Berliner Spaziergang

Thomas Kretschmann zurück in der Vergangenheit

Schauspieler Thomas Kretschmann wollte nie über seine Flucht aus der DDR sprechen. Für seinen neuen Film „Ballon“ tut er es nun doch.

Er ist es selbst: Filmschauspieler Thomas Kretschmann an der Kunstinstallation „Die Sperre im Kopf“ an der Kantstraße

Er ist es selbst: Filmschauspieler Thomas Kretschmann an der Kunstinstallation „Die Sperre im Kopf“ an der Kantstraße

Foto: Maurizio Gambarini

Platte Symbolik, das will Thomas Kretschmann nicht. Sein erster deutscher Film seit sieben Jahren, „Ballon“, handelt von einer spektakulären Flucht aus der DDR. Das berührt seine eigene Geschichte, auch der Schauspieler ist geflohen. Und während er bislang eher wenig darüber gesprochen hat, tut er es nun, im Rahmen des Films, doch. Willigt sogar in einen längeren Spaziergang ein.

Nur bei der Route ist er unschlüssig. Unser Vorschlag, man könne ein Stück Mauerweg gehen, findet er zu aufdringlich. Sich am Schiller Theater zu treffen, wo seine Karriere im Westen begann, ist ihm auch zu rückwärtsgewandt. Lieber will er mit uns einfach im Westen spazieren, da, wo er sich noch heute wohlfühlt, wenn er in Berlin ist. Am liebsten sitzt er dann in der Paris Bar.

Zurück in der „Ost-Soße“

Und dann steht da auf dem Mittel-streifen der Kantstraße eine dieser Panzersperren, die die Künstlerin Dafne B. seit drei Jahren an verschiedenen Orten der Stadt aufstellt. „Die Sperre im Kopf“ heißt die Kunstinstallation, die Grenzen zwischen den Menschen aufbrechen soll. Wie die Sperre in der Kantstraße, auf der „Ich bin es selbst“ steht. Jeder denkt dabei erst mal an die Berliner Mauer, an der einst überall solche Sperren standen. Auch im Film ist so eine Sperre gleich anfangs zu sehen.

Da ist er dann ganz zufällig, der symbolische Ort, der genau zum Thema passt, als hätte man ihn lang gesucht im Stadtbild. Und Kretschmann posiert für den Fotografen ganz willig und entspannt vor diesem Symbol von Trennung und deren Überwindung.

Der Spaziergang beginnt allerdings ganz woanders, und da führt der Zufall die Regie. Seiner amerikanischen Freundin Brittany Rice ist am Morgen nämlich das Mobiltelefon ins Klo gefallen, sie braucht ein neues. Also treffen wir uns am Apple Store am Kurfürstendamm, wo er die Verkäufer bittet, seine Freundin zu beraten. Während wir allein über den Ku’damm zur Gedächtniskirche gehen und in die Kantstraße einbiegen, am Zoo Palast vorbei, wo der Film „Ballon“ vergangenen Donnerstag Premiere feierte.

Es ist ein Drama über die spektakulärste Flucht, die je aus der DDR geglückt ist, von zwei Familien mit einem selbst gebastelten Heißluftballon. Das war am 16. September 1979, am heutigen Sonntag ist Jahrestag. Was überrascht: Kretschmann spielt in dem Film nicht einen der Flüchtlinge, sondern einen Stasi-Oberstleutnant, der die „Volksverräter“ aufspüren will. Warum diese unerwartete Besetzung als Stasi-Mann, Sinnbild eines Überwachungsstaates, vor dem Kretschmann doch selbst geflohen ist? Da muss er grinsen. Und weit ausholen.

