Fernsehen

Axel Milberg: „Die Krimis sind in uns“

Der Schauspieler spricht über seine 15 Jahre als Kieler „Tatort“-Kommissar – und warum es so viele Krimis im deutschen Fernsehen gibt.

 Die Bereitschaft, Konflikte nicht nur verbal auszutragen, ist groß, findet „Tatort“-Ermittler Axel Milberg

Die Bereitschaft, Konflikte nicht nur verbal auszutragen, ist groß, findet „Tatort“-Ermittler Axel Milberg

Foto: Maurizio Gambarini

Zum Interview im Savoy Hotel erscheint Axel Milberg in sommerlicher Kleidung, als ob er gleich zum Golfplatz wollte. Dabei muss er sich gleich mit dem Regisseur seiner nächsten „Tatort“-Folge sprechen. Und das wird ein unangenehmes Gespräch. Weil der Schauspieler das Drehbuch nicht gut findet, aber zu alt sei, wie er meint, um noch Ausreden zu erfinden. Jetzt aber sprechen wir erst mal über seinen jüngsten „Tatort“, der heute Abend in der ARD läuft. In „Borowski und das Haus der Geister“ bekommt er als Kieler Kommissar erneut eine neue Partnerin – es ist schon die dritte in 15 Jahren.

Herr Milberg, Sie bekommen schon wieder eine neue Partnerin. Warum dieser hohe Verschleiß? Ist mit Ihrer Figur Borowski so schwer auszukommen?

Axel Milberg: (schmunzelt) Ich glaube, dass diese Position der Ko-Ermittlerin schwierig ist. Da muss die Schauspielerin ein Profil schärfen, um das Publikum vergessen zu machen, dass Sie sowas wie die Nummer Zwei ist. Oder der Copilot, der ja auch unverzichtbar ist, aber nur selten das Steuer in die Hand nimmt. Das begründet jetzt aber nicht den Wegfall der Vorgängerinnen. Maren Eggert zog damals von Hamburg nach Berlin, bekam ein Kind, dann noch eines und spielte vor allem leidenschaftlich am Theater. Bei Sibel Kekilli war das ähnlich. Sie wollte sich neuen Aufgaben stellen, wollte mehr im Ausland drehen.

Wie schwierig ist es, immer wieder eine Chemie herzustellen?

Das entscheidet sich ganz schnell. Das ist wie bei Freundschaften. Über viele Drehtage hin eine Annäherung zu finden, das wäre greulich. Das muss sich gleich beim Casting herstellen. Bei allen dreien, die alle ohne Frage starke Persönlichkeiten sind, war da von Anfang an große Sympathie. Das muss auch sein. Wir haben nur 22 Drehtage pro Folge, und es soll auch noch aussehen wie Kino. Das ist schon Selbstausbeutung, man rennt den ganzen Tag. Da ist keine Zeit für Annäherung.

Ihre Partnerinnen werden immer jünger. Oder sagen wir, der Altersunterschied wird immer größer. Ist das ein Zeichen des grassierenden Jugendwahns bei der ARD, um auch das junge Publikum zu gewinnen?

Kurze Antwort: ja. (lacht)

Es ist auch wieder ein migrantischer Hintergrund. Gehört das auch zum Portfolio?

Das ist mir auch aufgefallen. Eigentlich sollte die Kollegin eine etwas ältere Schauspielerin als Sibel Kekili sein und aus Skandinavien kommen. Wir hatten eine Norwegerin, eine Schwedin, eine Dänin zum Vorsprechen. Aber dann entschied sich der Sender für Almila Bagriacik, die zufällig als Erste zum Casting in Berlin gekommen war. Bei Sibel hatten wir übrigens keinen türkischen Rollennamen, das war eine gemeinsame Entscheidung. Wäre auch anders denkbar, aber doch eine Erweiterung der automatischen Einengung. Aber alles Weitere müssen Sie den Sender fragen. Und ich bin gespannt auf die Antwort!

Ihre neue Folge spielt mit dem Horrorfilm. Ist das befreiend, manchmal aus dem Format auszuscheren und zu experimentieren?

Total. Ich liebe ja jede Form von Befreiung. Wir stapfen in Kiel sonst ja immer in dicker Kleidung mit Schal durch die Kälte. Aber diesmal sollte es ein ganz sommerlicher „Tatort“ sein, ein Idyll, in das dann plötzlich das Grauen einbricht und alte Lügen und Verdrängung zur Bedrohung werden.

Wieviel Experiment ist beim „Tatort“ denn noch erlaubt? Nach Axel Ranischs Improvisations-Tatort „Babbeldasch“ hat ARD-Chef Volker Herres ja ziemlich zurückgerudert. Dani Levys One-Shot-Tatort hat man ins Sommerloch versendet.

