Ein bisschen Wiener Schmäh muss ab und zu dann doch mal sein. Also sind wir im Café Einstein Unter den Linden verabredet – guter Kaffee, freundliche Bedienung, Kaffeehaus-Atmosphäre. Authentischer noch sei es im Einstein an der Kurfürstenstraße gewesen, sagt Heinz Jirout. „Das ist nun leider geschlossen.“

Donnerstag
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Jirout ist Architekt und Stadtforscher. Und er ist gebürtiger Wiener. Für einen Studentenjob kam er 1982 nach Berlin und ist geblieben. Er hat an der Technischen Universität Berlin Architektur studiert und in den vergangenen Jahrzehnten an mehreren Denkmal-Projekten mitgearbeitet, die prägend sind für diese Stadt, wie der Preußische Landtag, das Alte Stadthaus, das GSW-Hochhaus und zuletzt das Neue Museum. Seit 2019 ist er bei der Tempelhof Projekt GmbH für die Koordination und Entwicklung der Denkmalprozesse an dem ehemaligen Flughafen verantwortlich.
Heimatgefühl in Berlin: Jirout entdeckt Geschichte und neue Anfänge
Wir hätten uns also auch auf dem dortigen Gelände treffen können. Jirout aber schüttelt den Kopf. Das sei ein singulärer Ort, das Drumherum noch nicht sein Kiez. „Dort bin ich noch nicht zu Hause“, sagt er. Im alten Zentrum Berlins schon eher. Deshalb will er lieber mit uns Unter den Linden entlang bis zur Museumsinsel spazieren. Hier kennt er jeden Stein und kann viel über die Geschichte einzelner Gebäude erzählen. Hier ist auch das Neue Museum, an dessen Restaurierung er jahrelang mitgearbeitet hat. „Damals hatte ich so einen Bauausweis, mit dem hätten wir jetzt überall hineingehen können.“ Ein bisschen Wehmut ist da zu hören, ein kleines Bedauern darüber, dass diese Zeit nun vorüber ist.
Was hält einen Österreicher in Deutschland? „Ich bin damals nach Berlin gegangen, nicht nach Deutschland.“ Jirout lacht. „1982 stand die Mauer noch, die geteilte Stadt, die hat mich interessiert. Dort zu leben, fand ich spannend.“ Wien und Berlin hätten zudem viel gemeinsam, „Beide Städte zehren von Geschichten, die es längst nicht mehr gibt.“ Er habe damals zunächst in der Nähe des Görlitzer Bahnhofs gewohnt. Als dort alles stillgelegt wurde, habe man Mitte der 1980er Jahre angefangen, einen Park anzulegen. „Dieser Umgang mit Geschichte gefällt mir, das ist typisch für Berlin“, sagt Jirout. Brüche und Neuanfänge lägen hier so dicht beieinander wie in kaum einer anderen Stadt.
Historische Gebäude: Jirout fordert flexiblere Regeln
Auf unserer Runde biegen wir jetzt von Unter den Linden in die Friedrichstraße ein, dann rechts in die Mittelstraße. Laufen vorbei an der Humboldt-Universität. Von hier aus können wir das neu aufgebaute Berliner Schloss sehen. „Ich war erst gegen diesen Wiederaufbau, inzwischen finde ich es aber richtig“, sagt Jirout. Er fühlt sich wohl in der historischen Mitte Berlins. Die städtebauliche Entwicklung hier hat ihn von Anfang an sehr interessiert.
Wir kommen auf den Umgang mit historischer Bausubstanz zu sprechen. „Um diese Gebäude zu erhalten, muss es möglich sein, an vielen Stellen stärker von den überbordenden Regeln abzuweichen“, sagt Jirout. Das beträfe auch das Flughafengebäude in Tempelhof. „Nicht alles sollte dort nach Schema F verlaufen, sonst kommen wir einfach nicht weiter.“ Seine Arbeit in Tempelhof betrachtet er dann doch als Lebensaufgabe und ist durchaus optimistisch. „Es wird klappen, es braucht nur seine Zeit.“
Flughafengebäude Berlin: Sanierung nur mit Investoren möglich
Das Gebäude müsse zunächst grundsaniert werden, so Jirout. An der Haustechnik sei seit den 1950er Jahren nichts mehr gemacht worden. In einem nächsten Schritt sollte das Entwicklungskonzept für das Flughafengebäude aktualisiert werden. „Wo werden wir in 20 Jahren sein? Welche Nutzung ist möglich? Wie gehen wir mit den Bestandsmietern um? Diese Fragen gilt es zu beantworten.“ Für Jirout ist klar, dass es bei der Entwicklung des riesigen Areals nicht ohne Partner gehen wird. Berlin habe das Gelände 1989 komplett übernommen. Für eine einzelne Stadt sei dieses Projekt aber viel zu groß. „Wir müssen Geldgeber überzeugen, mitzumachen, und zwar schnell, sonst wird alles nur immer teurer.“ Der Bund sei da gefragt wie auch private Investoren.
