Neuer Film

Lars Eidinger: Mein Leben als Brecht

Bert Brecht ist eine Ikone für Lars Eidinger. Aber er hat noch nie in einem Stück von ihm gespielt. Dafür spielt er ihn nun selbst.

Die Aufmerksamkeit ist ihm sicher: Lars Eidinger mit seiner schrillen Jacke zeigt keck Bein im Sofitel Hotel

Die Aufmerksamkeit ist ihm sicher: Lars Eidinger mit seiner schrillen Jacke zeigt keck Bein im Sofitel Hotel

Foto: Reto Klar

Berlin. Er kommt mit seiner grellen, vom Künstler John Bock entworfenen Jacke, die er gern beim Plattenauflegen trägt, stellt sich auch gleich in den Fensterrahmen des Sofitel Hotels und zeigt keck Bein. Lars Eidinger fällt gern auf. Und in diesem Herbst kommt man kaum an ihm vorbei. Im Wochentakt starten Filme wie „Mackie Messer - Der Dreigroschenfilm“, Florian Henckel von Donnersmarcks „Werk ohne Autor“, die Buddy-Komödie „25 km/h“, der Thriller „Abgeschnitten“ und nicht zuletzt die Serie „Babylon Berlin“. In allen spielt er mit. Die größte Rolle aber ist eindeutig die des Bert Brecht in „Mackie Messer“, der morgen Premiere feiert und am Donnerstag ins Kino kommt. Eine Traumrolle, vor der der Schaubühnen-Star anfangs aber auch Schiss hatte.

Herr Edinger, all diese Filme in den nächsten Wochen. Ist der Herbst ein Lars Eidinger Festival?

Lars Eidinger: (lacht) Die Leute sagen immer: Du machst zu viel, mach’ mal ein bisschen weniger. Aber das ist doch mein Beruf! Zu jemandem, der auf dem Bau arbeitet, würde man das auch nicht sagen. Ich arbeite einfach gern. Auch, um Geld zu verdienen. Ich denke jedenfalls nicht in Kriterien wie: „Ich mach mich jetzt rar und damit interessanter.“ Solch karrieristisches Denken liegt mir fern. Dass sich das jetzt so ballt, ist eher Zufall. Die Filme waren mal alle übers Jahr verteilt. Wenn man das als Festspiele sieht, ist es aber interessant zu sehen, welche Bandbreite ich zeigen kann.

Auf welche Party gehen Sie am Montag? Die von „Babylon Berlin“ oder „Mackie Messer“? Die finden ja zeitgleich statt.

„Babylon Berlin“ hatte schon vor einem Jahr Premiere, da wird jetzt nur die Fernsehpremiere gefeiert. „Mackie Messer“ ist, abgesehen vom Filmfest in München, jetzt das erste Mal, dass die Menschen das sehen können. Von daher liegt der Fokus klar auf Letzterem. Obwohl mein Herz auch sehr für „Babylon Berlin“ schlägt – und wir ab Dezember die nächste Staffel drehen

Die größte Herausforderung war sicher, Bert Brecht zu spielen? Wie war das? Vor den Dreharbeiten haben Sie noch gesagt, Sie würden sich vor Angst „einscheißen“.

Ich wollte nicht an meinem Idol kratzen. Für mich ist Brecht ein Vorbild, der ist mir heilig. Ich habe auch kein Talent zur Imitation, ich kann niemanden nachspielen. Aber darum ging es auch nicht. Sonst hätte mich der Regisseur Joachim A. Lang auch nicht besetzt. Ich sehe Brecht ja offenkundig gar nicht ähnlich. Aber vielleicht ist es ja interessant zu sehen, wie ich mich an ihm abarbeite. Und dass einem im Lauf der Arbeit immer mehr Brecht-Ideen zuspielen. „Zeigt, dass Ihr zeigt“, sagte Brecht. Ich hab mir also gesagt, Lars, zeig, dass du ihn zeigst. Das ist der Schlüssel.

Wieviel Selbstvertrauen muss man haben, um Brecht zu spielen? Es gibt zahllose Biographien, jeder hat sein Bild von Brecht.

