Berliner Kabarett-Anstalt

Wo manch Star vor kleinem Publikum seine Karriere begann

25 Jahre BKA: Schrill geht es in der Berliner Kabarett-Anstalt immer noch zu, jetzt wird erst mal gefeiert. Angesagt sind Künstler wie Sissi Perlinger, Pigor & Eichhorn, Kay Ray und Désirée Nick.

Foto: Andreas Elsner

Political correctness geht anders: „Behinderte gelten als Sperrgut und werden vom Paketdienst der Post ausgetragen“ hieß es im Kleingedruckten. Was damals, 1996, aussah wie ein Sammelfahrschein der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG), war in Wahrheit ein Ticket der Berliner Kabarett-Anstalt (BKA).

„Der Ermäßigungstarif gilt nicht für Renate“ gehörte noch zu den harmlosen Sprüchen, die man sich im BKA-Theater ausgedacht hatte. „Bettler dürfen nur mit gültigem Fahrausweis aus den Papierkörben essen“, klingt schon härter.

Doch nicht der bösen Scherze wegen, sondern weil viele Theaterbesucher das vermeintlich echte Ticket als Fahrschein nutzten, zog die BVG vor Gericht.

Kooperation mit der BVB

Der Zwist ist heute, da das BKA 25-jähriges Jubiläum feiert, längst vergessen. Beim aktuellen Dauerbrenner „Linie 8“ mit Ades Zabel und seiner bunten Truppe schloss das Theater sogar eine Kooperation mit der BVG. Für das schrille „Neuköllnical“, das in der U-Bahn spielt, stellten die Verkehrsbetriebe Requisiten und Kostüme, selbst das BVG-Orchester schaut zu Gastspielen mit Jutta Hartmann alias Damendarsteller Bob Schneider im Theater vorbei. Dabei befindet das BKA weder in Neukölln noch im Untergrund, sondern hoch über Kreuzberg.

Erstmals mit Klimaanlage

Gestoppt 38 Sekunden, gefühlt wegen der Platznot wesentlich länger, benötigt man mit dem kleinen Fahrstuhl bis in den fünften Stock des Hauses am Mehringdamm. Vorher muss sich der Besucher erst mal Platz bahnen durch die beiden wohl längsten kulinarischen Warteschlangen der Stadt, vor der berühmten Gemüse-Döner-Bude und dem Curry 36. Auch dieser Kiez ändert sich rasant, der Hype um die Bergmannstraße hat sich längst zum Verkehrsknotenpunkt am U-Bahnhof Mehringdamm ausgebreitet. Und so kommen im Theater unterschiedlichste Lebenswelten aus Berlin und von Auswärts zusammen. Zum Geburtstag hat sich das BKA schick gemacht, frische Farbe aufgetragen und empfängt seine Gäste, mit freundlicher Hilfe der Deutschen Klassenlotterie, erstmals mit einer Klimaanlage.

Ist das ehemalige Anarcho-Theater im Mainstream angekommen? Oder hat sich umgekehrt die Gesellschaft bewegt? „Wahrscheinlich haben wir uns aufeinander zu orientiert“, meint Rainer Rubbert nach kurzem Überlegen. „Ich denke, dass die Gesellschaft in den 25 Jahren offener und neugieriger geworden ist. Aber wir hatten auch früher ein offenes Publikum. Wir waren nicht verbürgerlicht, doch das bürgerliche Publikum hatte keine Angst, zu uns zu kommen.“

Eine bekannte Diskothek

Rubbert, Jahrgang 1957, ist im heutigen Leitungsteam des BKA das letzte Gründungsmitglied. Man kennt ihn als freischaffenden Komponisten, der im BKA auch die Reihe „Unerhörte Musik“ ins Leben rief. Doch Rubbert hat ein Vorleben als Satiriker. Als sein Ensemble, das Cabaret des Westens, sich Ende der 80er aufgelöst hatte, suchte die Nachfolgetruppe, die Enterbten, eine feste Spielstätte. Fündig wurde man am Mehringdamm in der „Dachluke“, einer bekannten Diskothek, die gerade geschlossen worden war: „wegen Ausländern und Drogen, oder umgekehrt“, überlegt Rubbert. Er weiß noch, dass die Vormieter alles rausgenommen hatten und es in der Etage erst mal außer einer Notstromanlage nichts mehr gab.

