Es ist Mitte April, noch zwei Wochen bis zum Gallery Weekend in Berlin. Für die Fotos besuchen wir verschiedene Galerien. Dann laufen wir die Potsdamer Straße entlang, uns kommt eine kleine Menschengruppe entgegen, sehr gut gekleidet, und Antonia Ruder ruft: „Warte, diese Stimmung gerade, die ist schon sehr Gallery Weekend, so wie immer die ersten warmen Tage!“
Wie laufen die Vorbereitungen? Gibt es kurz vor Beginn noch große Hürden?
Antonia Ruder: Eigentlich liegen wir gut in der Zeit. Alle Galerien sind jetzt in der Phase des Aufbaus – das ist ja immer die spannendste Zeit. Unser Rahmenprogramm ist geplant, hier treffen wir nun die letzten Vorbereitungen. Und schon jetzt kann man sich auf der Website gut in die kommenden Ausstellungen einlesen.
Was ist beim Rahmenprogramm in den letzten Jahren dazugekommen?
Im vergangenen Jahr haben wir eine Talkreihe in der Neuen Nationalgalerie etabliert, außerdem die Art Walks, eine Schaufenster-Ausstellung im KaDeWe sowie den Podcast. Der läuft das ganze Jahr über, in der Regel einmal im Monat, rund ums Gallery Weekend dann etwa aller zwei Wochen. Bislang erschienen sind Gespräche mit Anne Duk Hee Jordan, Heimo Zobernig, Jorinde Voigt. Die vierte Folge für dieses Gallery Weekend mit Berni Searle geht auch bald online. Dann gibt es noch ein Kurator*innenprogramm und wir haben mit den „Perspectives“ einen neuen Sektor ins Leben gerufen, der jährlich wechselnd außergewöhnlichen Ausstellungsprojekten Raum geben soll.
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Und all das in einer Zeit, in der überall gespart wird?
Ja, bei der großen Konkurrenz an Biennalen, Messen und anderen internationalen Kunstereignissen muss man heute mehr bieten, um die Leute nach Berlin zu bringen. Das Berliner Galerienprogramm ist nach wie vor auf einem sehr hohen Niveau – das erweitern wir um ein hochwertiges Programm, um es auch zu vermitteln.
Wie ist das Verhältnis zur Politik, zum Senat?
Das Gallery Weekend wurde 2005 als private Initiative gegründet und viele Jahre rein privat getragen. Seit 2020 werden wir vom Wirtschaftssenat unterstützt. Inzwischen sind wir auch als Leuchtturmprojekt eingestuft. Trotzdem würde ich mir generell für den gesamten Kunstsektor noch mehr Rückhalt aus der Politik wünschen. Wir wissen doch alle, dass Kunst und Kultur in Berlin die zentralen Wirtschafts- und Tourismusfaktoren sind.
Sind die Berlinerinnen und Berliner nicht auch ein bisschen verwöhnt, weil es hier ohnehin ständig kulturelle Ereignisse gibt?
Auf jeden Fall – das kulturelle Angebot in Berlin ist unübertroffen! Oft wird einem das erst richtig bewusst, wenn man in anderen Städten unterwegs ist. Die Berliner lieben das Gallery Weekend! Für viele zählt es zu den wichtigsten Kulturveranstaltungen des Jahres. Und auch international ist die Marke Gallery Weekend Berlin nahezu überall bekannt.
Spürt das Gallery Weekend die angespannte wirtschaftliche und politische Weltlage?
Dieser Krisenmodus betrifft uns alle. Trotz wirtschaftlicher und geopolitischer Unsicherheiten Menschen für Kunst zu begeistern und nach Berlin zu bringen, ist unsere Herausforderung. Gleichzeitig setzen Menschen in Krisenzeiten oft auf Bewährtes. Insofern kann Kunst vielleicht auch eine Art Anker sein.
Welche Prioritäten setzen Sie also in diesem Jahr bei den Künstlern?
Für uns ist Asien ein zunehmend wichtiger Markt – China und Korea zum Beispiel sind sehr spannend. Aus diesen Regionen erwarten wir auch zahlreiche Gäste. Wir arbeiten erstmals mit Ambassadors zusammen, also Kontaktpersonen in einzelnen Ländern, die Menschen in der jeweiligen Sprache und Tonalität persönlich ansprechen. Gerade in China etwa gibt es viele Kommunikationskanäle, die wir selbst gar nicht direkt bedienen können.
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Was sind für Sie die Highlights in diesem Jahr?
Ich würde sagen, dieses Jahr ist eher eine Entdecker-Ausgabe. Sie setzt nicht so sehr auf große Namen wie im letzten Jahr, sondern präsentiert ein vielfältiges, berlinspezifisches Programm mit spannenden Wiederbegegnungen, Neuentdeckungen und historischen Positionen.