Bei historischen Sachen hat man immer Angst, dass im Publikum Leute sitzen, die es besser wissen. Die dann sagen, so war es nicht. Auch Joachim A. Lang ist ein absoluter Brecht-Experte, der weiß alles ganz genau. Ich hatte die Befürchtung, dass mich das hemmt. Ich wollte auf keinen Fall auf ein Klischee hereinfallen oder einem Image auf den Leim zu gehen. Das schönste Kompliment war dann, als Joachim am Ende zu mir meinte, ich hätte sein Bild von Brecht komplett auf den Kopf gestellt.

Wie war das, als Sie sich das erste Mal als Brecht im Spiegel sahen? Mit der Lederjacke, der Brille und der Zigarrre im Mund?

Ehrlich gesagt: schrecklich. Der Ledermantel hat mir gefallen. Der ist ja wie ein Schlüssel. Der hat was von einer Pose, war auch eine Rüstung. Aber wenn man ihn anhat, verschwindet man darin. Und dann war das auch ein Frauenmantel, die Knöpfe sind andersrum geknüpft, der war ja so klein, wahrscheinlich hat er seine Größe sonst nie gekriegt. Aber dann wurden mir die Haare raspelkurz geschnitten, die Seiten abrasiert. Ich habe diese Brille aufgesetzt und die Zigarre genommen. Die Kollegen haben schon eine Woche gedreht, als ich ans Set kam. Ich spürte einen totalen Druck, die wollten alle mal sehen, wie der den Brecht spielt. Die erste Szene war sicher nicht die beste, ich habe danach einiges anders gemacht. Aber wenn man sich äußerlich nähert, dann folgt das Innere. Ich musste nur so schauen wie er. Brecht hat selten den direkten Blick gesucht. Der Blick ist seltsam nach innen gewandt, und nach unten, selten konfrontativ.

Ihr Brecht darf selbst im Film den berühmten Brechtschen Verfremdungs-Effekt ausüben, darf augenzwinkernd direkt in die Kamera sprechen, darf sogar Farbe auf die Kamera klatschen. Das entspricht auch Ihren Auftritten, wenn Sie auf der Bühne aus der Rolle aussteigen. Haben Sie die Parallelen selbst gesehen?

Unbedingt. Ich frag mich auch, inwieweit ich davon vorher schon beeinflusst war oder davon wusste. Oder ob das nur eine Koinzidenz ist. Die Spielweise auf der Bühne rührt ja auch nur aus der Überlegung, wie ich meinen Beruf ausübe. Es ist doch ein Widerspruch: Ich richte zwar einen Monolog ans Publikum. Aber wenn jemand den Saal verlässt, soll ich das ignorieren. Ich nehme mir dann die Freiheit zu fragen, warum geht der jetzt. Man missversteht das gern, es heißt dann, ich pöbele von der Bühne. Ich kann schon verstehen, dass die Zuschauer das als Schock, als übergriffig empfinden. Aber ich versuche nur offensiv mit der Situation umzugehen. Ich glaube, dass „Richard III.“ oder „Hamlet“ gerade deshalb solche Erfolge sind, weil das für die Leute Mehr-Erlebnisse sind, weil die sich plötzlich im wahrsten Sinne des Wortes direkt angesprochen fühlen. Auch Brecht ging es nicht darum zu provozieren, es geht um den Gewinn, wenn man das Prozesshafte als solches ausstellt. Beim Film ist das erste Gebot, das einem beigebracht wird, nicht in die Kamera zu schauen. Ich glaube, bei diesem Durchbrechen von Regeln ist noch wahnsinnig viel Potenzial. Nicht um zu provozieren, sondern um das Erlebnis zu steigern.

Wenn man sich Ihre Theater-Rollen anschaut, fällt auf, dass Sie noch nie Brecht gespielt haben. Warum eigentlich? Wäre Mackie Messer nicht eigentlich eine Rolle, die Sie zwingend mal spielen müssten?

Vielleicht wird er sich daran nicht erinnern, aber ich musste Thomas Ostermeier lange bearbeiten, bis er mit mir „Hamlet“ gemacht hat. Bei „Richard III.“ wusste er auch, dass ich das unbedingt spielen wollte. Er weiß auch, dass ich Mackeath in der „Dreigroschenoper“ spielen will. Vielleicht kriege ich ihn ja irgendwann soweit. Aber das ist halt manchmal so. Ich habe an der Schauspielschule „Happy End“ gemacht, das zwar unter Dorothy Lane läuft, aber eigentlich ein Brecht-Stück ist. Und auf der Gustav-Heinemann-Oberschule habe ich im Fach „Darstellendes Spiel“ Arturo Ui gespielt. Das waren bislang die einzigen Erfahrungen mit Brecht. Ich würde unbedingt etwas von Brecht spielen wollen, er ist neben Shakespeare der Einzige, der für mich eine solche Gültigkeit hat. Vielleicht muss ich ihn ja selber inszenieren.