Er würde ja so gern mal eine Komödie spielen, gesteht er. Da staunen wir wieder. Der 56-Jährige ist doch eher der Manns fürs Dramatische, auch fürs Actionfach, egal, ob in deutschen oder internationalen Produktionen. Ein einziges Mal hat er in einer Komödie mitgespielt, 2009 in „Separation City“, gedreht in Neuseeland. Der ist nie bei uns gelaufen. Und ja, seufzt Kretschmann, keiner denke bei Komödien an ihn. „Mich findet keiner lustig.“

Vor vielen Jahren hat er Michael Bully Herbig kennengelernt, mit „Der Schuh des Manitu“ und „(T)Raumschiff Surprise“ Deutschlands erfolgreichster Komödienregisseur. Kretschmann hat ihm gestanden, dass er wahnsinnig gern mal mit ihm arbeiten wolle. Eines Tages meldete Bully sich. Kretschmann war hocherfreut. Aber dann gestand Bully, er wolle keine Komödie drehen, sondern seinen ersten ernsten Film. Über eine Flucht aus der DDR. Mit Kretschmann als Stasi-Mann.

Kretschmann ist ganz froh über diese Rolle. „Nach 30 Jahren Schauspielerei“, erklärt er nüchtern, „fiel mir auf: Je weiter weg ich von einer Rolle bin, desto besser tut mir das, desto besser bin ich auch im Spiel.“ Ist etwas zu nah an ihm dran, sei das schwierig, „weil ich das Private aus der Arbeit raushalten will“. Das geht in diesem Fall nicht. Der Schauspieler hält mitten auf dem Breitscheidplatz kurz an und erzählt, wie das war, beim Dreh plötzlich wieder mitten in der DDR zu sein. „Ich bin ja selbsternannter Experte auf dem Gebiet, bin da aufgewachsen, bin selber geflüchtet. Am Set sah alles aus wie Osten, roch wie Osten.“ Nach jedem Drehtag dachte er völlig fertig: „Ich bin wieder in der Soße gelandet“.

Kretschmann, 1962 in Dessau geboren, hätte was werden können, was werden sollen in der DDR. Schon mit zwölf gehörte er dem olympischen Schwimmkader der DDR an, gewann mehrere Meistertitel. Wieviel er an leistungssteigernden Pillen schlucken musste, weiß er bis heute nicht. Er musste aber auch sonst viel schlucken. Und wollte doch nicht mitschwimmen in diesem System. Fluchtgedanken hatte er immer wieder. Als er sich für die Schauspielschule Ernst Busch bewarb, bekam er eine der raren Zulassungen – aber auch die Aufforderung, er solle sich statt für anderthalb gleich für drei Jahre bei der Nationalen Volksarmee melden. Der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Kretschmann beantragte sofort ein Visum nach Ungarn. Dann begann eine zweiwöchige Odyssee. Am 8. September 1983, seinem 21. Geburtstag, ist er dann über die Grenze nach Jugoslawien und um sein Leben gerannt. Thomas Kretschmann raucht viel für einen Ex-Schwimmer. Ist es Zufall, dass er an dieser Stelle in all seinen Jacken- und Hosentaschen nach seinem Feuerzeug sucht?

Er habe früher ungern über seine Flucht gesprochen, gibt er zu. Weil er Angst hatte, etikettiert zu werden als der Mann, der rübermachte? Nein, das nicht. „Das ist mir wurscht“, sagt Kretschmann knapp. „Aber man macht sich so nackig. Ich habe das Gefühl, ich lege da meine Innereien auf den Tisch.“

Endlich findet er das Feuerzeug, zündet sich eine Zigarette an und nimmt einen langen Zug. Da kommt wirklich viel in ihm hoch. Seine Mutter starb vor einem Jahr. Kurz vor Drehstart hat er ihr Haus ausgeräumt und fand eine Kiste. Aber erst während des Drehs, als er wieder in dieser „Ost-Soße“ steckte, war er bereit, sie zu öffnen. Und fand da etwa einen Wohnungsdurchsuchungsbescheid vom 26. September und eine Stellungnahme seiner Mutter vom 29. September zur Republikflucht ihres Sohnes. Das hat ihn immer am meisten bedrückt bei der Flucht: welche Konsequenzen das für seine Mutter (den Vater hat er nie kennengelernt) haben könnte. Er hat ihr deshalb einen Brief geschrieben, von dem er wusste, dass die Stasi ihn öffnen würde: dass sie ihn nicht so erzogen hätte, er aber keinen anderen Weg sehe.

