Spaziergang

Diskuswerfer Robert Harting: Abschied vom Entertainer

An diesem Sonntag beendet Robert Harting seine Karriere. Wir trafen den Diskuswerfer am Strandbad Weißensee.

Robert Harting am Weißen See

Robert Harting am Weißen See

Foto: Reto Klar

Berlin. Eine gewisse Erleichterung ist schon da, als der große Mann mit dem Basecap am Strandbad Weißensee auftaucht. Zuverlässig und lieber etwas zu früh als ein wenig zu spät, alles genau wie immer. Zwei Tage zuvor hatte Robert Harting allerdings noch abgesagt, Grund war eine Grippe. Eine Erkrankung zur Unzeit – nicht wegen unseres Spaziergangs, sondern wegen des Internationalen Stadionfestes der Leichtathleten im Olympiastadion an diesem Sonntag. Dort wird er zum letzten Mal den Diskus schleudern. Er will seinem Publikum noch einmal eine gute Show bieten, so wie es das von ihm gewohnt ist. Ein Tag Trainingspause stört da, Harting macht selbst so kurz vor Schluss keine halben Sachen. „Ich habe einen leistungssportlichen Anspruch, auch wenn es der letzte Wettkampf ist.“ Und danach? „Am Montag werde ich irgendwann aufwachen, und dann gibt es kein Zurück mehr“, sagt der 2,01 Meter große, 125 Kilogramm schwere Riese mit dem Rauschebart, „da kriege ich jetzt schon eine Gänsehaut.“

Wir gehen langsam am See entlang in westliche Richtung. Das Tempo hat nichts mit seiner körperlichen Verfassung zu tun, beharrt Harting. Im Oktober wird er 34 Jahre alt. „Aber als Sportler fühle ich mich noch leistungsfähig, nicht alt, auch nicht kaputt.“ 2014 hatte er einen Kreuzbandriss. Anfang dieses Jahres wurde festgestellt, dass eine Sehne in seinem Knie angerissen ist. Sein Trainer empfahl ihm da schon aufzuhören. Doch Harting wollte nicht. Er wollte unbedingt zur EM im August in Berlin. Und er hatte eine letzte Verabredung mit dem Istaf-Publikum. Die Sehne ist es auch jetzt nicht, warum es ihm reicht. Harting will einfach nicht mehr, „vom Mentalen her fehlt mir die Orientierung. Mich interessieren viele andere Dinge.“

Öfter Sportler des Jahres als sein Idol Schumacher

Noch ist es ja auch nicht konkret, noch ist alles wie in jedem Jahr. Nun kommt das Istaf, dann ist ein bisschen Pause, eine gute Woche Urlaub in der Toskana mit Kumpels, danach ein paar Medientermine, „das ganze Gedingel wie immer“. Im Oktober beginnt wieder das Training. Auch er wird etwas für seinen Körper tun, schließlich will er nicht in Nullkommanichts anders aussehen, „als wie ich mich 15 Jahre im Spiegel gesehen habe“. Aber Mitte jenes Monats wird dann seine Frau Julia, ebenfalls Diskuswerferin, die er 2016 geheiratet hat, zum „richtigen“ Training gehen, zu dem mit der Scheibe aus Metall und Holz. Ihr Ziel sind die Olympischen Spiele in Tokio. Dann sitzt er womöglich zu Hause oder irgendwo in der Universität der Künste, arbeitet an seinem Master in Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation. „Wenn ich Jule dann zum Training gehen sehe“, malt er sich schon aus, „werde ich sagen, oh Gott, du machst das jetzt wirklich: Du gehst nicht mit!“

Es wird eine große Umstellung für Robert Harting sein. Nicht nur für ihn. Über Jahre war er das Gesicht mindestens der deutschen Leichtathletik, wenn nicht des deutschen Sports. 2012 bis 2014 war er Deutschlands Sportler des Jahres, drei Mal, so häufig wie kein anderer Leichtathlet, nur einmal weniger als Boris Becker, dafür einmal öfter als sein erstes großes Sportidol Michael Schumacher. Er war nie um einen Kommentar verlegen. Gerade zu Beginn seiner Karriere trug Harting deswegen vor allem als „bad Boy“ zur Unterhaltung bei. Aber er war eben auch außergewöhnlich erfolgreich, zehn Mal deutscher Meister, zweimal Europameister, dreimal Weltmeister, 2012 Olympiasieger.

Irgendwann führte kein Weg mehr an ihm vorbei. Und Harting zeigte sich, wie in jeder Lebenslage, lernfähig. Ohne sich verstellen zu müssen, bot der Sportstar nun Entertainment der anderen Art. Er war noch immer ein Mannsbild, nur nicht mehr so ruppig wie früher, nicht mehr der ungeschliffene Typ, der Doping-Opfer verbal attackierte wie 2009 vor seinem WM-Triumph in Berlin. „Das war dumm“, sagt Harting. Damals fühlte er sich in seiner Vorbereitung auf die WM gestört, das konnte er nicht leiden. Er hat sich entschuldigt. Ungeschoren kam er dennoch nicht davon, „ich wurde gegrillt in den Medien“, nennt Har­ting das. Eine harte, eine gute Schule.