Die Brecht-Erben gelten als sehr prozesswütig. Die lassen schon mal Inszenierungen verbieten. Mussten Sie sich Ihren Brecht von der Familie abnicken lassen?

Die habe ich noch nicht kennengelernt. Das ist natürlich sehr ambivalent. Ich finde es auf der einen Seite wichtig, dass man ein Oeuvre schützt, dass nicht jeder kommen und damit machen kann, was er will. Auf der anderen Seite kann es bei Brecht, nach seiner eigenen Lehre, ja gar keine Fehlinterpretation geben. Brecht wäre der Letzte, der wie die Brecht-Erben agieren würde. Aber uns spielte in die Hände, dass Joachim A. Lang ein ausgewiesener Brecht-Experte ist, der auch schon einen Dokumentarfilm über Brecht gemacht hat und dafür die Erben befragt hat. Und alles, was ich im Film sage, sind ja Brecht-Zitate.

Engt das das Spiel ein, wenn man nur echte Brecht-Sätze spricht, die teils Thesen sind?

Auch das ist sehr ambivalent. Es gibt Schauspieler, die die Texte recht frei mit ihren eigenen Worten sagen. Ich bin einer, der sich sehr an den Text hält. Für mich ist das eine Chance, von mir wegzukommen. Aber natürlich waren die Brecht-Zitate jetzt nicht nur Sätze aus Gesprächssituationen, viele Zitate stammen aus Aufsätzen oder schriftlichen Abhandlungen. Da besteht die Gefahr, dass das papieren klingt. Anfangs habe ich immer gesagt, ich will nicht zur Sprechsäule verkommen. Aber selbst wenn mein Brecht am Ende eine Sprechsäule im Ledermantel ist, wäre auch das wieder im Brechtschen Sinne. Denn die Gedanken sind da und stehen im Raum.

Sie spielen im Film in einem Spitzen-Cast. Mit lauter Stars, die mal gekonnt gegen den Strich besetzt sind. War das ein einziger Spaß – oder auch ein großer Konkurrenzdruck untereinander?

Konkurrenz? Das wäre eigentlich total normal, und die hätten wir auch ausgehalten. Aber das hat nicht stattgefunden. Das war ein sehr lustvolles Zusammentreffen. Joachim Król hat anfangs zugegeben, er habe immer Brecht spielen wollen und er sehe ihm ja auch ähnlich. Aber dann kam er am Ende zu mir und hat mich bestätigt. Ich habe da keinerlei Missgunst gespürt. Brechts Idee, sich als Kollektiv zu verstehen, dass man Paläste nur gemeinsam und allein nur einsame Hütten erschaffen kann, das ging voll auf. Das ist auch wahnsinnig inspirierend, wenn man als Gruppe funktioniert. Wie ein großer Kopf.

Tom Tykwer war bei „Babylon Berlin“ erschreckt, wie aktuell während der Dreharbeiten die Bezüge von 1929 zu heute sind. Haben Sie das bei „Mackie Messer“, der zur selben Zeit spielt, ähnlich empfunden?

Ja, klar. Man kann den Film wie eine Folie auf die heutige Zeit legen. Man ist verblüfft, wie zeitgenössisch das ist, das gibt mir schon zu denken. Man findet für jedes Bild, das Brecht entworfen hat, eine heutige Entsprechung: für das Elend, das sich breit macht, die Banken sowieso, das Aufkommen des Faschismus. Gerade jetzt, nach Chemnitz, sind die Parallelen erschreckend. Auch ich ertappe mich dabei, zu denken, man kann das nicht mit damals vergleichen. Doch! Erich Kästner meinte, man muss den rollenden Schnellball zertreten, bevor er eine Lawine wird. Wenn wir Bezüge herstellen, gibt es eine minimale Hoffnung, dass wir was ändern können. Wenn nicht, werden wir genau den gleichen Fehler noch mal machen.

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.