Film

„Jeder Künstler ist wie eine Fledermaus“

Florian Henckel von Donnersmarck über seinen neuen Film „Werk ohne Autor“, der jetzt beim Filmfestival von Venedig uraufgeführt wird.

Foto: Anikka Bauer

Am 30. August wurde entschieden, dass „Werk ohne Autor“, der neue Film von Florian Henckel von Donnersmarck, als deutscher Kandidat ins Rennen um den Auslands-Oscar gehen soll. Schon wieder: Donnersmarck hat schon einmal einen Oscar in dieser Kategorie gewonnen, 2007 für „Das Leben der anderen“. Am 4. September nun erlebt „Werk ohne Autor“ seine Uraufführung bei den Filmfestspielen von Venedig, wo er auch im Rennen um den Goldenen Löwen ist. Wir haben den Regisseur vorab in Berlin im Hotel de Rome getroffen.

Herr Henckel von Donnersmarck, Sie werden Ihren neuen Film heute auf den Filmfestspielen von Venedig vorstellen. Wie fühlen Sie sich?

Florian Henckel von Donnersmarck: Ich freue mich sehr. Ich habe bei meinen anderen Filmen nicht sehr viel Glück mit großen Festivals gehabt. „Das Leben der Anderen“ hätte ich gern auf der Berlinale gezeigt, aber das hat leider nicht geklappt. Die Festivalwelt kenne ich bisher mehr von meinen Kurzfilmen, und da ist man doch eher Zaungast. Deshalb ist es jetzt natürlich wunderschön, dass Venedig uns gleich so begeistert angenommen hat.

Nach dem großen Erfolg von „Das Leben der Anderen“ wurde Ihr zweiter Film „The Tourist“ in Deutschland mit schlechten, teils hämischen Kritiken begleitet. Hat Sie das verletzt, schmerzt das immer noch?

Natürlich freut man sich mehr, wenn die Kunstrichter etwas mögen, was man ja mit viel Mühe und Liebe gemacht hat. Aber wenn Sie schon von Erfolg sprechen –„The Tourist“ war viel erfolgreicher als „Das Leben der Anderen“, das wurde nur sehr anders dargestellt. Er hatte, ich glaube, vier Mal so viele Zuschauer und ich habe auch viel mehr begeisterte Zuschriften bekommen. Offensichtlich haben die Kunstrichter eine andere Art Film von mir erwartet und waren deshalb enttäuscht. Aber ich gehe einen Film nie mit der Überlegung an, was vielleicht die Kunstrichter sagen werden. Sondern nur: Enthält der Filmstoff soviel Interessantes, dass ich mich in der Zeit, die es dauern wird, ihn zu machen, nicht langweilen werde? „The Tourist“ in Venedig zu drehen, der schönsten Stadt der Welt, mit zwei der attraktivsten Menschen der Welt, Angelina Jolie und Johnny Depp – das hat mich gereizt. Bei „Das Leben der Anderen“ ging es vielleicht um tiefgründigere Themen: Wie wirkt es sich auf Menschen aus, wenn ihnen die Privatsphäre genommen wirdl? Aber ich wusste in beiden Fällen, dass mich die Beschäftigung damit nicht langweilen würde.

Sie sind nach „Das Leben der Anderen“ nach Hollywood gegangen, „Werk ohne Autor“ ist nun wieder, nach der Hollywoodproduktion „The Tourist“, ein ganz deutscher Film. Ist das eine Art Rückkehr?

Ach wissen Sie, die Welt ist doch sowieso zusammengeschrumpft. Ich lebe weiter in Los Angeles, weil sich meine Kinder dort inzwischen zu Hause fühlen und weil dort eine sehr anregende internationale Film-Community sitzt. Aber ob ich einen Film in Venedig drehe, in Los Angeles oder in der Lausitz, ist letztlich egal.

Ihr neuer Film handelt von moderner deutscher Kunst, aber auch von Euthanasie und NS-Schuld. Wieder ein großes deutsches Reizthema – darunter machen Sie es nicht?

Wenn ich mich in eine Geschichte verliebe, muss ich dem nachgehen. Die historischen Themen sind dabei nur der Hintergrund – das Entscheidende ist die allgemeingültige, menschliche Geschichte, die sich letztlich in jeder Epoche abspielen könnte: Ein junger Mann verliebt sich in eine junge Frau. Ihr Vater sieht in dem Mann alles, was er ablehnt, sieht in ihm einen schwachen, armen Kerl, der seiner Tochter keinen Schutz bieten kann. Und dieser Vater setzt nun alles daran, um diese Beziehung zu zerstören. Die Kunstwelt ist dann letztlich nur ein Hintergrund, genauso wie die Verbrechen des sogenannten Euthanasie-Programms der Nazis. Es geht immer um das Ur-Menschliche, um die Emotion.

Sie waren noch nicht ganz zehn, da wurden Sie in den Martin Gropius Bau in die Ausstellung „Zeitgeist“ mitgenommen. War das eine Art Initialzündung?

Tatsächlich interessiere ich mich leidenschaftlich für Kunst. Das hat vielleicht nicht gleich mit zehn angefangen. Aber wenn ich jetzt so zurückdenke, dann war das schon so ein Startpunkt. Bis 1981 hat meine Familie in New York gelebt. Dann sind wir nach Berlin umgezogen. Für meinen Bruder und mich war das wahnsinnig hart, wir hatten unsere Freunde zurückgelassen, New York war das Zentrum der Welt, nicht nur für uns. Berlin schien dagegen Provinz. Amerikanische Filme konnte man hier oft erst mit zwei Jahren Verspätung schauen. Aber dann waren wir im Gropius-Bau, der damals ja sogar noch kriegszerstört war und direkt an der Mauer stand. Und gleich im Eingang stand der Lehmberg von Joseph Beuys. Da hingen dann all die großen amerikanischen Künstler wie Schnabel, Stella, Twombly und Warhol, aber auch die ganzen großen Deutschen wie Baselitz, Lüpertz, Kiefer, Polke und die sogenannten Jungen Wilden wie Penck, Koberling und Fetting. Die Deutschen waren irgendwie noch cooler, auch gefährlicher. Das war so das erste Mal, dass ich dachte, Berlin könnte auch das Zentrum der Welt sein. Dass war sehr trostreich.