„Feste feiern bis sie fallen“ hieß 1988 nach großem und kostspieligen Umbau das Programm der Enterbten – die sich bald wieder auflösten. Seitdem ist die Berliner Kabarett-Anstalt ein Gastspielbetrieb, wobei der Schwerpunkt inhaltlich immer mehr auf „Anstalt“ als auf „Kabarett“ lag. „Wir wollten von Beginn an weg vom dezidiert politischen Kabarett“, so Rubbert. „Vor allem war uns die Musik immer sehr wichtig.“

Kleinkünstler, die groß wurden

Die Reihe der Kleinkünstler, die hier groß wurden, ist groß und bunt. Ein Ades Zabel, der mit trashigen Show-Einlagen im „SchwuZ“ begann, wurde ebenso wie eine Sissi Perlinger von den BKA-Betreibern zum abendfüllenden Programm überredet. Heutige Comedy- und Chanson-Stars wie Michael Mittermeier, Georgette Dee, Tim Fischer, die O-Tonpiraten oder Pigor und Eichhorn wagten hier ihre ersten Schritte. „Wir schauen auch heute noch in der Szene nach jungen Leuten“ erzählt Bettina Exner, die mit Rubbert und Uwe Berger das Booking macht und dazu für Marketing und PR zuständig ist. „Es ist erst mal gar nicht ausschlaggebend, ob ein Künstler viel Publikum zieht, er muss was mitzuteilen haben.“

Mitunter kann man sich bei der Talentförderung täuschen: Als sich 1991 ein Duo namens Rosenstolz vorstellte, durfte es vorerst nur die Spätvorstellung bestreiten, vor etwa 30 Leuten. „Nach einer Woche war es dann immer voll und Rosenstolz ganz schnell weg“, so Exner. Ein Schauspieler namens Ernie Reinhardt probierte sich hier als Lilo Wanders aus. Rockröhre Nina Hagen erfand sich im BKA neu auf ihrem Jesus-Trip oder ihren indischen Nächten. Die Diva Desirée Nick feierte hier ihren 25. Geburtstag – wann, das wird nicht verraten. Im eigenen Wohnwagen übernachtete in den 90er-Jahren Helge Schneider neben dem BKA-Zelt.

Finanzieller Abgrund

Zelt? Genau, das BKA-Luftschloss, das mal am Kulturforum, mal am Schlossplatz stand. Die Spielstätte begleitete das Unternehmen bis 2004 und drohte bei der Insolvenz im selben Jahr das Kreuzberger Stammhaus mit in den finanziellen Abgrund zu reißen. Es konnte sich, dank der Gründung einer neuen Gesellschaft, vor allem der Unterstützung vieler Künstler, aus der Misere befreien. „Vielen Künstlern, die sonst große Säle füllen, ist unser Theater ein kleines Zuhause“, sagt Bettina Exner.

„Hier muss man weder Touristengruppen durchjagen noch ein Programm machen, das nicht beim Essen stört. Bei uns läuft nichts Weichgespültes“, so Bettina Exner selbstbewusst. „Es kommen Leute, die ein Anliegen haben, auch wenn es dabei sehr unterhaltsam zugeht.“ Wie bei Ades Zabel und seinem Gentrifizierungs-Musical. Wer nach der Show „Linie 8“ an all den neuen Hostels und „Spätis“ in der Gegend vorbeikommt, sieht, welchen Bezug der Klamauk zur Wirklichkeit hat.

Das Festival zum Jubiläum findet vom 1. bis 27. September 2013 im BKA Theater, Mehringdamm 34, statt. Tel. (030) 2022007 Eintritt: 14-26 Euro.

„Hut ab – 25 Jahre BKA“ mit Betancor.die Popette, Romy Haag, Cora Frost, Die Unerhörte Musik, The Beez & Friends, Mia Pittroff, Désirée Nick, Theatersport Berlin, Sigrid Grajek, Ulli & die Grauen Zellen, Ehnert versus Ehnert, Pigor & Eichhorn, Kay Ray, Wladimir Kaminer, Sissi Perlinger, Josef Hader, Kaspertheater Wunderhorn, Platypus Theater, Horst Blue, C. Heiland, Hauke Schmidt, Masud, Anne Kraft, Thomas Franz, Rolf Kuhl, Ades Zabel & Company.