Am Mehringdamm beginnt die Nacht pünktlich um 23 Uhr mit einem energischen „Guten Morgen!“ Ines, von ihren Kollegen auch Krabbelkäfer genannt oder Wadenbeißer, ruft über sechs zischende Fritteusen hinweg: „Jetzt geht’s lo-hos!“ Sie bindet sich die rote Schürze um und greift zur ersten Pommesschale.
Nachtschicht im Imbiss Curry 36. Ines, Günni, Momo, Pasquale: In den nächsten sechs Stunden werden sie Hunderte Würste, Zigtausende Pommes Frites und eimerweise Ketchup und Mayo servieren. Bis fünf Uhr früh, wie jeden Tag. Danach wird zwei Stunden lang geputzt. „Wo du hinterher überall Ketchup findest, det gloobste jar nich“, brummelt Günni.
Schnell, freundlich und immer einen lustigen Spruch auf den Lippen: Für seine unterhaltsamen Verkäufer ist das Curry 36 ebenso beliebt wie für die gute Wurst. Noch aber sehen die vier von der Nachtschicht ein bisschen blass aus. Das Neonlicht in der Küche beleuchtet ungnädig jede Runzel der brutzelnden Würste und die brodelnden Fettbäder, während draußen am Fenster der Tag zerrinnt.
Kein Ort vieler Worte
Ein Krankenwagen pflügt heulend und mit flackerndem Blaulicht durch die Regenpfützen. Drinnen ist es warm, verhältnismäßig. „Kalt is det!“ Ines tritt vom offenen Verkaufsfenster weg. Günter, in kurzen Ärmeln, schüttelt den Kopf. „Kalt! Ick frier’ ab minus zehn Grad.“ Dann, zu seinem ersten Kunden der Nacht: „Moin, Großer! Erzähl mir wat!“ –„Zwee mit Darm.“ Ein Schnellimbiss ist kein Ort vieler Worte.
Ines stellt per Fernbedienung das Radio lauter. Irene Cara singt den Soundtrack des Abends: „First when there's nothing but a slow glowing dream ...“ Der Ohrwurm aus „Flashdance“ von 1987 legt etwas Erwartungsvolles über die Szene. Was erwartet die Nachtschicht am Imbiss? „Noch 81 Monate und sieben Wochen bis zur Rente“, platzt Günni heraus, und dann, ernster: „Ich hoffe, heute ist genug los. Sonst macht’s keenen Spaß.“ Ines nickt. Nachts sind die Kunden lockerer als am Tag. „Nachts ist alles ein bisschen anders.“
Ines, 46 Jahre alt, beginnt seit sieben Jahren ihre Arbeitstage abends um elf. Günni, 58, hat früher auf dem Bau gearbeitet und ist sogar schon seit zehn Jahren im Curry-36-Team. Momo, 30, der erst seit einem Jahr dabei ist, stellt die Kaffeemaschine an. Pasquale stammt aus Neapel und sagt, wenn man ihn fragt, poetische Sätze wie: Die Nacht in Neapel sei ganz anders als in Berlin, aber zu kompliziert, um an einem Schnellimbiss davon zu erzählen.
Frühstück um acht Uhr abends
Aufgestanden sind die vier um acht. „Am Abend! Ich hab’ grade gefrühstückt“, sagt Ines und kräht dann in die Runde: „Es gab Fischbrötchen! Lecker!“ Alle lachen, auch die Gäste draußen. Fisch gibt es nicht bei Curry 36. Hier ist alles Wurst. Mit Darm, ohne Darm, als Bio-Wurst vom Havelländer Apfelschwein. Dazu Pommes – rot, weiß, beides. Wer will, bekommt auch Schnitzel, Chicken-Nuggets oder Chili con Carne. Um kurz nach elf am Abend will das aber keiner. Die Schlange wird länger. Die Vorstellungen im Kabarett BKA nebenan und dem nahen Yorck-Kino sind zu Ende.
