„Dieses Trash-Berlin, von dem alle immer reden, existiert doch schon lange nicht mehr.“ Ariel Schiff sagt das mit viel Nachdruck. Er stützt sich mit beiden Händen fest auf den schwarzen Marmor der Bar, sein Hemd ist einen Knopf weit geöffnet, und obwohl es dunkel ist, sieht man vor seiner Brust eine Goldkette aufblitzen. Er hat gerade seinen zweiten Gin Tonic bestellt, Tanqueray, viel Eis, ein Stück Zitrone. Er muss so etwas sagen. Das ist Teil seiner Überzeugung, wollte man zu so einem großen Wort greifen, könnte man sagen, es sei Teil seiner Vision, einen Gegensatz zu diesem „Trash-Berlin“ zu schaffen.

An diesem Abend ist es aber mehr, es ist auch PR in eigener Sache. Denn das „Dean“, besser gesagt, der „Dean Club“, an dessen Bar Ariel Schiff steht, ist das neueste Projekt des 48-jährigen Unternehmers. Der Nachtclub öffnet in dieser Nacht zum ersten Mal seine Türen. So manchem Berliner, vor allem den Freunden langer Nächte und lauter Musik, werden diese Türen noch in guter Erinnerung sein. Sie sind berühmt. Schließlich residierte hinter ihnen fast 20 Jahre lang das „Delicious Doughnuts“. Das ist eine bemerkenswerte Lebensspanne für einen Club. Vor allem in Berlin, wo Konzept auf Konzept folgt und in kaum einem Metier der Konkurrenzdruck höher ist als im Nachtleben. So verstand sich die Szenebar in der Rosenthaler Straße auch als Fels in der Brandung, als einer der ersten und am Ende auch der letzte Orte in Berlins Mitte, an dem man bis in die frühen Morgenstunden ungehemmt feiern konnte. Doch es half nichts. Auch das „Delicious Doughnuts“ fand ein Ende, und im Sommer 2013 schlossen sich seine Türen ein letztes Mal.

Das „Dean“ ist weit entfernt von „Trash-Berlin“

Nun, 13 Monate später, an einem Freitag, so kalt und windig, dass die Passanten am Rosenthaler Platz ihre Kragen aufstellen und ihre Hände in den Taschen ihrer Mäntel verschwinden lassen, eröffnet in den alten Räumlichkeiten des „Delicious Doghnuts“ mit dem „Dean“ eine neue Adresse im Berliner Nachtleben. Ein roter Teppich liegt vor der schwarzen Tür des Clubs, hinter einer Samtkordel wachen drei Türsteher darüber, dass auch nur die zur feierlichen Eröffnungsparty kommen, die eingeladen sind. „Trash-Berlin“, wie Ariel Schiff es nennt, das Provisorische, das Baufällige, was lange stilbildend für Berliner Nächte war, ist ganz weit weg.

Das „Dean“ ist kein wilder Ort abseits der Realität wie das „Berghain“ und schon gar keine Eckkneipe, in der an Holztischen billiges Bier getrunken wird. Es ist ein mondäner Club für die, die Lust und das nötige Kleingeld haben, die Nacht durchzufeiern, und auch beim Tanzen nicht auf perfekt gemischte Drinks verzichten wollen. Solch eine Art von Club, wie man ihn in anderen Städten Europas schon lange kennt. In London, der Mutterstadt großer Bars, in Tel Aviv, Paris oder Barcelona. Das ist das, worauf Ariel Schiff anspielt, wenn er sagt, dass Berlin „mehr als reif“ ist für diese Entwicklung, dass in Mitte eine Kultur zum Leben erwache, die in anderen Städten „schon seit ein, zwei Jahrzehnten existiert“. Eine Kultur, deren Anhängerschaft aus schönen Frauen und eleganten Männern besteht. Und die strömen am Wochenende in den neuesten Club der Hauptstadt.

Verspiegelten Toilettenräumen und Marmortische

Bereits um 22.30 Uhr sind die meisten der weichen Sitzecken gefüllt mit Gästen zwischen Mitte 20 und Mitte 40. In den verspiegelten Toilettenräumen stehen Frauen an den Waschbecken und ziehen mit zusammengekniffenen Mündern ihr ohnehin schon perfektes Make-up nach. Ein Stockwerk höher drängen sich Gäste an der langen Bar aus schwarzem Marmor. Goldenes Licht sickert aus den gedimmten Lampen, der Boden ist schwarz, genau wie die Lamellenwände der Bar, allein die Decke darüber besteht aus einem einzigen goldglänzenden Spiegel. Wer hier auftaucht, will gut aussehen, und um sich dessen sicher zu sein, braucht man nur den Kopf in den Nacken zu legen. Jeder soll sich an diesem Abend besonders fühlen und sich beim Blick nach oben auf die Frage – Spieglein, Spieglein, an der Wand? – selbstzufrieden zunicken. Entlang der Wände des Clubs ziehen sich Sitzecken aus grauem Samt. Stehen Marmortische, auf denen Gläser voller eiskalter Drinks klirren, und thronen schwere goldene Vasen, aus denen dicke, dunkelrote Blüten ragen. Architektur kann viel verraten über die Idee eines Clubs. Die Einrichtung des „Deans“ steht für eine exklusive Nacht, eingegossen in Gold und Schwarz.

