Nachhaltigkeit

Mierendorff-Insel wird klimaneutraler Leuchtturm

Das Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf und die Gasag haben am Freitag einen Vertrag zur Energieoptimierung der Mierendorff-Insel unterzeichnet.

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Carolin Brühl
Die Rauchgasentschwefelungsanlage des Kraftwerks Charlottenburg

Die Rauchgasentschwefelungsanlage des Kraftwerks Charlottenburg

Foto: Philipp Siebert

Charlottenburg. Das Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf und die Gasag haben am Freitag einen Vertrag zur Energieoptimierung der Mierendorff-Insel unterzeichnet - ein Modellprojekt. Von Carolin Brühl Der Bezirk und der Energieversorger Gasag haben große Pläne. "Wir nehmen uns die Insel als Ganzes vor", sagt Oliver Schruoffeneger (Grüne). Mit der Insel meint der Stadtentwicklungsstadtrat das von Spree und Charlottenburger Verbindungskanal klar eingegrenzte Gebiet im Norden Charlottenburgs.

Dort soll eine Art Pilotprojekt entstehen, das vorbildhaft dazu beitragen soll, dass Bezirk und die Stadt gemäß der Vorgaben der UN-Klima-Konferenz 2015 in Paris bis 2050 klimaneutral werden. "Alle fragen sich, wie man dieses Ziel erreichen soll", sagt Schruoffeneger, "wir wollen nicht erst Gutachten oder Studien erstellen lassen, sondern gleich anfangen, etwas zu tun." Die Mierendorff-Insel eigne sich mit ihren rund 14.000 Einwohnern und der vielfältigen Mischung aus Gewerbe, Wohnen, öffentlichen Institutionen und Grünflächen besonders gut als Modellprojekt für die reale Umsetzung der Energiewende in Berliner Bestandsgebieten, so Schruoffeneger.

Vom reinen Versorger hin zum Energiemanager

Erstmals haben deshalb ein Berliner Bezirk und ein Energiedienstleister einen Kooperationsvertrag abgeschlossen, um ein nachhaltiges Energiekonzept für ein bestehendes Quartier in Berlin zu entwickeln. "Wir haben uns sehr bewusst für die Gasag als Partner entschieden", sagt der Stadtrat. Auch Energieversorgungsunternehmen müssten sich weg vom reinen Versorger hin zum Energiemanager verändern. "Beide Partner, Bezirksamt und Gasag, finanzieren das Vorhaben gemeinsam. Das Bezirksamt bringt seine Ortskenntnis und die Gasag ihr Energiewissen ein. Das ist für alle eine gute Kombination“, sagt Schruoffeneger. Die auf zehn Jahre angelegte Kooperation soll auch als Leuchtturmprojekt für weitere Quartiere in Charlottenburg-Wilmersdorf dienen. "Die Gasag versteht sich schon immer als Partner der Stadt und trägt zur Erfüllung der Klimaschutzziele bei", sagt Matthias Trunk, Vorstandsmitglied des Energieversorgers. Als erstes Unternehmen habe sich die Gasag 1998 gegenüber dem Land verpflichtet, zwei Millionen Tonnen CO2 einzusparen. "Davon haben wir schon drei Viertel des Weges geschafft“, so Trunk. „Wir haben das Energie- und Berlin-Knowhow und können mit konkreten Lösungsvorschlägen, den Bezirk bei seinem Vorhaben unterstützen". Sein Unternehmen wolle sein Engagement auch nicht am Ende des Projekts stoppen, sondern sein langfristig ausgerichtet.

Erste Phase: Analyse und Bestandsaufnahme

Im Januar 2018 soll das Projekt in einer dreijährigen Phase der Analyse und Bestandsaufnahme beginnen, erklärt Schruoffeneger. Zunächst wollen die Partner den bestehenden Energieverbrauch ermitteln und Möglichkeiten zur Energieeinsparung sichtbar machen. "Da spielt auch die Digitalisierung eine Rolle", sagt Frank Mattat, Geschäftsfürer von Gasag Solution Plus. "Wir werden mit intelligenten Systemen Nutzungsverhalten und Verbrauch messen." Anwohner, Immobiliengesellschaften und Gewerbetreibende des Kiezes sollen von Anfang an "mit ins Boot" geholt werden.

Nachhaltigkeit schon bei der Planung neuer Projekte

Eine Energiewende bedeutet Schruoffeneger zufolge aber nicht nur, "elf Zentimeter Dämmung auf die Fassade klatschen", es gehe auch um den Einsatz neuer Technologien und Steuerungskonzepte. So wolle der Bezirk beispielsweise bei der Planung für die neue „WerkBundStadt“ am Spreebord im Süden der Mierendorff-Insel beispielsweise Konzepte wie Carsharing oder E-Bike-Sharing bereits fest in der Planung verankern. "Es ist ein Unterschied, ob man eine Tiefgarage für 500 Autos individueller Eigentümer bauen muss oder nur eine für 100 Car-Sharing-Fahrzeuge, die dann auch von anderen Bewohnern der Insel genutzt werden könnten." Das Bezirksamt, der Deutsche Werkbund Berlin und die betroffenen Grundstückseigentümer am Spreebord haben sich deshalb schon jetzt auf einen kooperativen Planungsprozess zur Umsetzung des Konzeptes der „WerkBundStadt“ verständigt. Neben Grundsätzen zur städtebaulichen Gestaltung wurden auch Ziele der nachhaltigen, kulturellen und sozialen Stadtentwicklung vereinbart. "Ich freue mich, dass in der Zielvereinbarung innovative Konzepte für die energetischen Standards und die Mobilitätskonzepte vereinbart wurden. Das Projekt kann damit zum Vorreiter für eine klimaneutrale Stadtentwicklung werden", so Schruoffeneger

Umsetzungskonzepte in der zweiten Phase

Aufbauend auf den Erkenntnissen der ersten Phase werden dann Umsetzungskonzepte erstellt. „Wir haben bereits wiederholt für größere Gebäudekomplexe eine energetische Versorgung aufgebaut, die den jeweiligen Klimaschutzzielen bis hin zu Klimaneutralität gerecht wird. Unser Vorteil ist, dass wir individuelle Konzepte entwickeln. So bringen unsere Lösungsansätze oftmals Mehrwertleistungen für die Bewohner mit sich“, sagt Mattat. Wichtig sei auch, dass alle Maßnahmen neben ihrer Umweltverträglichkeit auch auf ihre Sozialverträglichkeit hin geprüft werden, so Mattat. Für das Management des Projektes wird eine Projektkraft eingestellt. Ziel der Vereinbarung ist es auch Gelder aus öffentlichen Förderprogrammen einzuwerben, um die konkreten Umsetzungsmaßnahmen zu finanzieren.

Information

Wer sich für das Projekt interessiert, bekommt weitere Informationen auf der zweiten Zukunftskonferenz zur Mierendorff-Insel, die an diesem Sonnabend, 18. November, von 11 bis 16 Uhr, in der Mierendorff-Schule, Mierendorffstraße 20, stattfindet.