Charlottenburg

Theater oder nicht Theater - Das ist hier die Frage

Die Berliner Shakespeare Company will am Eingang zur Mierendorffinsel an der Sömmeringstraße ein Globe Theatre bauen.

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Shakespeare wäre stolz auf ein Globe Theatre nach dem Vorbild seines Originals in Berlin.

Shakespeare wäre stolz auf ein Globe Theatre nach dem Vorbild seines Originals in Berlin.

Foto: pa/Thamboly/pa/Scholz/ Getty Images; Montage BM

Seit ihrer Gründung 1999 tingelt die "Shakespeare Company Berlin" durch Berlin, Deutschland und die Welt. Im Sommer meist draußen wie im Innenhof des Pergamon-Museums, im Theaterzelt am Ostbahnhof oder auf der Freilichtbühne auf dem Schöneberger Südgelände haben Initiator Christian Leonard und seine Truppe seit fast zehn Jahren William Shakespeares ( 1564-1616) Volkstheater mit unbändiger Spielfreude interpretiert. Viel Lob hat die Truppe bekommen, treue Zuschauer gewonnen, aber ein Sommernachtstraum blieb bis dato unerfüllt: ein Zuhause. Nicht irgendeines sollte es sein. Sondern, wie es sich geziemt, ein Globe Theatre, wie es sich der britische Dramatiker 1599 selbst gönnte.

Heute noch steht ein Nachbau des Originals an der Themse in London und wird erfolgreich bespielt. Ein solches polygonales Bauwerk, in dem die Zuschauen wie in einem Zylinder in Galerien übereinander sitzen und somit nah am Geschehen auf der Bühne sind, könnte schon in diesem Sommer auch in Berlin stehen. Bisher liegt das Holztheater, zwar kleiner, aber in der Form dem Original aus der elisabethanischen Zeit nachempfunden, in Einzelteile zerlegt auf einem Industriegelände in Marienfelde. Es stammt aus Schwäbisch Hall, wo es von 2000 bis 2016 von den Freilichtspielen der Hohenloher Stadt genutzt wurde. Als es abgerissen und entsorgt werden sollte, hat sich Leonard eingeschaltet und den größten Teil des in modularer Bauweise errichteten Gebäudes nach Berlin schaffen lassen. Bis auf die sogenannten Leimbinder – gewaltige Säulen, fast 15 Meter lang und fünf Meter im Durchmesser. „Die sind noch in Schwäbisch Hall gelagert und müssten dann per Sondertransport nach Berlin gebracht werden“, sagt Leonhard. Die gesamte Konstruktion mit einem Durchmesser von 31 und einer Höhe von 14 Metern dann wieder aufzubauen, gehe schnell. „Dieses ,Globe Theatre‘ bietet Platz für 600 Zuschauer und ist schon mal in zwei Wochen aufgestellt worden“, sagt der Theaterchef Und es biete eine "einzigartige Atmosphäre.

Ein Brief mit fünf Punkten an die Kulturstadträtin

Bisher konnte er jedoch noch keinen Platz in Berlin für die Konstruktion finden. Doch Leonhard, der von sich selbst sagt, er fände fast zu jeder Situation ein passendes Shakespeare-Zitat, gab seinen Traum nicht auf. Im Herbst letzten Jahres schrieb er die neue Charlottenburg-Wilmersdorfer Kulturstadträtin Heike Schmitt-Schmelz (SPD) an und legte ihr seinen Fünf-Punkte-Katalog vor. "Er hat geschrieben, er suche einen Ort mit gutem Anschluss an den öffentlichen Nahverkehr", zählt die Stadträtin auf. Zudem müsse das Theater allein stehen können, und es sollte auch in einem gewissen Abstand zur Wohnbebauung stehen. Benötigt würden weiter Strom und Wasser und ein Anschluss an das Abwassersystem, und, auch einen letzten Punkt habe ihr Leonard in seinem Schreiben als überaus wünschenswert aufgeführt, erzählt Schmitt-Schmelz: "Das Grundstück für das Theater soll nah am Wasser liegen." Der Brief landete nicht wie sonst vielleicht üblich in der Berliner Verwaltung in der Ablage "Sowieso nicht realisierbar".