Ariel Schiff steht an der Bar, er hat viel zu tun. Hände müssen geschüttelt, Gäste begrüßt werden. Der Unternehmer hatte gerade Geburtstag, und wer ihn kennt, erinnert sich daran. „Herzlichen Glückwunsch!“, ruft eine blonde Schönheit und verzweigt ihre blassen Arme um seinen Hals. Glückwünsche fallen in allen Sprachen. „Mazel Tov“, sagen die einen. „Happy Birthday“ die anderen. Trotzdem findet Ariel Schiff Zeit, über seine Vision zu reden. Vielleicht auch gerade deswegen, weil das bunt gemischte, internationale Publikum im „Dean“ ihn bestätigt in der Idee, dass Berlin reif sei für seine Art von Bar. „Ich bin in Clubs aufgewachsen“, sagt er und erzählt von seinem Vater, der in Spanien verschiedene Nachtclubs betrieb. Daher habe er außer der rein finanziellen auch noch eine andere Mission: die Suche nach der perfekten Bar.

Auf der Suche nach der perfekten Bar

Die Amano Group, die er 2009 mit seinem Partner Artur Süsskind gründete, besitzt inzwischen drei Hotels, vier weitere sind allein in Berlin in Planung. Die Einrichtung ist puristisch, schlicht, elegant, designed für ein junges Publikum, das sich nicht bloß ein Hotelzimmer leisten, sondern auch eine stilistische Selbstbestätigung erfahren will. Das Konzept der Amano Group steht für eine Generation, die bereit ist, sich Dinge leisten zu wollen. Daher ist es nur logisch, dass neben den Hotels, Bars und Restaurants das Repertoire des Unternehmens ergänzen. Schiffs Vision geht so weit, dass er Pulks von Hotelgästen nach dem Meeting im Amano-geführten Konferenzraum ins Restaurant des Unternehmens und anschließend zum Feiern in den Club der Firma ziehen sieht.

In Berlin ist das nun möglich. Das Restaurant „Mani“ an der Torstraße und die „G&T Bar", in der – wie der Name verrät – nur Gin Tonic und ausnahmsweise auch mal andere Getränke auf Gin-Basis ausgeschenkt werden, sind täglich gut besucht. Hinter den Konzepten der Bars steckt Mario Grünenfelder, der auch als Kopf hinter der „Bar 1000" bekannt ist. Ariel Schiff trifft in Berlin mit seiner Idee auf eine Goldader – nicht nur im wirtschaftlichen Sinne. Innerhalb kürzester Zeit wurden die Bar des „Amano“-Hotels und das „Mani“ zu festen Bestandteilen der Szene in Berlin Mitte.

Die europäisch-schicke Szene in Mitte

Das mag an den Drinks liegen, die dem „Amano“-Hotel 2012 gleich zwei Preise des Bar-Magazins „Mixology“ einbrachten, an den aufmerksamen Barkeepern oder tatsächlich daran, dass Ariel Schiff mit seiner Idee einer europäisch-schicken Szene einen Nerv im heutigen Mitte trifft.

Das dem so ist belegen in der Eröffnungsnacht auch die Besucherzahlen des „Deans“. Um 23.30 Uhr ist der Club berstend voll, laut dröhnt der Soulschlager „Son of a Preacherman“ aus den Boxen. Auch das gehört zum Konzept des Nachtclubs. Soulfunk nennt sich die Musikmischung, für die der Berliner DJ San Gabriel, der im „Dean“ für das Booking internationaler Bands und DJs zuständig ist, berühmt ist. Im Alltag heißt San Gabriel schlicht Gabriel Tichauer. Doch um Alltag geht es nicht im „Dean“. Hier wird eine Vorstellung kultiviert, Nacht für Nacht ein Stück im feinen Kostüm aufgeführt. Die Technomusik, die in den meisten der Berliner Clubs zum Tanz ruft, kann man sich hier nicht vorstellen. Ihr pulsierender Bass passt zu Bierflaschen, zu Schweiß und Dunkelheit. Zum goldenen Licht des „Deans“, zu seinem stil- und selbstbewussten Publikum passt ein samtiger Bluesrhythmus oder die tragende Stimme einer Soulsängerin. Auch Musik kann ein Spiegel sein.