Ines fährt mit dem Wischlappen über die Arbeitsflächen, etwas später übernimmt diesen Job Pasquale, dann Momo. Ein Schild erinnert zwischen Ketchupflaschen und Kaffeemaschine: „Alle fünf Minuten die Arbeitsflächen wischen.“ Schnell ist am Imbiss nicht nur der Service, sondern auch der Fettfilm, der bald alles überzieht.
Um Mitternacht führen Günter und Momo an den beiden Verkaufsfenstern eine Art Kanon der Currywurst auf. Hintereinander folgende Stimmen. „Hallo da hinten! Sprechen Sie mit mir! Zweimal Curry? Mit oder ohne Darm? Egal? Eine so, eine so? Und der Nächste? Komm’ ran, sag was ’de willst!“
Das Curry 36 steht in vielen internationalen Reiseführern
Schnell muss es gehen. Pasquale wuchtet einen Zehnlitereimer Ketchup hoch und beginnt in Rekordtempo, Ketchupflaschen aufzufüllen. Zehn Literflaschen stehen immer im warmen Wasserbad. Es dauert eine halbe Stunde, dann sind sie wieder leer. Momo schaut kurz zu Pasquale hinüber, grinst und singt vor sich hin: „Ketchup oder Majo ...“ – und die drei anderen stimmen lauthals ein: „... is’ mir doch ejal!“ Am Fenster draußen lachen sich zwei Kerle in Ledermonturen kaputt.
Günni verhandelt jetzt mit einer schwedischen Familie das Abendessen. Vater, Mutter und zwei blonde Töchter schauen zu ihm hoch. Günni thront in seinem Fenster wie ein Theaterschauspieler. „Und ihr? Viermal Curry mit Pommes, hab ick recht?“ Ratlose Gesichter. „Do you speak English?“, fragt der Vater höflich zurück. „Jaaa, so’_n little bit“, sagt Günni gutmütig.
Momo ruft dazwischen: „Palim, Palim!“, als sein Kunde einen Euro Trinkgeld in das Glas auf dem Tresen wirft. „Palim, Palim!“ echot Ines. Der Spruch stammt aus einem Sketch von Didi Hallervorden. Verstehen Fremde diesen Humor überhaupt? Günni: „Jedenfalls lachen die alle.“ Er mag Touristen. Japaner, sagt er, zeigen oft einfach ihren Reiseführer und deuten auf das Bild mit der Currywurst. Das Curry 36 steht mittlerweile in vielen internationalen Reiseführern.
Von Schröder über Vettel und Schumacher bis zum „Tatort“
Als der Imbiss vor 32 Jahren am Mehringdamm nahe dem U-Bahnhof eröffnete, zwischen einem Schuhladen und der Berliner Kneipe „Vogt’s Bierexpress“, ahnte niemand, dass diese Adresse je weltbekannt werden würde. „Anfangs hatten wir nicht mal einen richtigen Namen“, erinnert sich Gründer und Inhaber Lutz-Michael Stenschke. „Wir wollten einfach ‚Curry’ auf das Schild schreiben. Aber das Bauamt bestand auf der Zahl 36, weil unser Schild die darunterliegende Hausnummer verdeckte. Die Kunden machten daraus dann ‘Curry 36‘. So entstand die Marke.“
Inzwischen kommen auch oft Prominente her. Vom bekennenden Currywurstfan Gerhard Schröder bis zu den Rennfahrern Michael Schumacher und Sebastian Vettel waren schon viele da. Auch eine Szene des Berliner „Tatorts“ wurde hier schon gedreht. Mit Stenschkes Frau im Verkaufsfenster. Promi-Fotos hängt Stenschke dennoch nicht auf. „Das Besondere bei uns sind die ganz normalen Leute.“
Der 56-Jährige hat seine Büroräume direkt über dem Laden. Eine ehemalige Wohnung mit viel Stuck, hohen Räumen, Kunst an den Wänden – und ohne Pommesgeruch. Stenschke ist nicht der typische Wirt oder Koch. Er ist Kaufmann. Er sagt Sätze wie „im Vordergrund steht für mich der wirtschaftliche Erfolg“ - und erzählt dann seinen persönlichen Traum von der Imbissbude. Als Schuljunge hatte er in den 60er-Jahren oft an einem Imbiss in Tegel gegessen. „Der Inhaber, ein älterer Herr, fuhr einen 300er Mercedes, damals kostete so ein Auto ein halbes Vermögen.“ So beschloss Stenschke nach seiner kaufmännischen Lehre in einem Autohaus: selbst reich zu werden. Mit einem Imbiss.
