Auf der Budapester Straße ist abends nicht mehr viel los. Der Zoo ist geschlossen. Geschäfte, die man sich ansehen könnte, gibt es nur wenige. Die Touristen sind um diese Zeit anderswo. Die Berliner offensichtlich auch. Nur das Gebäude mit der Nummer 2 leuchtet hell – es ist das Hotel Intercontinental. Scheinwerfer strahlen es an. Bis Mitternacht jedenfalls, dann werden sie abgeschaltet.
Der Eingang zum Hotel sieht eher nüchtern aus. Kein roter Teppich, keine Blumenbouquets. Umso freundlicher ist der Empfang. Wer auf dem Vorplatz des Hauses ankommt, ob mit dem Auto oder zu Fuß, wird mit einem „Guten Abend“ begrüßt, seine Koffer muss man nun nicht allein tragen. In dieser Nacht ist es Thomas Mlekuz, der nach draußen läuft und die Gäste in Empfang nimmt.
Mlekuz ist Night Manager im Intercontinental. Seit zwölf Jahren arbeitet er, wenn andere die Nacht genießen, ins Kino gehen, in die Bar, zu Freunden. Er arbeitet auch noch, wenn die meisten Partygänger schon wieder schlafen. Sein Dienst geht von 22.30 Uhr bis 7.30 Uhr. In dieser Zeit ist er für die Gäste da und versucht, jeden ihrer Wünsche zu erfüllen. In der Nacht, so könnte man das sagen, ist Mlezuk nicht nur ein Mitarbeiter, er ist das Hotel. Für seine Gäste steht er bei Wind und Wetter vor der Tür und winkt Taxis heran, er fährt ihre Wagen in die Tiefgarage, nimmt Klagen wegen Lärms oder fehlenden Sprudelwassers entgegen und gibt Tipps zum Ausgehen. Er sieht, wer mit wem nach Hause kommt, er weiß, wer sich eine Frau aufs Zimmer bestellt hat – und schweigt. Diskretion ist für ihn das oberste Gebot. „Natürlich bekommt man vieles mit“, sagt er und lächelt. Mehr sagt er nicht.
Ein Drittel seiner Arbeitszeit verbringt Portier Mlekuz am Computer
Auch für die Sicherheit im Haus ist Mlekuz zuständig in der Nacht. Regelmäßig macht er Kontrollrundgänge. Er geht durch das große Foyer, er schaut in die vielen Konferenzräume. Auch die Garage inspiziert er. Das Foyer des Intercontinental ist großzügig angelegt und modern gestaltet, der Fußboden aus hellem Stein. Opulente Holzvertäfelung oder Kronleuchter gibt es hier nicht.
Ein Drittel seiner Arbeitszeit verbringt Mlekuz am Computer. Sein Schreibtisch steht in einem fensterlosen Raum hinter der Rezeption. Tagsüber werden dort die Buchungen entgegengenommen. Mlekuz prüft, ob alle Rechnungen korrekt verbucht worden sind, er protokolliert, welche Bereiche welchen Umsatz gemacht haben, und füllt Statistiken aus. Gegen drei Uhr morgens beendet er dann sämtliche Rechnungsvorgänge und stellt das Datum um. Im Intercontinental beginnt der neue Tag erst dann. Mlekuz liebt diesen Moment, an dem die Zeitrechnung des gesamten Hauses quasi in seiner Hand liegt.
Night Manager besorgt Zahnbürste, Shampoo oder weichere Kissen
Noch ist es nicht so weit, gerade einmal 23 Uhr. Das zeigt ein Blick auf seine Armbanduhr. Das Telefon klingelt, ein Gast kommt mit seinem Kopfkissen nicht zurecht, er möchte ein weicheres Kissen. „Kein Problem“, sagt der Night Manager. „Ich bringe Ihnen sofort ein anderes vorbei.“ Er legt auf, greift nach seinem Generalschlüssel und geht zum Fahrstuhl.
Es sind diese Aufträge, die er nachts zu tun hat: Er besorgt eine Zahnbürste, Shampoo oder ein anderes Kissen. Er kümmert sich darum, dass eine Aufbettung bereitgestellt wird. Er nimmt Essensbestellungen entgegen. Manchmal hat ein Gast seine Medikamente vergessen. Mlekuz bestellt dann ein Taxi, das zur Apotheke fährt, um sie zu besorgen. Thomas Mlekuz ist 41, er trägt einen grauen Anzug, darunter ein weißes Hemd mit einer unauffälligen Krawatte. Seine Schuhe sind schwarz. Der Anzug und das Hemd sind seine Uniform. Er hat jeweils drei davon vom Hotel bekommen, das auch die Reinigung der Sachen übernimmt. In anderen Hotels tragen Leute wie er bei der Arbeit oft dunkle Uniformen mit vielen Knöpfen und Verzierungen. Das ist auffälliger als ein grauer Anzug. Doch Thomas Mlekuz ist mit seiner Arbeitsbekleidung zufrieden. Das Auffällige liegt ihm ohnehin nicht besonders, er bleibt lieber dezent im Hintergrund. Viel wichtiger für die Gäste ist seiner Meinung nach, was er sagt und tut. Dafür braucht er keine dunkle Livree.