"Ich habe gelernt, sympathischer rüberzukommen"

Auch in den Jahren danach war er nicht gleich „Everybody’s Darling“. Passt sowieso nicht zu ihm. Doch sein Bild in der Öffentlichkeit wandelte sich allmählich. Natürlich wegen der nicht nachlassenden Siege. Erfolg macht sexy. Aber auch, weil „ich es gelernt habe, sympathischer rüberzukommen“, sagt Robert Harting, „und ich konnte dabei trotzdem so bleiben, wie ich bin.“ Er zeigte Haltung, trat für Werte ein. Nun waren seine Angriffe auf die mächtigen Funktionäre, das Internationale Olympische Komitee, den Leichtathletik-Weltverband genau der Klartext, der ihn aus der Masse der so häufig um wachsweiche Formulierungen bemühten Stars hervorhob. Bloß in kein Fettnäpfchen treten? Robert Harting, Schuhgröße 50, war dazu allzeit bereit. Und „plötzlich war das, was vorher böse war, gut und erwünscht“.

Wir haben das Ufer des Weißen Sees hinter uns gelassen und sind am Mirbach-Platz gelandet. Dort gibt es ein Café, das Harting beinahe einmal gekauft hätte. Nicht weit weg wohnt er in einer Loft-Remise, in einem alten Industrie-Verschlag. „Ich mag meinen Kiez total, es gibt hier so schöne Ecken, gute Restaurants“, sagt der 33-Jährige, „ich will mich mehr mit den Details auseinandersetzen, mit den Geschichten, die der Kiez und seine Menschen zu erzählen haben.“ Wissensdurst soll Erfolgshunger ersetzen. Ab Montag. Bisher hat ihn der Sport zu sehr beansprucht.

Sogar jetzt, in seiner Abschluss­saison. Freunde haben ihm gesagt, er habe so viel erreicht, er solle auch mal genießen. Bei aller Reife, bei aller Veränderung – damit kann er nichts anfangen. „Das“, sagt er, „habe ich nie gelernt im Sinne von: Du gehst da hin und hast Spaß. So verstehe ich nicht den Gedanken des Wettkampfs.“ Wettkampf ist für ihn vor allem: Kampf, Ergebnis harter Arbeit, Tunnel, alles andere ausschalten, besser sein als die anderen. Stolzer Gewinner, enttäuschter Verlierer. Vielleicht liegt es daran, dass er sein Leben lang hat kämpfen müssen. Um seinen Platz. Und um Anerkennung.

Kindheit von Armut geprägt

Seine Kindheit, die er in Cottbus verbrachte, war von Armut geprägt. Die Eltern waren einfache Leute. „Da fehlte der finanzielle Background, mir wurde deswegen nichts zugetraut.“ Dann wurde er Sportler, „aber nur Werfer, nicht Läufer. Mich hat das aufgeregt, dass sie mich behandelt haben, als wären sie etwas Besseres“. Die Werfer, das sind doch die Groben, die brüllen und essen den ganzen Tag. „Und sie haben keine schönen Beine!“ Harting muss lachen. Damals fand er das nicht lustig, fühlte sich stigmatisiert. Aber auch das war eine harte, gute Schule, denn: „Das hat mich ewig angetrieben.“ Deswegen ist Harting jetzt auch mit sich, seiner Karriere als Sportler, so im Reinen. Deshalb ist er da, wo er ist. Oben. Niemand sieht in ihm nur einen Diskuswerfer. Robert Harting zu sein, ist wertvoll.

Seine Einstellung zum Sport ist auch der Grund, warum Harting die Europameisterschaften in Berlin vor dreieinhalb Wochen nicht so positiv fand wie andere. Nicht den spannenden Wettkampf, in dem er völlig verblüffend kurz auf Rang zwei lag. Nicht die Begeisterung des Publikums, das sich seinetwegen von den Plätzen erhob. Hat er gar nicht mitgekriegt. Bis heute beschäftigt er sich dafür damit, wie greifbar nahe die Bronzemedaille war. Er kam mit seiner eigenen Erwartungshaltung nicht klar. „Früher hat Druck mir die nötige Spannung gegeben.“ Jetzt dachte er daran, dass er doch im Training 66 Meter geworfen hatte. Die hätten für das erhoffte Edelmetall gereicht. Er konnte seine Leistung nicht mehr abrufen, die Kon­trolle über sich selbst ist dahin. „Leistungssport, wie ich ihn verstehe, ist Kontrolle.“ Das vermaledeite Knie. Es macht keinen Spaß mehr. Deshalb ist es gut, jetzt einen Schlussstrich zu ziehen.

