Die Senatsverwaltung für Verkehr macht beim Radweg in der östlichen Kantstraße in Berlin-Charlottenburg Druck: Man habe dem Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf die Absicht zur Anordnung einer neuen Aufteilung des Straßenraums mitgeteilt. Die Pufferzone durch die parkende Autos wird aufgehoben. Künftig sollen ganz rechts die Autos parken, es folgt eine Busspur mit Freigabe für den Radverkehr und daneben ein Fahrstreifen für den übrigen Verkehr. Das Bezirksamt kritisiert die Pläne der Verwaltung scharf.
„Inhaltlich ergibt sich auf den ersten Blick, dass die Gefahrenlage für die Fahrradfahrenden durch die neue Regelung wesentlich erhöht wird“, teilt Bezirksstadtrat Oliver Schruoffeneger (Grüne) mit. Radfahrer würden näher und ohne Schutz an den fließenden Verkehr herangeführt. So werde eine Situation geschaffen, in der auf der gesamten Länge der Kantstraße Fahrzeuge den Weg der Radfahrer kreuzen müssen. „Dies führt unweigerlich zu einem deutlich höheren Risiko von Kollisionen“, so Stadtrat Schruoffeneger.
Radweg in der Kantstraße: Radfahrer besser geschützt als Bewohner der Häuser
Der Senat erkennt die höhere Gefahr für Radfahrer durchaus an. Hält sie jedoch unter den Umständen für vertretbar. Ganz maßgeblich für die Entscheidung sei, dass der „Sicherheit der gesamten Bevölkerung bestmöglich Rechnung getragen“ werden müsse. Mit der bestehenden Verkehrsraumaufteilung seien Radfahrer nämlich besser geschützt, als die Bewohner der oberen Etagen der Wohnhäuser, heißt es. Denn bei einem Brand würden da die Wohnhäuser oftmals nicht über einen zweiten Rettungsweg verfügen.
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Zum Hintergrund: Der Pop-up-Radweg wurde im April 2020 noch von der damaligen Berliner Verkehrssenatorin Regine Günther (Grüne) angeordnet. In den Folgejahren wurde immer wieder über den Radweg in der Kantstraße und Fragen des Brandschutzes gestritten. Wegen des Radwegs sind die Parkplätze in der Mitte angeordnet. Rechts davon verläuft der Radweg, links die Spur für Autofahrer. Die Feuerwehr könnte in diesen beengten Verhältnissen eine Rettungsleiter nicht beidseitig abstützen, heißt es.
Pop-up-Radweg in der Kantstraße: Bezirk hat 14 Tage Zeit zu reagieren
Jahrelang wurde keine Einigung gefunden. Im Oktober 2024 schließlich gelangte ein Schreiben des Bezirksstadtrates Christoph Brzezinski (CDU) an die Senatsverkehrsverwaltung an die Öffentlichkeit. Darin drohte er „sukzessive Nutzungsuntersagungen“ für Wohnungen an der Kantstraße in Berlin an. Zuletzt schien es so, als sei ein Kompromiss möglich. Nach einem Vororttermin aller Zuständigen, beabsichtige die Senatsverwaltung nun aber, die verkehrsrechtliche Anordnung für die Kantstraße selbst zu treffen.
Chronik des Pop-up-Radwegs in der Kantstraße
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- Niederlage vor Gericht: Pop-up-Radwege von Gericht gekippt: Nächste Instanz
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- Relativierung der Sicherheitsbedenken: Gefährdet der Radweg an der Kantstraße wirklich Anwohner?
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Auch über dieses formelle Vorgehen herrscht bei Schruoffeneger „großer Irritation“. Das Schreiben enthalte keinerlei Pläne oder wenigstens Skizzen, noch irgendwelche Daten oder Zahlen, geschweige denn eine Begründung, die Abwägungskriterien deutlich mache. Der Bezirk hat 14 Tage Zeit, zu reagieren, geht daher anscheinend derzeit davon aus, dass der Senat über seinen Kopf hinweg entscheidet. „Wir werden das Schreiben daher in den nächsten Tagen sorgfältig prüfen, stellen aber schon jetzt fest, dass ein ordnungsgemäßes Verwaltungshandeln anscheinend nicht geplant ist“, teilt Bezirksstadtrat Oliver Schruoffeneger mit.
Pop-up-Radweg in der Kantstraße: A100-Sperrung spielt auch eine Rolle
Der Bezirk hatte vorgeschlagen, die Fläche für die Feuerwehr durch eine geringfügige Verkleinerung des Mittelstreifens zu erreichen. Das ist der Senatsverwaltung schlichtweg zu teuer und zu aufwendig. Außerdem habe sich die Situationen durch den Abriss der Ringbahnbrücke noch einmal grundlegend verändert. Weil mehr Verkehr rollt, müsse sichergestellt werden, dass die Kantstraße die bestmögliche Durchgängigkeit für Einsatzfahrzeuge von Rettungsdiensten und Polizei sowie den ÖPNV bietet.
„Ich bedauere, dass die Verkehrssenatorin augenscheinlich nicht über die Kraft verfügt, sich der vom Bezirk vorgeschlagenen Lösung anzuschließen, sondern stattdessen ein verkehrspolitisches Exempel statuieren möchte“, so Bezirksstadtrat Schruoffeneger.
„Entrüstet“ äußert sich auch der Berliner Fahrradklub ADFC. „Das Recht auf sichere Mobilität und auf körperliche Unversehrtheit von Radfahrenden gegen die Anwohner:innen der Kantstraße auszuspielen, führt in eine Sackgasse“, sagt Sprecherin Lisa Feitsch. „Auf einem breiten und geschützten Radfahrstreifen mit entsprechenden Lücken im Parkstreifen findet die Feuerwehr im Notfall ausreichend Aufstellflächen.“ Feitsch verweist dabei auf den Kottbusser Damm in Kreuzberg, wo diese Lösung bereits umgesetzt sei. So könne „das Recht auf Sicherheit und Leben für alle sichergestellt“ werden.
Fahrgastverband begrüßt Lösung, fordert aber Alternativen für den Radverkehr
Etwas anders fällt die Einschätzung des Fahrgastverbands Igeb aus. Dieser hatte sich schon seit Längerem für eine Busspur auf der Kantstraße eingesetzt. „Die Kantstraße ist ein Nadelöhr und ein neuralgischer Punkt, aber wir halten diese Lösung für die richtige“, sagte ein Sprecher der Berliner Morgenpost, der auf den begrenzten Platz verwies. Bei einer eigenen Radspur hätte der öffentliche Nahverkehr das Nachsehen.
Wichtig sei aber, in den Parallelstraßen zur Kantstraße ein adäquates Radnetz zu schaffen, so der Sprecher. „Damit nur die Radfahrer auf der Kantstraße unterwegs sind, die dort als Quell- und Zielverkehr zwingend fahren müssen und alle anderen auf Alternativen ausweichen können.“ Wichtig sei zudem die gegenseitige Rücksichtnahme von Bus- und Radfahrern auf der gemeinsamen Spur und dass das Ordnungsamt insbesondere in der Anfangszeit verstärkt kontrolliert, um gegen Zweite-Reihe-Parker vorzugehen.