Dann ist es sicher kein Zufall, dass auch Ihr Film damit beginnt, dass die Gerhard-Richter-Figur als kleiner Junge in eine Ausstellung mitgenommen wird – auch wenn es die über Entartete Kunst 1937 ist?

Die Erlebnisse der frühen Jahre sind oft sehr prägend; es ist, als ob einem das Leben Bausteine liefert, die man zunächst nur bestaunt und von denen man erst später erkennt, dass man daraus Häuser bauen kann.

Die Figuren heißen im Film anders, aber ganz klar sind Gerhard Richter Joseph Beuys, Günther Uecker zu erkennen. Hat man da Angst, man könnte in die Karikatur abrutschen, man könnte es sich mit der Kunstszene verscherzen?

Elemente der Biographien Richters und anderer Künstler waren eine Art Inspirationsquelle für den Film. Aber mir war es sehr wichtig, eigenständige Figuren zu erschaffen, die mein Empfinden dieser Zeit und der Kunst treffen. Auch wollte ich nicht, dass die Schauspieler irgendwelche echten Figuren nachäffen müssen. Ich bin da vielleicht ähnlich vorgegangen wie Orson Welles bei „Citizen Kane“, ein Film, in dem er sich aus William Randolph Hearsts Biographie inspirieren ließ, wo aber hoffentlich niemand glaubt, dass Hearst einen Schlitten namens „Rosebud“ gehabt haben könnte. Tatsachen sind oft furchtbar langweilig, man muss daraus eigenständige Geschichten ableiten, destillieren, verdichten. Die sind dann im Idealfall sogar wahrhaftiger. Um ein Bild von Alexander Kluge zu strapazieren: Jeder Kulturschaffende ist wie eine Fledermaus, die Impulse versendet, aber sehr genau darauf hören muss, was als Echo zurückkommt. Weil man nur vom Echo ein Gespür dafür bekommt, wie die Wirklichkeit ist, nicht von den eigenen Impulsen.

Sie haben Gerhard Richter getroffen. Wie fand der das denn, dass ein Film über ihn gemacht wurde? Und wie der Film am Ende aussah?

Er war sehr großzügig mit seiner Zeit, hat mir vier Wochen geschenkt, mich die Gespräche sogar aufzeichnen lassen. Gerhard Richter ist niemand, der sich einem anderen Kulturschaffenden in den Weg stellen würde. Er selbst geht ja in seiner Kunst auf gnadenlose Weise an die ganz persönlichen Momente von anderen. Ihn interessiert, wie das Gesicht von Jacqueline Kennedy aussieht, wenn ihr Mann erschossen wird. Ihn interessiert auch das Gesicht des Mörders Oswald – auch das malt er. Oder er malt, wie die Gesichter der erhängten RAF-Terroristen aussahen. Immer ganz nah dran. Deshalb hat ihn mein Ansatz, Teile seiner Biographie als Inspiration zu verwenden, vielleicht interessiert, vielleicht hat er mir auch deshalb soviel Zeit geschenkt.

Wie war das, wieder mit Sebastian Koch zu arbeiten?

Eigentlich habe ich das Prinzip, und das habe ich bei „Das Leben der anderen“ auch rigoros vertreten, dass ich beim Schreiben eines Drehbuchs nicht an einen Schauspieler denke, nur an die Wirklichkeit der Figur. Gegen dieses heilige Prinzip habe ich hier extrem verstoßen. Schon als mir die Idee zu dem Film kam, hatte ich immer Sebastian Koch im Kopf. Ich wusste, nur er kann das spielen, nur ihm würde man bei einer so bösen Figur dennoch bereitwillig folgen. Bei jedem anderen wäre der Zuschauer ausgestiegen. Ich habe ihm die Rolle schon sehr früh angeboten, ich habe sogar die ersten Tage am Drehbuch in seinem Seehaus geschrieben. Mit Sebastian Koch zusammenzuarbeiten, ist eine große Freude. Das sehen Paul Verhoeven, Steven Spielberg und Tom Hooper genau so. Die Regisseure reißen sich um ihn – aus sehr gutem Grund.

Letzte Frage: Der Oscar, hat er Ihnen nur Glück gebracht oder ist er auch ein Fluch, weil er eine Erwartungshaltung aufbaut, der man immer wieder gerecht werden muss?

Aber nein. Man ist als Regisseur eine Art Teamkapitän, ich sehe den Oscar deshalb auch als Auszeichnung für das ganze Team und für die grandiosen Schauspieler. Mehr von meinem Denken nimmt dieser Preis nicht ein. Mir hat aber noch an dem Abend gleich Steven Spielberg gesagt: Dieser Oscar wird dich nach außen hin immer definieren, bis an dein Lebensende bist du jetzt Oscar-Preisträger. Der ist jetzt immer Teil deines Lebens. Das hat Spielberg auch deshalb so fasziniert, weil da eine Zweiteilung entsteht zwischen der eigenen Wahrnehmung und der der anderen. Das war eine treffende Analyse, auf die ich mich dadurch schon gleich nach der Verleihung einstellen konnte.

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