Die talentierten Barkeeper des „Dean“

Vor der Bar drängen sich Menschen, und durch die Eingangstür des Clubs strömen immer mehr Gäste ins Innere. Drei Frauen mit aufwendig nach oben toupierten Haaren, in denen silbrig Regentropfen schimmern, kommen herein und seufzen erleichtert auf, als sie ins Warme treten. Der Herbst ist ganz klar kein Freund kurzer Kleider und dünner Strumpfhosen. Nun zeigt sich das wahre Talent der Barkeeper.

Wie eine eingeölte Maschine funktioniert das Team aus drei Männern und einer Frau, das hinter dem Tresen Drink auf Drink in die Hände der Partygäste reicht. Jeder Handgriff sitzt, jede Flasche wird in Sekunden auf- und wieder zugeschraubt. Trotzdem entsteht keinen Moment lang der Eindruck von Hektik oder Stress bei den Profis in weißen Hemden und schwarzen Hosenträgern. Ein Barkeeper lässt Eiswürfel in bereitgestellte Gläser rutschen. Sein goldener Barlöffel fliegt durch die Luft. Von hinten nähert sich ein Mann mit einer neuen Fuhre Eis, das Team weicht ihm aus, mischt weiter, lächelt, donnernd rutschen die Eiswürfel in eine Edelstahlwanne. Kronkorken fliegen perfekt gezielt in die Löcher der Abfallbehälter, wieder ist ein Drink fertig. „Viel Spaß“, sagt der Barmann lässig und widmet sich dem nächsten Getränk. Fast wird einem schwindelig, schaut man dieser Choreografie zu.

Man trinkt Gin Tonic

Der Renner des Abends ist mit weitem Abstand der klassische Gin Tonic, wahlweise mischbar aus vier verschiedenen Sorten Gin. Doch noch ein weiterer Drink erfreut sich großer Beliebtheit.

Vier junge Frauen tanzen vor dem Pult des DJs, der ihnen begeistert zuschaut. Über ihnen pulsieren weich die goldenen Glühbirnen der Tanzfläche, auf einem grauen Marmortisch am Rand stehen ihre Gläser. Vier mal Moscow Mule, die Glasränder ziert der rote Kuss ihres Lippenstifts. Das Getränk aus Wodka, Ginger Ale und einem Stück frischer Gurke ist einer der In-Drinks des vergangenen Jahres, erzählt Philip Bischoff, der zusammen mit dem ehemaligen Barkeeper des „Reingolds“, Tino Hiller, Barchef des „Deans“ ist. Er sagt der Hauptstadt eine große Zukunft als Bar-Metropole voraus.

Berlins Zukunft als Bar-Metropole

„Berlin ist ganz klar im Kommen“, meint er. „In der Bar-Szene gilt zwar nach wie vor: Platz eins, zwei und drei gehen an London, doch Berlin hat einen großen Vorteil.“ Es sei im Moment einer der Orte, an denen am meisten ausprobiert werden würde, erzählt er. Neue Drinks entstehen, Woche für Woche sprießen neue Bars aus dem Boden, und vor allem gäbe es inzwischen die Kunden, die sich für Cocktails dieses Niveaus interessieren würden. „Das heißt aber auch, dass man permanent mithalten muss. Wer nicht konstant perfekte Qualität abliefert, nicht täglich neue Ideen hat, fliegt raus.“

24 Uhr. Die Nacht ist – zumindest wenn man der Uhr traut – auf ihrem Höhepunkt. Knapp 300 Gäste feiern die Eröffnung des neuen Clubs. Männer und Frauen tanzen, Pärchen küssen sich, in der Luft liegt der Geruch nach Zigaretten und Parfüm. Die Freude darüber, hier sein zu dürfen, strahlt den Menschen aus den Augen. Sitzt man in einer der schummrigen Ecken des Clubs, ein Glas in der Hand, von dessen glatter Wand Tautropfen perlen, und schaut in die geröteten Gesichter der aufgeregt flirtenden, tanzenden und trinkenden Gäste, entsteht im Glanz der schicken Adresse fast das Gefühl, in eine andere Zeit einzutauchen. In eine Zeit, in der Ausgehen immer Hand in Hand ging mit dem Wunsch, sich fein anzuziehen. Dabei ist das Gegenteil der Fall. Das, dessen Zeuge man hier wird, ist, geht es nach Ariel Schiff, kein Rückblick, sondern der Beginn einer neuen Ära.

Schade, dass der Glanz verloren geht, tritt man aus der Tür in den Herbstregen. Doch es passt, dass vor dem Eingang gebaut wird. Die ganze Rosenthaler Straße ist aufgerissen, die Türsteher des Clubs stehen fast am rot-weißen Bauzaun. Trash-Berlin? Eher nicht. Hier wird alles erneuert. Mitte putzt sich raus.