Was geblieben ist? Schwer zu sagen für ihn. Trotz all der Titel. „Das Geilste“, sagt Harting, „war immer der Morgen danach.“ Dieses glückliche Gefühl, sich belohnt zu haben. Diese tiefe Zufriedenheit. Aber auch die negativen Gefühle sind nicht vergessen. Nichts war Robert Harting so wichtig wie der Erfolg bei Olympischen Spielen. „Das olympische Gold“, davon ist er überzeugt, „ist eine international unabhängige Währung. Ein Olympiasieger muss nicht einmal seine Disziplin erklären. Damit können sie in jedem Land der Welt etwas anfangen.“

In London fühlten sich seine Füße so schwer an wie Autos

Zweimal, 2008 in Peking und 2016 in Rio, ging er leer aus. Umso wichtiger war London 2012, die neun Zentimeter, die ihm im vorletzten Versuch vor dem Iraner Ehsan Hadadi das ersehnte Gold brachten. Es war eine einzige Tortur für ihn. „Meine Waden waren so schwer, dass ich dachte, ich hätte Autos an meinen Füßen. Von Wurf zu Wurf wurde das schlimmer.“ Trotzdem kämpfte er sich durch, wieder mal. Zerriss sein Trikot in der für ihn typischen animalischen Wildheit, wieder mal, mit einem Gesichtsausdruck, der geeignet ist, nicht nur kleinen Kindern Angst zu machen. Bis seine Oma ihm sagte: Robert, lass das mal sein, das tut man nicht. Der riesige Kerl tat es wirklich nie wieder.

Alles Geschichte, diese Geschichten. Das Istaf noch, dann endet die sportliche Karriere. Robert Harting ist ein Stück weit erleichtert darüber, vor der Zukunft ist ihm nicht bang. Er wird ja weiter angreifen, nur anders. Er möchte irgendwann mit seiner Jule eine Familie gründen. Er will seinen Master machen und am liebsten nebenher noch ein Vierteljahr Praktikum. Wie immer greift Har­ting oben an. Er nennt Namen wie Christian Vollmann, Till Behnke, Ijad Madisch und Stefan Olander. Das sind Stars der Start-up-Szene. „Mich überzeugt, was sie erreicht haben“, sagt Harting, „auf so etwas habe ich Lust. Ich hoffe, es geht in die Richtung. Wäre cool.“ Lachend fügt er hinzu: „Ich brauche noch ein bisschen was für meinen Lebenslauf.“

Jetzt aber noch mal Diskus. „Der letzte Schrei“, so haben die Istaf-Veranstalter das Sportfest beworben. Mit Robert Harting als Coverboy, natürlich. Das Istaf soll eine riesige Abschiedsparty werden. Seine Party. Wie er in diesen Wettkampf geht? Mal abwarten. „Komme ich mit den anderen Sportlern vom Hotel? Oder lieber von zu Hause, schleiche mich durch die Katakomben des Olympiastadions, bin wie zufällig beim Einwerfen dabei, mache dann den Wettkampf?“ Ist schon klar: Er will sich nicht wie ein Auslaufmodell von der Bühne schleichen, sondern ein letztes Mal einen großen Wurf raushauen. Danach überlässt er das Feld den Jüngeren. Aus Litauen, Schweden, Österreich, Jamaika. Und seinem Bruder Christoph. Es ist ja bekannt, dass die beiden sich nicht mögen, freundlich formuliert. Vielleicht wird das besser, wenn sie wenigstens sportlich keine Konkurrenten mehr sind.

Wir sind jetzt am Ende des Gesprächs angekommen, auch des Spaziergangs, im „Eisspatz“. Harting nimmt einen Becher mit vier Kugeln. Das ist ein ziemlicher Haufen. Anschließend bestellt er die gleiche Menge noch einmal. Man muss sich auch mal was gönnen. Das etwas süßere Leben ohne Leistungssport, es kann beginnen. Robert Harting lässt auch in diesem Moment wenig Zweifel aufkommen: Er ist bereit dafür.

Zur Person

Vita: Robert Harting wurde am 18. Oktober 1984 als Sohn einer Krankenschwester und eines Druckers in Cottbus geboren. Er spielte zunächst Handball, wechselte mit 13 Jahren zum Kugelstoßen und zum Diskuswurf. In letzterer Disziplin wurde er zum Weltstar. Mit 17 zog er allein nach Berlin ins Sportinternat, die Stadt ist seitdem seine Heimat. Harting hat bereits einen Bachelor in Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation und macht gerade seinen Master in diesem Fach. Er hat einen Bruder, Christoph (28), der ebenfalls Diskus-Olympiasieger ist.

Sportler: 2007 wurde Robert Harting in Erfurt zum ersten Mal deutscher Meister im Diskuswurf, 2017 am gleichen Ort zum zehnten und letzten Mal. Dazwischen lagen drei WM-Titel: 2009 in Berlin, 2011 in Daegu und 2013 in Moskau, EM-Gold 2012 in Helsinki und 2014 in Zürich, aber vor allem 2012 sein Olympiasieg in London. Seine Bestweite beträgt 70,66 Meter, erzielt 2012 beim Sportfest in Turnov/Tschechien. Die Harting-Brüder starten für den SC Charlottenburg.

Spaziergang: Vom Strandbad Weißensee ging es zunächst ein Stück am Ufer entlang. Danach über die Pistoriusstraße bis zum Mirbachplatz, wo im „Café Mirbach“ und im „Eisspatz“ Zeit für ein ausgiebiges Gespräch war.