Vom Hüter des Intercontinental zur Privatperson
Außerhalb des Hotels will Mlekuz erst recht nicht in einer Uniform zu sehen sein. Bevor er nach dem Dienst nach Hause geht, zieht er sich deshalb jedes Mal um. Er schlüpft dann in seine Jeans, zieht ein Sweatshirt über und seine Turnschuhe an. Dabei könnte er auch mit dem Anzug nach Hause gehen. Er hat es nicht weit. Auffallen würde es auch nicht. Doch das Umziehen ist für ihn ein Ritual. Vom Hüter des Hauses wird er so wieder zur Privatperson.
Mlezuk ist inzwischen im dritten Stock angekommen. Als sich die Fahrstuhltüren öffnen, liegt ein langer Gang in absoluter Stille vor ihm. Die schweren, hellen Teppiche schlucken jeden seiner Schritte. Mlezuk öffnet den Lagerraum am Ende des Ganges, in dem jede Menge Decken und Kopfkissen liegen. Alles ist gewaschen und gebügelt, es riecht, als hätte man die Tür zu einer Waschmittelwerbung geöffnet. Jede Etage hat so einen Raum. Wenn Gäste nachts ein anderes Kissen, eine zusätzliche Decke oder weitere Handtücher wünschen, findet der Night Manager hier das Gesuchte.
Ein weicheres Kissen für Zimmer 310
Mlezuk greift sich ein extraweiches Kissen und schließt die Tür wieder. Dann schaut er noch einmal kurz auf seinem Zettel nach, an welcher Zimmertür er klopfen muss. Es ist Nummer 310. „Zimmerservice“ ruft er dabei. Der Gast, ein älterer Herr im Bademantel, nimmt das Kissen, klopft einmal drauf und bedankt sich artig.
Als Mlezuk wieder im Foyer ankommt, ist es so leer wie draußen auf der Straße. Aus der Bar neben der Lobby dringt gedämpfte Livemusik. Ein Pianist spielt Jazzstandards. Einige Leute sitzen am Tresen und unterhalten sich leise. Die meisten tragen Businesskleidung. Vor dem Eingang hält ab und zu ein Taxi. Leute steigen aus. Manche wohnen hier, andere wollen noch ein Gläschen trinken.
Mlezuk steht nachts ein Kollege zur Seite
Die genaue Dienstbezeichnung von Thomas Mlezuk lautet Assistent Night Manager. Man könnte auch Nachtportier sagen. Das klingt schöner, auch altmodischer und weckt Assoziationen. Es gibt schließlich viele Geschichten und Filme, in denen ein Nachtportier vorkommt – oft wird er da als einsamer Mann hinter einem spärlich beleuchteten Rezeptionstresen dargestellt, als Wächter und Beschützer der Gäste, als Hüter ihrer Träume. Nicht selten als Mitwisser ihrer Geheimnisse.
Zumindest in den großen Hotels sind solche Zeiten lange vorbei. Egal, wann hier ein Gast an die Rezeption kommt, und sei es mitten in der Nacht, einen verwaisten Tresen wird er nicht vorfinden. Er muss auch nicht mehr auf eine Klingel drücken, um auf sich aufmerksam zu machen. Heute ist einfach immer jemand da. Thomas Mlezuk steht nachts ein weiterer Rezeptionist zur Seite. Wenn große Konferenzen im Hotel stattfinden, sind es sogar zwei.
Wenn der Nachportier den Bentley einparkt
Die nächste kleine Aufgabe in dieser Nacht wäre für manche ein großer Traum. Mlezuk soll den Bentley in die Garage fahren, den ein Stammgast vor dem Haus geparkt hat. Der Night Manager nickt und lächelt. Es macht auch ihm Spaß, die Autos seiner Gäste zu parken. Zumindest solche Autos, die er sich selbst nicht leisten kann.
Ein Hotel wie das Intercontinental würde Mlezuk für sich selbst nie buchen, wenn er in die Ferien fährt. „Das ist nicht meine Preisklasse“, sagt er. Ärgert ihn das manchmal? Der Night Manager schüttelt mit dem Kopf, „Warum sollte es?“, fragt er. Natürlich sei er stolz auf das Hotel, in dem er arbeite. Doch wenn er selbst etwas buche, müsse es nicht so teuer sein. „Für mich zählt vor allem, ob die Mitarbeiter freundlich sind“, sagt er. Die Atmosphäre muss stimmen.