Können Sie ein paar Beispiele nennen?
Thomas Demand ist sicher vielen ein Begriff, bekannt durch seine minutiös nachgebauten Papiermodelle. Er zeigt zum Gallery Weekend jedoch erstmalig kleinformatige, auf Kupfer gedruckte Arbeiten in der Galerie Sprüth Magers. Bei Petrit Halilaj – aktuell noch im Hamburger Bahnhof mit seiner Ausstellung „An Opera Out of Time“ zu sehen – stehen beschädigte und verbrannte Container aus seiner Opernproduktion im Kosovo im Zentrum, die kurz vor der Premiere Ziel eines Angriffs wurden. Außerdem wird der vordere Teil der Galerie bei ChertLüdde in ein kosovarisches Teehaus verwandelt, mit Live-Musik zur Eröffnung am Freitag. Dann gibt es bei Konrad Fischer in dem ehemaligen Umspannwerk den französischen Konzeptkünstler Daniel Buren zu sehen mit großformatigen runden Spiegelarbeiten, die mit der umgebenden Architektur und den Besucher*innen in einen Dialog treten. Und während Tauba Auerbach bei Esther Schipper Mikroskopaufnahmen von Schaum und dessen flüchtige Selbstorganisation in feine, fast schwebende Malerei übersetzt, platziert Katherine Bradford bei Haverkampf Leistenschneider ihre Figuren in traumhaften Szenarien wie dem Weltraum oder offenen Meer.


Gibt es auch Positionen, die erstmals in Deutschland zu sehen sind?
Ja, gleich mehrere. Zum Beispiel Yuji Agematsu in der Galerie Buchholz in Charlottenburg – ein in Japan geborener Künstler, der seit den 80er Jahren in New York lebt und aus unterwegs gesammelten Alltagsabfällen sehr poetische, kontemplative Miniaturskulpturen in kleinen Zigaretten-Zellophanhüllen arrangiert. Oder die Chinesin Stella Zhong, ebenfalls Wahl-New Yorkerin, die ihre erste Einzelausstellung in Berlin bei Trautwein Herleth zeigt sowie der US-amerikanische Künstler Adam Gordon bei Isabella Bortolozzi. Auch mit Qiu Ruixiang ist ein in China bereits bekannter Maler nun auch erstmals in Deutschland bei HUA International zu sehen. Solche Entdeckungen machen für mich den besonderen Reiz dieser Ausgabe aus.
Das Gallery Weekend ist ja auch dafür bekannt, neue Galerien sichtbar zu machen. Wie sieht das in diesem Jahr aus?
Das zeigt sich besonders in der neuen Sektion „Perspectives“, von der ich schon erzählt hatte: Hier wollen wir die Bandbreite an Galerien und künstlerischen Perspektiven in Berlin noch stärker abbilden, in den nächsten Jahren auch mehr noch neue kuratorische Ansätze und experimentelle Ausstellungsformate. In diesem Sektor sind in diesem Jahr sieben Galerien vertreten, davon fünf jüngere. Zwei davon liegen am Rosa-Luxemburg-Platz und zeigen die ersten Einzelausstellungen von zwei koreanischen Künstler*innen: die Galerien Anton Janizewski und Mountains mit Jiyoon Chung und Shinoh Nam. Max Goelitz wiederum präsentiert einen etablierten Künstler, den Meister des Lichts James Turrell, dessen Lichtinstallationen viele Berliner sicherlich kennen. Eine ist permanent zu sehen – in der Kapelle des Dorotheenstädtischen Friedhofs.


Das klingt alles sehr abwechslungsreich, aber auch etwas überfordernd. Was ist, wenn ich als Neuling noch nicht so viel Zugang habe?
Mir ist sehr wichtig, dass alle Besucher*innen Zugang finden können und eine gute Vermittlung bekommen. Wer bisher wenig Berührungspunkte mit zeitgenössischer Kunst hatte, kann beispielsweise einen von 11 Art Walks buchen und gemeinsam mit Kunsthistoriker*innen auf Entdeckungstour gehen, unsere Podcasts zur Vorbereitung hören oder die Talks besuchen, um tiefer in die jeweilige künstlerische Praxis einzutauchen. Auch unsere Website bietet mit Studio Visits und beschriebenen Rundgängen vielfältiges Hintergrundwissen.
Haben sich die Art Walks bewährt?