Shakespeare-Theater statt Lagerplatz

Die Stadträtin dachte nach , nahm Kontakt mit Leonhard auf und besuchte eine Vorstellung von Shakespeares "Wintermärchen". Sie fand nicht nur Gefallen an dessen Truppe, die sich mit den "Shakespeare Kids" in der Kinder- und Jugendarbeit engagiert, sondern auch ein Grundstück, das sich mit den Wünschen der Skakespeare Company bis aufs My deckt. "Der kaum mehr genutzte Lagerplatz des Bezirksamts zwischen Sömmeringhalle und Österreichpark", sagt die Stadträtin. Das Grundstück liege in angemessener Entfernung von der Wohnbebauung, verfüge über Versorgungsanschlüsse, das Theater könnte frei stehen und sei über die U7 und den Bus zum Flughafen Tegel gut angeschlossen. "Es bietet zwar keinen Blick auf die Themse, aber einen direkten auf die Spree", sagt Schmitt-Schmelz, die das Theater in der direkten Nachbarschaft der Bronzegießerei Noack auch als weitere Aufwertung für das kulturelle Leben auf der Mierendorff-Insel sieht.

Der Standort begeistert auch Leonard. "Ich würde am liebsten schon im Sommer mit dem Spielen beginnen", sagt der Schauspieler, der wegen der Realisierung seines Traumes die eigene Karriere längst an den Nagel gehängt hat. Doch zwischen dem ersten Vorhang liegen noch ein paar Hürden, auch wenn die Verwaltung in Person der Kulturstadträtin schon einmal hinter dem Vorhaben steht, der Kulturausschuss die Idee einstimmig abgenickt hat und sich auch alle Fraktionen im Stadtentwicklungsausschuss voller Wohlwollen zeigten. Doch viel mehr als ein Grundstück wird der Bezirk der Theatertruppe nicht anbieten können. Leonards Lebenstraum kostete schon viel Geld, die Umsetzung des letzten Schrittes würde mit 850.000 Euro zu Buche schlagen. Frage nach der Finanzierung beantwortet Leonard jedoch mit einem Zitat als Shakespeares "Die lustigen Weiber von Windsor" voller Zuversicht: "Denn, wie man sagt, wo Geld vorangeht, sind alle Wege offen." Die Bauvoranfrage sei in Vorbereitung", sagt er.

Auf einer ersten Anwohnerversammlung zu der die Stadträtin und die Theaterleute eingeladen hatten, stand die Mehrheit der knapp 100 Gäste dem Vorhaben durchaus positiv gegenüber. Immerhin zeigten die Shakespeare-Darsteller mit Szenen aus dem Sommernachtstraum, Liedern und Monologen durchaus, was künftige Zuschauer im Globe Theatre an der Spree zu erwarten hätten. Doch es gab auch kritische Stimmen. Lärm in den Abendstunden, noch mehr Druck auf die geringe Zahl der Parkplätze und zunehmenden Parksuchverkehr fürchteten einige Anwohner. Für einige der Anwohner ist das Theater ein weiterer Faktor in ihrer Nachbarschaft, der den Kiez verändern wird. Der Bezirk will an der Quedlinburger Straße 45 eine Flüchtingsunterkunft für 850 Menschen und auf dem Parkplatz neben der Sporthalle an der Sömmeringstraße eine Kita bauen. Auch zu diesen beiden Projekten soll es am kommenden Mittwoch (17.30 Uhr bis 19 Uhr, Mehrzweckraum der Mierendorff-Grundschule, Mierendorffstraße 20-24) eine Informationsveranstaltung geben.Leonard warb dennoch für das künftige Zuhause für seine Truppe. "Wir kommen in friedlicher Absicht", versicherte er. „Wir wollen nicht nur Shakespeare am Abend und mittags im englischen Original für Schüler aufführen. Das „Globe Theatre“ soll eine Begegnungsstätte werden, soll anzumieten sein für Workshops und Integrations- und Friedensarbeit mit künstlerischen Mitteln leisten.“ Vor allem soll es aber eines sein, ein einzigartiger Spielort. Nicht alle Besucher des 600 Zuschauer fassenden Theaters würden mit dem Auto kommen, beschwichtigte deshalb der Theater-Chef die Gemüter. Gespielt würde auch nur in den Sommermonaten Juni, Juli und August, sowie je nach Wetterlage auch noch ein paar Tage im September.

In den restlichen Monaten würde nur die Probebühne bespielt, in der aber nur 99 Zuschauer Platz finden sollten. Auch Stadträtin Schmitt-Schmelz will das Projekt vorantreiben. Sie wolle versuchen mit Eigentümern von Parkplätzen wie Hotels oder Discountern, in der Nähe des Theaterstandorts zu verhandeln. Hermann Noack, Chef der Bronzegießerei und Gastgeber der Versammlung, würde sich über die neue Nachbarschaft freuen: "Es ist in unser aller Interesse, dass sich der Kiez hier positiv weiterentwickelt."