Seit zwölf Jahren ist Mlezuk in „Interconti“
Im „Interconti“ stimmt die Atmosphäre. Deshalb ist Mlezuk auch schon seit zwölf Jahren hier. In seiner Branche müsste er eigentlich öfter mal in ein anderes Haus wechseln, sagt er. „Wir verstehen uns aber alle so gut hier.“ Jeder der Kollegen sei mit dem Herzen dabei.
Zum Nachtdienst ist Mlezuk eher durch Zufall gekommen. „Die Stelle war frei, da habe ich zugesagt.“ Das Besondere an der Arbeit nachts sei die große Verantwortung, die man dabei habe. Angst hat er trotzdem nicht. „Ich weiß, was ich tun muss, wenn es einen Feueralarm gibt“, sagt er.
Nachtdienst beeinflusst das Privatleben
Doch der Nachtdienst hat auch einen Haken. „Man muss sein Privatleben gut organisieren können, ansonsten hat man bald keines mehr“, sagt Mlezuk. Er habe zum Glück gute Freunde, die Verständnis dafür hätten, dass er tagsüber viel schlafen muss. „Ich hab immer Angst, dass ich zu wenig Schlaf bekomme und dann nicht fit genug bin im Dienst.“ Das gehe einfach nicht. „Sobald ich hier bin, bin ich ganz gefordert. Halbe Sachen gibt es nicht.“
Und es gibt noch ein Problem. Das schlechte Image der Nachtarbeiter bei manchen Personalchefs. Einige haben Vorurteile gegenüber Leuten, die seit Jahren nur nachts gearbeitet haben. „Sie denken, dass wir weniger tun und nichts Neues lernen“, sagt Mlezuk. Zum ersten Mal in dieser Nacht klingt er bitter. Es ärgert ihn, dass nicht gesehen wird, welche Verantwortung er und seine Kollegen gerade nachts zu tragen haben.
Ein Rundgang durch Konferenzräume
Inzwischen ist es 23.30 Uhr. Für Thomas Mlezuk steht der Rundgang durch das Foyer und die Konferenzräume an. Mit großen Schritten durchmisst er die Räume, sein Blick ist überall. Sollte etwas nicht stimmen, es würde ihm nicht entgehen. Auf den neuen Konferenzraum des Hotels ist Mlezuk fast ein wenig stolz. „Hier ist so viel Platz“, sagt er, als er die Stuhlreihen abschreitet. Auf den Stühlen liegen Broschüren, an den Wänden hängen Plakate, Flipcharts stehen herum.
Das Intercontinental war früher mal eine der ersten Adressen im Westteil der Stadt. Prominente sind hier abgestiegen, Touristen mit Geld, Fernreisende. Zum Mauerfall hatten sich Journalisten aus aller Welt in dem kastenförmigen Bau an der Budapester Straße eingemietet. Von hier aus haben sie das Wunder der Wiedervereinigung Deutschlands über den ganzen Globus verbreitet.
Das Berliner Intercontinental – ein Konferenzhotel
Heute hat das Intercontinental vor allem als Konferenzhotel einen Namen. Manche finden das weniger fein oder gar störend. Der Night Manager beschreibt diese Veränderung so: „Wir sind kein Imagehotel wie das Adlon, wir sind stattdessen für unsere Kapazität als Tagungsort berühmt.“ Immerhin habe man 558 Zimmer, und die seien fast immer ausgebucht, auch in dieser Nacht. Natürlich stört das Konferenzzeug manchmal, wenn im Haus die Tafeln und Plakate, die Werbeträger, die Kisten und Kästen stehen. „Aber zum Glück ist das nur zwei oder drei Mal im Jahr der Fall“, sagt Mlezuk. Die meisten Konferenzen bekommen die Gäste gar nicht mit.
Mlezuk liebt das Interconti. Und er möchte, dass auch die Gäste es lieben. Deshalb strengt er sich an, jede Nacht aufs Neue. Seine Profession hat der gebürtige Cottbuser in Neubrandenburg erlernt, von der Pike auf. Später hat er noch eine zweijährige Ausbildung als Betriebswirt gemacht. Sein Traum: Eine gemütliche, rustikale Skihütte in Österreich würde er gern betreiben, später mal. Eine kleine Pension, kein Fünfsternehotel. Er würde dann nicht mehr nur nachts arbeiten, sondern auch am Tag. Und er würde noch mehr Verantwortung haben.





