Ganz Berlin spricht von Enteignung. Indes hat soeben am Rand der Stadt eine Immobilie den Eigentümer gewechselt, bei der selbst hartgesottene Sozialisten alle Vorbehalte über Bord werfen würden. Vorausgesetzt, sie hätten nur einen Funken Kunstverständnis. Denn das jüngst verkaufte „Haus Loewy“ in Zehlendorf ist ein vergessener Klassiker: das erste Wohngebäude, das Richard Neutra, einer der renommiertesten Architekten des 20. Jahrhunderts, errichtete. Genau 2,596 Millionen Euro waren aufgerufen. Bevor die neuen Eigentümer einziehen, empfängt uns Peter Rabitz für eine private Tour durch das Gebäude – und seine Geschichte.
Der Makler für Luxusimmobilien mit Sitz im Hotel Adlon („Rabitz & Rabitz“) ist beim Treff an der Onkel-Tom-Straße 87 ganz in seinem Element. Dieser Millionen-Deal hat für den 52-Jährigen den schönen Nebeneffekt, dass sich hier sein Geschäft mit seinem Faible, vielleicht sogar seiner Obsession, vereint. Ihn faszinieren die makellosen, meist streng geometrischen, mitunter gewagten Häuser und Pavillons der kalifornischen Moderne. Und Neutra zählte zur Handvoll Architekten, die sie unweit Hollywoods, in Palm Springs, in Santa Monica auf Wüstenboden setzte, in Wälder einpasste oder an schroffen Berghängen verankerte. In den Konstruktionen Neutras lebten etwa die Regisseure Orson Welles und Erich von Stroheim, Komponist Arnold Schönberg, Schriftstellerin Ayn Rand, Schauspielerin Diane Keaton und Sänger Barry Manilow.
Blick auf Weltkulturerbe: Einziehen in die „Zigarrenkisten“
Wer dagegen zukünftig an der Onkel-Tom-Straße 87 lebt, hat zur Straße hin Tempo 30 und hinten den freien Blick aufs Weltkulturerbe. Denn an den Rand des 2254 Quadratmeter großen Grundstücks – es ist eher eine Art kleiner Park – grenzt die erst Ende Juli von der Unesco gekürte Waldsiedlung Zehlendorf von 1926.

Während die Berliner diese bald respektlos-stieselig „Papageiensiedlung“ tauften, galten die eckigen Neutra-Gebäude und ihre drei verwandten Häuser nebenan nach der Fertigstellung 1924 umgangssprachlich als „Zigarrenkisten“.
„Haus Loewy“ öffnete erstmals seine Türen für die Nachbarschaft
Inzwischen sind Ansehen und Stellenwert des „Hauses Loewy“ – benannt nach den ersten Mietern – korrigiert. Als Rabitz sie anlässlich des Gallery Weekends im April erstmals für die Öffentlichkeit begehbar machte, einen Architektur-Talk abhielt und eine Pianistin sich einen Nachmittag lang an den eilig noch nachgestimmten Bechstein der Vorbesitzerin setzte, kamen auch die Menschen aus der Nachbarschaft.

Die bestaunten die Villa, die eigens herbeigefahrenen historischen Designer-Möbel – manche noch von Neutra selbst entworfen – und sagten, wie erhebend es sei, ein solches Meisterwerk in ihrem Wohnviertel zu wissen. Ein Besucher erklärte, er komme oft am Haus vorbei. Aber nie habe er geahnt, was sich hinter der Fassade verbirgt.
Architektur trifft Theater: Neutra stattet Zehlendorfer Haus mit Drehbühne aus
Während das bei 95 Prozent der Berliner Haushalte wohl auch ganz gut so ist: Hier dagegen ist der Blick hinein das pure Vergnügen. Vom kleinen Foyer geht der Blick zu farblich abgestimmten Wänden, die Bauhaus-Schüler unter Walter Gropius vorgelegt hatten. Dann weiter durch einen 1967 angebauten Wintergarten, hinaus ins Grün und gen Weltkulturerbe-Siedlung.

Ein Ess- und Wohnzimmer schließt sich an. Es ist groß genug, um einem wundersamen Einfall des Architekten Raum zu bieten: Der aus einer jüdischen Wiener Unternehmerfamilie stammende Neutra hatte sich in Folge seiner Umsiedlung nach Berlin 1920 kurzzeitig an Theatern verdingt. Von dort brachte er die tolldreiste Idee mit, in zwei seiner vier Zehlendorfer Häuser je eine Drehbühne einzubauen.
Räume im Wandel: Eigentümerin Harriet Roth schrieb ein Buch über ihr Haus
Darauf befanden sich drei Zimmertypen, die nach Bedarf herum- und nach vorn geschoben werden konnten. Die einstige Eigentümerin des Hauses, Harriet Roth, hat 2019 ein Buch über ihr berühmtes Haus veröffentlicht.

Darin sieht man auf einer sepiafarbenen Fotografie von 1924 den Vater im Herrenzimmer mit Freunden Karten spielen. Derweil dreht das Kind der Familie die Mutter heran, die im Musiksalon Klavier spielt. Würde das Töchterchen kräftig weiterschieben, verschwänden Mama und Papa backstage im Dunkeln und das Esszimmer käme zum Vorschein.
Neutra-Häuser: Familien bekommen es mit neuem Wohnkonzept zu tun
Neutras Häuser hatten sich enttäuschenderweise anfangs als unverkäuflich erwiesen. Als sein Chef, der visionäre Berliner Bauherr Adolf Sommerfeld, die Drehbühnen Ende der 20er abmontieren ließ, ging es auch mit dem Absatz der Gebäude voran. Architekt Neutra war da schon in die USA umgezogen in der begründeten Hoffnung auf große Erfolge und, laut seinen damaligen Schriften, einem Volk entgegen, „dessen Köpfe entrümpelt sind“ – wie man damals noch schwärmen konnte.
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Der neue Eigentümer, sagt Makler Rabitz, sei eine Familie mit Kindern. Die Lage, der Park und die Aufteilung des Sechs-Zimmer-Hauses hätten sie zum Kauf bewogen. Die Neutra-Connection sei da eher das Sahnehäubchen gewesen. Dass nun noch einige Investitionen auf sie zukommen, ist ihnen klar.
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Sanierungskosten: So viel kommt auf die Eigentümer zu
Das Haus ist als Bestand im Viererensemble denkmalgeschützt. Nicht aber innen. Wie viel die angehenden Bewohner nun in Restauration und Modernisierung ihrer Villa stecken müssen? „Wir gehen von 500.000 Euro aus“, sagt der Immobilienmann. Wollten sie Rabitz‘ verehrtem Baumeister Neutra allerdings wirklich gerecht werden: Die Eigentümer könnten bis zu einer Million Euro investieren.