(langes Schweigen) Ich glaube, der Sender hatte eine Schwierigkeit, sinnvolle Einschränkungen zu kommunizieren, um die Marke zu schützen. Wie will er das machen? Wo will man die Grenzen ziehen? Es zeigt sich ja, dass die Fans des „Tatorts“ sehr unterschiedlich sind. Und viele durchaus Experimente schätzen. Vielleicht muss man einfach diesen Begriff unter den Tisch fallen lassen und es anders benennen. „Experiment“ ist wohl ein Reizwort, wie „arthouse-verdächtig“. Unmöglich, zu wissen. was ein buntes Publikum sehen mag und das dann irgendwie synthetisch herstellen und auf die geile Quote hoffen. Wir haben dankenswerter Weise meist eine gute Quote, aber bitte nicht um jeden Preis. Man muss etwas wagen und die Zuschauer mitnehmen. Aber man sollte den Krimi nicht gegen sie machen. Den Zuschauer nicht bestrafen.

Wie viel Mitspracherecht haben Sie eigentlich beim „Tatort“? Ihre Fälle sind ja stärker auf Ihre Figur hin angelegt als bei anderen Ermittlern?

Ich begleite schon die Buchentwicklung. Ich sage auch mal, geht gar nicht. Fertigbauteile halte ich nicht aus, da schreie ich sofort: Mach ich nicht, sag ich nicht! „TV-Sprack“, ist da immer mein Begriff, den ich an den Rand schreibe, wenn so Sätze in Drehbuchfassungen stehen wie „Entschuldigung, aber eine Frage muss ich Ihnen noch stellen...“ Mit dem Kampf, die schlimmsten Fehler zu vermeiden, ist schon viel gewonnen. Ich frage auch mal, warum zwei Drogendealer Muhammad und Ali heißen müssen, warum nicht Friedrich und Heinrich. Ich kämpfe gern gegen diese raschen Lösungen. Aber nicht alle Vorschläge werden am Ende beherzigt. Und manchmal sind Klischees auch Klischees, die stimmen!

Alle beklagen, dass es zu viele Krimis gibt und gesellschaftspolitische Themen im Fernsehen nur noch über Krimis erzählt werden. Sehen Sie das auch so?

Ja, find’ ich auch. Früher dachte ich, lasst uns nicht immer gleich in solche Genres denken. Heute sehe ich das anders. Man braucht diese klare Zuordnung, um dem Zuschauer eine Orientierung zu geben. Und: Die Krimis, sie sind ja in uns. Die Bereitschaft, Konflikte nicht nur verbal auszutragen, sich „hineinzusteigern“, ist ganz groß. Wir turnen da auf einer ganz dünnen Schicht zwischen angewandtem Strafgesetz und Mordgedanken in der zivilen Gesellschaft.

Aber gibt es so viele Krimis, weil das in uns steckt, oder steckt das in uns, weil wir so viele Krimis sehen?

Tut mir leid, es steckt in uns. Das liegt auch daran, dass wir hier so lange keinen Krieg mehr erleiden mussten. Ich weiß, das ist heikel, aber doch nachvollziehbar: Würden wir täglich um unser Leben bangen, würden wir wohl nicht jeden Abend Krimis gucken, sondern Musicals oder Unterhaltungsfilme. Aber in Friedenszeiten suchen wir nach dem „Anderen“, was unsichtbar geworden ist, den Toten, Verletzten, starren auf die, die das Wilde in uns von der Kette lassen.

Gab es je eine Folge, die Sie nie hätten drehen wollen?

Ja, es gab eine. Das kann ich auch ruhig verraten, weil ich das auch damals dem Sender gesagt habe. Da ist uns eine Buchentwicklung nicht gelungen, woraus wir aber auch haben lernen können. Es gibt ja immer mal wieder Themenabende in der ARD. Einer war mal dem Thema Ernährung gewidmet, zu dem sollten wir einen „Tatort“ drehen. Da kamen wir auf Energie, die schmeckt. Ein Energieriegel, auf den man allergisch war. Das war, sagen wir mal so, doch sehr harmlos. Wir hatten das drei, vier Mal, diese vorgegebenen Themen, da bin ich selber nicht ganz unschuldig gewesen, da schwächelten die Filme und schon die Bücher, weil wir uns eben ein Thema vorgenommen haben, sozusagen Alleinstellungsmerkmale von Kiel. Das Meer, das Institut Geomar, oder so... Wenn ein Autor dagegen einen Stoff in der Schublade hat, für den er sich wirklich interessiert oder den er womöglich anderen „Tatort“-Redaktionen angeboten hat, aber die nicht mutig genug waren, auch das ist vorgekommen, dann funkelt die Sache. Weil es seine eigene Geschichte ist.

Sie ermitteln jetzt seit 15 Jahren. Wie lange, was denken Sie, wird es Borowski noch geben?

Ich mache zwei Folgen im Jahr. Dazwischen habe ich viel Zeit für manch anderes. Solange die Drehbücher gut sind und solange man mich als Schauspieler wahrnimmt und nicht bloß als den Ermittler, macht mir das Spaß. Jede Folge muss als Einzelstück bestehen können. Der Zeitpunkt wird irgendwann kommen, wo vielleicht der Sender oder der Zuschauer meint, na, nun ist genug. Oder auch ich. Aber noch fühlt sich alles ganz neu an.

„Tatort: Borowski und das Haus der Geister“ ARD, 2.9., 20.15 Uhr