Zweite Filiale, eigenen Catering-Service und Ketchup im Supermarkt
Heute hat das Curry 36 eine zweite Filiale am Zoo, bietet Catering-Service an, das Ketchup nach einem Geheimrezept 36 gibt es im Supermarkt. Und Stenschke regiert von seinem Schreibtisch nicht nur die Imbisse, sondern auch zwei eigene Hotels auf Rügen. Er hat fast 100 Angestellte, denen er genau sagen kann, wie man eine Wurst brät. Denn in den ersten Jahren stand er selbst mit am Bräter. Nur eines hat er nie gemacht – Nachtschicht. Die Nacht ist für ihn nur eine Zahl – die der verkauften Würste. Aber weil er Geschäftsmann ist, behält er die Zahl für sich.
„Günni! Mein Baby piept! Mach was!“ Es ist fast ein Uhr, als Ines und Günni so richtig aufdrehen. Draußen wächst die Traube hungriger Kunden, hinten im Raum fiept eine Fritteuse. Das macht sie immer, wenn die Pommes Frites fertig sind, ebenso wie Ines, die ihren Hilfeschrei dann wiederholt. „Günni, mein Baby....“ Günni nimmt die Pommes-Körbe aus dem Fett und murmelt irgendwas vor sich hin.
Etwas später recken sich zwei Blondinen in Dirndlkleidern über den Tresen. „Hunger!“ Sie kommen vom Oktoberfest am Hauptbahnhof. „Aber da war um Mitternacht Feierabend, wo jibt’s denn sowat?“ Vielleicht in Bayern, aber sicher nicht in Berlin. Stefanie, 30, und Janine, 34, kommen aus Treptow und Rangsdorf bei Berlin. Die Dirndl sind ihr Ausgehkostüm an diesem Abend. Curry 36 die Zwischenstation auf dem Weg zum Club an der Fasanenstraße. Das Großartige an Berlin, sagen die beiden, sei, dass einfach immer irgendwo etwas los sei. „Wenn wir könnten, würden wir jede Nacht ausgehen.“ Momo reicht ihnen die Wurstschalen nach draußen, wo jetzt Gelächter und Geschrei durchs Dunkel hallen. Es hat aufgehört zu regnen.
Alle Gesellschaftsschichten stehen am Imbiss zusammen
Am Nachbartisch herrscht ebenfalls gute Laune. Heike (44), Michaela (46), Roswitha (56) und Jennifer (23) haben ihren Tanzabend schon hinter sich. Die vier sind Nachbarinnen, sie wohnen seit Jahren im selben Haus in Neukölln. Heute sind sie zum ersten Mal zusammen ausgegangen. „Die Männer haben wir zu Hause gelassen, so machen wir das jetzt öfter.“ Roswitha ist begeistert. Getanzt haben sie im Club Felix in Mitte. Das Curry 36 liegt auf ihrem Nachhauseweg. Tags, sagen die vier, waren sie schon öfter hier. „Dass hier noch geöffnet ist, wussten wir, aber nicht, dass es hier nachts um halb zwei noch so lustig ist.“ Auf der anderen Seite des Tisches hören ein Mann und eine Frau sehr aufmerksam zu.