Absolut! Das Schöne ist, dass man den Galerienraum gleichermaßen wie den Stadtraum erkunden kann. Und wer viele Galerien sehen möchte, entdeckt dabei oft ganz nebenbei auch Quartiere, die er oder sie vorher noch nicht kannte. Davon profitieren dann meist auch Cafés oder Restaurants in der Umgebung. Dafür gibt es das schöne Wort „Umwegrentabilität“ – es beschreibt genau diesen Effekt, dass sich Umwege manchmal auf ganz eigene Weise lohnen, für die Besucher*innen ebenso wie für die Stadt.
Das ist ja immer so ein Vorwurf: Es geht vor allem um Kommerz…
Galerien sind sowohl Kultur- als auch Wirtschaftsbetriebe. Sie finanzieren Produktion, bauen Karrieren auf, vermitteln zwischen Künstler*innen und Öffentlichkeit und schaffen institutionelle Sichtbarkeit. Das muss natürlich finanziert werden, daher kann Kommerz nicht ausgeklammert werden. Seit Berlin keine eigene Kunstmesse mehr hat und das Geld für Kunst und Kultur zunehmend gekürzt wird, kommt dem Gallery Weekend eine noch stärkere Gewichtung zu: Es ist das wichtigste internationale Kunstereignis der Stadt und das zentrale Verkaufsmomentum für die Galerien. Gleichzeitig richtet sich das Gallery Weekend auch an ein allgemeines kunstinteressiertes Publikum, es senkt Barrieren und nimmt vielen die Schwellenangst, überhaupt in eine Galerie zu gehen.


Gibt es in Berlin gerade neue Galerien-Cluster oder ein Viertel, die Sie besonders beobachten?
Die Potsdamer Straße wächst weiterhin – dort sind es inzwischen 17 teilnehmende Galerien. Aber auch ein Ausflug nach Kreuzberg oder Moabit lohnt sich sehr, wo die Galerien weniger dicht beieinander liegen. Die Kunstproduktion verlagert sich hingegen eher in Räume in der Peripherie. Ateliers findet man nun zum Beispiel in Oberschöneweide oder Reinickendorf, wo man sich eben noch größere Studios leisten kann.
Hat die Kunst aus Berlin etwas typisch Berlinerisches?
Hmm, da muss ich nachdenken. Ich würde es so sagen: Berlin steht vor allem für Interdisziplinarität. Hochkultur, Clubkultur, Subkultur und Aktivismus – all das kann hier nebeneinander existieren und voneinander profitieren. Aus dieser Melange entsteht die besondere kreative Energie der Stadt. Vielleicht ist das „Berlinerisch“?
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Bei der Berlinale gab es zuletzt viele politische Kontroversen. Berührt das auch die Kunstwelt?
Kunst ist immer kontrovers und das ist auch gut so. Ausstellungen laden dazu ein, ins Gespräch zu kommen, und so versteht sich das Gallery Weekend auch als Ort für Diskussion, für Kunst- und Meinungsfreiheit, der unterschiedliche Stimmen und Ansichten zulässt. Verschiedene Konflikte haben aber auch Gräben in die Kunstwelt getragen, denen gilt es zu begegnen.
Wie wichtig ist Berlin als Produktionsort?
Über ein Drittel der Künstler*innen im diesjährigen Programm lebt in Berlin. Das ist wirklich besonders und spricht sehr für die Stadt. Die Nähe zwischen Produktion, Ausstellung, Diskurs und Markt ist ein echter Standortvorteil.
Ist das Gallery Weekend damit auch immer ein Showcase der Berliner Kunstszene?
Ja, das war es immer schon. Viele große Künstler*innen leben und arbeiten hier. Das ist ein wichtiger Motor für die Stadt und ihre Kunstszene. Zum Gallery Weekend gerät die ganze Stadt in Bewegung und wird zum Treffpunkt für Gäste aus aller Welt, Künstler*innen, Galerist*innen, Sammler*innen, Fachpublikum aus den Institutionen und ein breiteres, kunstinteressiertes Publikum. Und auch die Kunstinstitutionen zeigen in dieser Zeit spannende Ausstellungen.
Haben Berliner Künstler Allüren, oder begegnet dir so etwas nicht im Kunstbetrieb?
Im Theater, wo ich vorher gearbeitet habe, fand ich das deutlicher zu spüren. Im Kunstbetrieb bekomme ich Allüren weniger mit. Natürlich gibt es die eine oder andere Person, die im Umgang schwieriger ist, aber insgesamt erlebe ich die Szene als sehr professionell und kollaborativ.
Gallery Weekend Berlin, 1.–3. Mai. Allgemeine Öffnungszeiten: Fr., 18–21 Uhr, Sa., 11–19 Uhr, So., 11–18 Uhr. Alle Informationen unter gallery-weekend-berlin.de





