etwas überhaupt? Hier gehen die Meinungen derzeit ebenso auseinander wie bei der Art der Gestaltung. SPD-Stadtrat Marc Schulte begrüßt es jedenfalls, „dass hier ein Schaufenster für die Insel entsteht.“ Natürlich könne es eine West Side Gallery niemals mit dem Vorbild im Osten aufnehmen, „weil ja hier die historische Bedeutung fehlt.“ Beide Objekte sind zwar aus Beton. Beide sind für sich genommen triste Barrieren. Doch am alten Grenzwall in Friedrichshain klebt nicht nur das Bild des Bruderkusses von Honecker und Breschnew, sondern auch das Grauen der deutschen Teilung. Und an den Spreebord-Bögen? Nur Graffiti-Farbe.

Bildgießerei Noack könnte Skulpturen liefern

Mathias Fernow könnte das mit seinen Farbtöpfen schnell ändern. Aber er hat einen namhaften Gegenspieler: Die Bildgießerei Noack. Jener Betrieb also, der gerade neben den Spreebögen ein neues Hauptquartier baut. Eben jene alte Kunstschmiede, der Berlin die Quadriga auf dem Brandenburger Tor verdankt. Und die Goldelse auf der Siegessäule.

„Ich möchte nicht, dass es so aussieht, als stehe Hochkultur gegen Kiezkultur“, sagte Geschäftsführer Herrmann Noack Junior nun bei einem Aufeinandertreffen mit Fernow. Noack selbst könnte sich vorstellen, den Uferstreifen mit seinen Figuren zu schmücken. Dann entstünde ein Skulpturengarten. Der aber würde sich mit grell bemalten Betonbögen beißen.

"Szenekiezen Konkurrenz machen"

Beim jüngsten Inselforum bahnte sich also eine Debatte ihren Weg in die Öffentlichkeit, die laut Moderatorin Andrea Isermann-Kühn, „den ganzen Kiez brodeln lässt.“ Jetzt planen und streiten die Insulaner um ihre West Side Gallery so laut, dass es auch der Rest Berlins hören kann. Hermann Noack lehnt die bunten Bögen jedenfalls ab, „weil diese grellen Farben alles andere erschlagen würden.“ Matthias Fernow wiederum hat nun Angst, dass seine Vorarbeit ohne Früchte bleibt. „Dabei könnten wir mit den bunten Bögen wunderbar Aufmerksamkeit erregen und Szenebezirken Konkurrenz machen“, erklärte er den Konferenzteilnehmern.

Und es gibt noch etliche andere Ideen für die Mauergestaltung. Man nehme nur die Entwürfe der Jugendkunstschule. Oder den Wunsch von Anwohnern, die Bögen mit einer Bepflanzung einfach zuwuchern zu lassen. Oder das Ansinnen, Studenten der Universität der Künste wechselnde Ausstellungen zu ermöglichen. Oder die Möglichkeit, inseleigenen Graffitisprühern eine steinerne Leinwand zu geben. Wie soll all das zusammenpassen? Droht die West Side Gallery ein künstlerisches Kuddelmuddel?

Der einfache Bürger plant mit

Stadtrat Schulte sieht die Debatte gelassen und erkennt mehr Vorteile als Risiken. „An den Mauerbögen hat der Bezirk Handlungshoheit. Und Anwohner können die Stadt hier als ihr Eigentum begreifen und sich ihrer annehmen“, wirbt er für Mitbestimmung. An einem Projekt mit Signalwirkung selbst Hand anlegen – wo gelingt das heute noch? Zugleich eröffnen sich durch den Einzug den Projekts „Nachhaltige Mierendorffinsel 2030“ in Phase zwei des Bundeswettbewerbs Zukunftsstadt ganz neue Chancen.

Hier dürfen Anwohner tatsächlich der Stadt von Morgen ein Antlitz geben. Immerhin arbeitet der Werkbund oberhalb der Spreebögen auf dem Gelände eines alten Tanköllagers gerade an einem neuen Quartier mit 1100 Wohnungen. Die Aufbruchsstimmung im Mierendorff-Kiez, der seinen alten Namen Kalowswerder abzustreifen versucht, ließe sich durch eine West Side Gallery für alle sichtbar machen. So fiel bei der Konferenz auch das Wort „Magnetwirkung.“

"Ich will keine West Side Gallery"

Aber jenes verbinden einige Insulaner mit Ängsten. „Ich will hier keinen Szenekiez. Und ich will keine West Side Gallery“, rief eine Frau. Die Furcht vor der Ernennung zum neuen Trendquartier geht sogar soweit, dass mancher Stammbewohner Bio-Läden verteufelt. Denn die gelten als Merkmal der Gentrifizierung – also der Verdrängung alteingesessener Bewohner durch vermögende neue. Noch bevor die Furcht vor einer Touristensensation den Raum verließ, versuchte Schulte zu beruhigen. Derzeit stehe das Vorhaben am Anfang einer behutsamen Entwicklung. Und die geschehe unter Mitsprache der Nachbarschaft. Denkbar wäre zum Beispiel eine Online-Abstimmung über den endgültigen Entwurf, erwägt Moderatorin Isermann-Kühn.

Kombi-Kunstwerk könnte Streit lösen

Zunächst aber bleibt offen, wie sich solch gegensätzliche Pläne wie die grellbunten Bögen des Malers Matthias Fernow und die Idee eines Skulpturenparks der Firma Noack zusammenbringen lassen. So viel steht fest: Ein Gemeinschaftskunstwerk hat wohl die besten Karten. Die West Side Gallery wird mehrere Schöpfer brauchen. Und das wäre wohl die wichtigste Gemeinsamkeit mit der Mauergalerie im Osten.