Kretschmann kam dann nach Bayern in ein Auffanglager. Und hat sich, ausgerechnet, West-Berlin als neue Heimat ausgesucht. Um sich, wie er sagt, „die Mauer von der anderen Seite anzuschauen“. Er hat sich dann beim Schiller Theater beworben und gelogen, er habe die Ernst Busch absolviert. Konnte ja keiner prüfen. So spielte er plötzlich unter all den Bühnenstars. Und wusste gar nicht, wie er das machen sollte. Und warum keiner seine Hochstapelei erkannte. „Ich hatte da immer so ein Schuldgefühl, dass ich nicht hingehörte. Das hat man als Ostler ja sowieso.“

In Berlin fühlt er sich am wohlsten

Kurze Unterbrechung. Das Handy klingelt. Die Freundin ist dran. Sie kann sich zwischen zwei Modellen nicht entscheiden. Er rät auf Englisch, es mache keinen Unterschied, sie solle das billigere nehmen. Er legt auf, entschuldigt sich und ist sofort wieder im Thema. Er hat schnell den Film für sich entdeckt. Hat sich aber auch da, sagt er, immer durchlaviert. Bis Roman Polanski ihn für „Der Pianist“ wollte. Für Kretschmann war das die Befreiung.

Aus dem Film kam er mit anderem Selbstvertrauen heraus. Schauspielschule, Stanislawski, Method Acting? „Heute weiß ich, dass ist alles Blödsinn.“ Das sei wie Holzhacken, jeder habe seine Art. „Für mich ist nur Ehrlichkeit wichtig im Beruf. Was auch wieder absurd ist, weil wir beim Film ja alle mit der Lüge und der Illusion arbeiten.“

„Der Pianist“ machte Kretschmann international bekannt. Seither spielt er nur noch selten in deutschen Produktionen wie „Der Untergang“ oder „Der Seewolf“, aber viel in Hollywoodfilmen wie „King Kong“ und „Operation Walküre“, auch in zwei „Avengers“-Filmen war er dabei. Längst lebt er in Los Angeles, hat aber immer noch eine Bleibe in Schöneberg. Und fühlt sich in Berlin mehr zuhause als sonst in der Welt.

Wir sind jetzt in der Paris Bar angelangt, und schon weiß man, wieso. Alle kennen, alle grüßen ihn hier. „Wenn ich hier erst mal sitze und Leute treffe, kann ich hängenbleiben bis spät nachts.“ Das vermisst er in L.A. „Ich habe lange darüber gegrübelt, was mich da stört“, sagt er. „Jetzt weiß ich’s, nach 20 Jahren: Alle rennen da rum mit einer Agenda. Alle checken ab, was man beruflich miteinander machen könnte. Das gibt es da nicht, dass man sich einfach trifft und redet.“ Kretschmann steckt sich die nächste Zigarette an. „Das nervt mich.“

Wir sitzen nicht lange allein. Wie zum Beweis kommt zufällig Andreas H. Bitesnich vorbei, ein Wiener Fotograf, der in der nahen Galerie Camera Work kurz vor einer Ausstellungseröffnung steht. Kretschmann liebt Fotografie, sammelt Werke berühmter Fotografen und hat mehr Fotografen zum Freund als Schauspieler. Die seien „viel unkomplizierter“. Auch Bitesnich kennt er, sie liegen sich in den Armen. Sie wollten sich später sowieso treffen. Jetzt begleiten wir ihn spontan zur Galerie und dürfen zusehen, wie die Fotos gehängt werden. Kretschmann darf eins der Fotos auspacken und freut sich wie ein Kind. Ein Original will er gleich kaufen. Es kostet 71.500 Euro. „Oh, das kann ich mir nicht leisten“, sagt er. Und schmunzelt: „Da muss ich noch einen Film drehen.“