Sie sind Lehrer aus Frankfurt am Main, auf Klassenfahrt mit Zwölftklässlern. Eigentlich. Die Currywurst ist ihre „Mittagspause“ zwischendrin. Halb zwei ist es jetzt. „In Frankfurt bekommt man um diese Uhrzeit nirgendwo mehr etwas zu essen.“ Er, ein Geschichtslehrer, hat tags zuvor schon einmal im Curry 36 gegessen. Gemeinsam mit einem Taxifahrer.
Auf der Fahrt durch Mitte waren die beiden über die Geschichte der Stadt ins Gespräch gekommen. „Das war so interessant, also habe ich den Fahrer dann auf eine Wurst eingeladen“, sagt der Geschichtslehrer. „Was ich an Berlin mag, ist neben seiner Geschichte vor allem das Lockere. Hier am Imbiss stehen alle Gesellschaftsschichten zusammen, das ist in Frankfurt anders.“ Und, das sagt die Lehrerin: „In Berlin gibt es keinen geregelten Rhythmus. Hier essen die Menschen einfach immer und überall, oft auf der Straße - oder eben auch mitten in der Nacht. Das ist einfach toll.“
Nach dem Mauerfall stürmten Kunden die Currywurst-Bude
Dem pflichtet ein Paar bei, sie sind um die 50 und aus Koblenz nach Berlin gekommen. „Auf Einladung unserer Bundestagsabgeordneten von den Linken“, sagen Sabine Veidt und Reinhard Bach. Doch der Imbiss ist für sie eine ganz persönliche Geschichte. „Ich war in den 80er Jahren schon hier“, sagt Reinhard Veith und grinst seine Begleitung an: „Als Hausbesetzer habe ich gleich um die Ecke gewohnt. Die Wurst hier ist so lecker wie damals.“
Bis zum Mauerfall trafen sich im Curry 36 vorwiegend die Nachbarn. Punks und Hausbesetzer, Polizisten, Beamte und U-Bahn-Fahrgäste. Die Wurstbude als befriedete Zone zwischen den Welten von West-Berlin: So war es, bis am 9. November 1989 die Mauer fiel. „Wir wurden förmlich gestürmt“, erinnert sich Lutz-Michael Stenschke. „Manche Kunden haben uns die Wurst aus den Händen gerissen und kalt gegessen. Es war verrückt.“
An Imbissbuden spielt das wirkliche Leben
Ein bisschen hat sich das Verrückte erhalten. Diese Mischung aus dem Eroberer-Stolz der Nachtschwärmer, die sich beglückwünschen, gemeinsam am Kult-Imbiss zu stehen, und jener Melancholie der Großstadt, in der man auch verloren gehen kann. Um halb drei stehen die Menschen dicht an dicht an den Stehtischen, mitten drin ein Herr in mittlerem Alter. „Berlin ist die einzige Stadt, in der ich leben kann, auch wenn es regnet“, sagt er. „Hier gibt es so viele Möglichkeiten, so viele Freunde, so viele Menschen, die einen auffangen wie sonst nirgends.“ Acht Augenpaare richten sich auf ihn. In schweigendem Verständnis? Vielleicht nur, weil alle den Mund voll haben.
Dann wird es ruhiger. Hinterm Verkaufsfenster stimmt Günni einen letzten Gesang an: „Jetzt jehts lo-hos“, und Ines antwortet mit ihrer schönsten Bühnenstimme: „Klar doch, gleich kommt der Dampfer.“ Dass Imbissbuden Bühnen sind, auf denen das wirkliche Leben spielt, haben schon viele Film- und Theaterregisseure erkannt. Momentan hat das Kabarett „Stachelschweine“ im Europacenter ein Stück im Programm mit dem Titel „Currywurst“. – „Ach, da haben doch wir neulich das Catering gemacht“, sagt Ines. Und dann, einen Ton schriller: „Aber eigentlich müssten wir doch da auf der Bühne stehen. Oder, Günni?“