Wir sind an der Museumsinsel angekommen. Über Jahre hinweg hat Heinz Jirout an der Rettung und dem Wiederaufbau dieses Welterbes mitgewirkt. Für ihn sind die Säulen und Fassaden deshalb keine unnahbare Kulisse. Sie sind Zeitzeugen, denen er zum Weiterleben verholfen hat. Vor dem Neuen Museum bleiben wir stehen. Im Zweiten Weltkrieg stark zerstört, stand die Ruine des Gebäudes bis in die 1980er Jahre unverändert da. Einem Denkmal gleich, so Jirout. „Als Ruine haben wir es wieder aufgebaut.“ Wir blicken nach oben, wo die Spuren des Krieges jahrzehntelang wie offene Wunden klafften. Jirout hat Anteil daran, dass diese Wunden nun geheilt sind.
Restauration am Neuen Museum: Geschichte sichtbar statt rekonstruiert
Die Restauration eines Denkmals bestehe nicht darin, es wieder so aufzubauen, wie es einmal war, sagt er. „Uns ging es am Neuen Museum bei jedem Schritt um die respektvolle Sicherung und Ergänzung, nicht um die geschichtslose Rekonstruktion.“ Wichtig sei immer die Frage, worauf es einem ankomme, welche Geschichten man mit einem Gebäude erzählen wolle. Im und am Neuen Museum sei vieles nicht wiederhergestellt, sondern lediglich repariert worden und zwar so, dass es durchaus zu sehen ist. „Das Gebäude wurde wie ein Bild restauriert, aber nicht ergänzt, was inzwischen fehlte.“ Reparatur, sagt Jirout, sei nicht nur eine technische Notwendigkeit, sondern auch Ausdruck von Respekt gegenüber der gebauten Umwelt und ihrer Geschichte.
Wir schlendern nun durch die kleine Gartenanlage, die sich zwischen Neuem Museum, der Alten Nationalgalerie und dem Spreeufer befindet. Heinz Jirout bewegt sich hier mit großer Selbstverständlichkeit. Der Ort ist ihm vertraut. Auf den Bänken, die im Garten zwischen den Buchsbaumhecken stehen, hat er oft gesessen und Pause gemacht, als er hier noch gearbeitet hat. An einer Stelle deutet er auf ein Detail im Sockelbereich des Neuen Museums und macht uns auf die feinen Nuancen des mit farbigen Putzen imitierten Sandsteins aufmerksam. Die Auswahl des richtigen Materials und der Einsatz vergessener Techniken, das waren komplexe Aufgaben für ein riesiges Team, dem er angehört habe. Ein aufwendiger Prozess.
Vom Altbau zur Leidenschaft: Wie Jirout Denkmalschützer wurde
An dieser Stelle drängt sich die Frage auf, wie ein Architekt zum Denkmalschützer wird. Der Umgang mit Bestehendem habe ihn schon als Schüler interessiert, sagt Jirout. Er sei gern durch Wien spaziert, habe beobachtet, wie sich die Stadt entwickelt, was mit der alten Bausubstanz geschieht. Bevor er nach Berlin gewechselt sei, habe er dann in Wien zum ersten Mal eine Altbauwohnung renoviert. „Diese Erfahrung hat mich motiviert, an der Universität einen Kurs zu wählen, in dem es um Altbausanierung ging. Das bot mir die Möglichkeit, in verschiedenen Büros zu arbeiten, die beispielsweise für die IBA 87 tätig waren.“
Mit seiner Herkunftsfamilie habe seine berufliche Laufbahn jedenfalls nichts zu tun, sagt Jirout. Vater und Großvater seien Elektroingenieure gewesen und beide eher der Ansicht, das Alte müsse weg, müsse Modernem weichen. „Das war natürlich durchaus dem Zeitgeist geschuldet.“ In der Nachkriegszeit sei vieles abgerissen worden, auch in Berlin. „Das führte zu großen Verlusten in der Stadt.“ Jirout sagt das nicht ohne Bedauern. Ein Beispiel sei die Bebauung rund um den Moritzplatz. „Das sieht dort doch aus wie in der Vorstadt, dabei war das mal dichteste Stadt.“ Viele Gebäude seien den Feuerstürmen des Krieges zum Opfer gefallen, den Rest habe man später abgerissen, und zwar auf beiden Seiten der Mauer. Es gebe natürlich auch positive Beispiele wie das Sanierungsgebiet rund um die Danckelmannstraße in Charlottenburg. „Dort hat die ‚behutsame Stadterneuerung‘ in Westberlin angefangen.“
Wir gehen noch einmal rüber zur James-Simon-Galerie, dem modernen Eingang der Museumsinsel. Hier zeigt sich, wie dicht Altes und Neues beieinander liegen. Hier ist zu sehen, wie historische Bausubstanz und moderne Nutzung miteinander vereinbart wurden, ohne die Anforderungen des Denkmalschutzes außer Acht zu lassen. Dass das gelungen ist, ist nicht zuletzt Denkmalschützern wie Heinz Jirout zu verdanken.
Zur Person
Diplom-Ingenieur Heinz Jirout ist Architekt und Stadtforscher und seit 2019 bei der Tempelhof Projekt GmbH als Denkmalkoordinator für die Koordination und Entwicklung der Denkmalprozesse am Flughafen Tempelhof verantwortlich. Neben einem Lehrauftrag an der Technischen Universität Berlin war der gebürtige Wiener an zahlreichen Berliner Denkmal-Projekten wie Preußischer Landtag, Altes Stadthaus und Neues Museum sowie am GSW-Hochaus beteiligt.