Bevor wir den Star und seinen Freund allein lassen, müssen wir noch fragen, wie das damals war, als die Mauer fiel. Ausgerechnet zu jener Zeit war er nicht in Berlin, er drehte seinen ersten Film „Der Mitwisser“, weit weg im Elsass. Als seine damalige Freundin ihn nach einem langen Drehtag mitten in der Nacht anrief und vom Mauerfall erzählte, hat er das gar nicht richtig begriffen. Das kam erst am nächsten Tag. Kretsch­mann hat noch bis Weihnachten gedreht. Erst dann kam er nach Berlin zurück. Erst wollte er nicht rüber in den Osten. Schon gar nicht nach Dessau. „Ich habe dem Frieden nicht getraut. Ich hatte Riesenpanik, plötzlich ist die Mauer wieder zu und ich sitz wieder drin.“

Er ist dann doch hin, am zweiten Weihnachtsfeiertag. Doch statt von seiner Begegnung mit der Mutter zu erzählen, kommt er mit einer ganz anderen Geschichte, die eigentlich filmreif ist. Wie man ihn dort zu einem Schnaps überredete. Wie er dann zurückgefahren sei. Plötzlich stand ein Auto mitten auf der Autobahn, Kretschmann wich aus, sein Wagen überschlug sich, mehrfach, war nur noch ein Metallklumpen. Seine Freundin und er blieben wie durch ein Wunder unverletzt. Er versuchte noch, andere Autofahrer zu warnen, aber die sind in das Wrack auf der Fahrbahn aufgefahren, ein Riesencrash mit zehn Totalschäden und drei Toten. „Ich dachte, jetzt wird mein Alptraum wahr, jetzt sprechen sie mich schuldig.“

Man kann schon verstehen, dass er dann lange nicht mehr in den Osten fuhr. Vielleicht kam Hollywood auch deshalb genau richtig. Um so weit wie möglich wegzukommen. Aber ein wenig Berlin steckt immer noch in ihm, gibt Thomas Kretschmann zu. „Wahrscheinlich, weil ich mir die Stadt nach der Flucht ausgesucht habe.“ Und hier stellt er sich nun, nach all den Jahren, seiner Vergangenheit. Und der „Ost-Soße“.

Zur Person:

Jugend

Thomas Kretschmann, am 8. September 1962 in Dessau geboren, wurde früh zum Schwimmer trainiert, gehörte schließlich dem Nationalkader der DDR an und gewann mehrere Meistertitel. 1983, an seinem 21. Geburtstag, floh er dann über Ungarn, Jugoslawien und Österreich in die Bundesrepublik und zog nach Berlin.

Karriere

Seine Laufbahn als Schauspieler begann am Schiller Theater. 1989 drehte Kretschmann seinen ersten Film „Der Mitwisser“, für den er beim Max-Ophüls-Preis als bester Nachwuchsdarsteller ausgezeichnet wurde. Es folgten Filme wie „Stalingrad“ und auch bald internationale Produktionen wie „Die Bartholomäusnacht“ und „U 571“. Mit Roman Polanskis „Der Pianist“ (2002) gelang ihm der internationale Durchbruch. Seither spielt er in großen Hollywoodproduktionen wie „King Kong“, „Wanted“ oder „Operation Walküre“. Kretschmann lebt in Los Angeles. Sein neuer Film „Ballon“, Start am 27. September, ist sein erster deutscher Film seit sieben Jahren.

Spaziergang

Treffpunkt war der Apple Store am Kurfürstendamm, von dort ging es Richtung Breitscheidplatz, vorbei am Zoo Palast und dann die Kantstraße entlang. Nach einem Kaffee in der „Paris Bar“ besuchten wir noch die Fotogalerie Camera Work, ebenfalls an der Kantstraße.

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