„Wir müssen leider draußen bleiben“: Früher klebten Ladenbesitzer an ihre Eingangstüren Sticker mit dieser Aufschrift – gegen unerwünschte Besucher auf vier Beinen. Mittwochmorgen senden Eltern in Berlin-Lichterfelde mit zwei Straßenabsperrungen dieselbe Botschaft. Hier aber an unerwünschte Besucher auf vier Rädern.
Väter und Mütter der Athene-Grundschule haben rund 150 Meter Fahrbahn zur Schulstraße gemacht. Von halb acht bis acht. Absperrungen sind errichtet gegen unbelehrbare Mütter und Väter in ihren „Elterntaxis“. Es ist ein Hilferuf in Richtung Bezirksamt Steglitz-Zehlendorf sowie Senatsverkehrsverwaltung.
Eltern fordern mehr Sicherheit und Tempo 30 auf Schulwegen
Wogegen sie sich wehren, ist eine Ansammlung von Gefahrenlagen, die ihre Kinder auf ihrem Schulweg durchwandern müssen. „Das fängt“, sagt Diana Dähnel, „an der Straße Unter den Eichen, Ecke Drakestraße an: Fußgänger haben dort zeitgleich mit Abbiegern aus Richtung Steglitz und aus Richtung Zehlendorf Grün. Warum muss das so sein?“

Die Mutter eines zehnjährigen Sohns zählt zu den Organisatoren dieses Morgens, der Schulweg-AG der Athene-Grundschule. Die Arbeitsgemeinschaft hat sechs Kernforderungen, die auch an das Bezirksamt gegangen sind: mehr Sichtbarkeit der Schule, mehr Übersichtlichkeit an den Kreuzungen in direkter Nähe, vor allem an der Ecke Curtiusstraße, Kadettenweg, Köhlerstraße.
Temporäre Schulstraße zeigt, wie Kinder sicher an der Athene-Schule ankommen könnten
Die Väter und Mütter wollen zusätzliche Querungshilfen, eine kinderfreundliche Fahrradinfrastruktur und durchgängig Tempo 30 auf der Drakestraße. Schließlich, entsprechend der von Dähnel kritisierten Situation Unter den Eichen/Drakestraße: alleinige Grünphasen für Fußgänger an Ampeln entlang der Schulwege.
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Unmittelbar vor der Schule verdichten sich die Gefahren. „Kurz vor Schulbeginn wird es hier kriminell“, sagt Nicolas Rode, Vater eines Schülers und einer Schülerin. Eltern parkten vor der Schule, während ein paar Handbreit entfernt Kinder über den Zebrastreifen liefen, sagt er. „Ich mach ganz schnell!“, laute deren Standardentschuldigung gegenüber jedem, der dann böse gucke, fügt Diana Dähnel hinzu. Gegenüber parkt indes eine abgehetzte Mutter in der Feuerwehrzufahrt und hastet mit ihrem Kind zum Schuleingang.
Kinder kämpfen auf dem Gehweg um Platz zwischen Autos und Fußgängern
In der engen Curtiusstraße entstehe morgens regelmäßig Stau, sagt Rode. So wie jetzt, jenseits der Absperrung. Ein Vater wendet spektakulär seinen schwarzen SUV. Hinter ihm stehen die Wagen plötzlich bis zur Drakestraße. „Bei Stau fangen die Leute irgendwann an, zurückzuziehen“, sagt Dähnel.

Auf dem Bürgersteig kommen sich Kinder auf Rädern mit Kindern zu Fuß in die Quere. Denn auf der Straße zu radeln, wagt während des Morgen-Irrsinns niemand. „Ich würde ja gern dort fahren, aber es ist zu voll“, sagt der zehnjährige Ilai. „Bei den vielen Autos traut man sich nicht“, erklärt die ebenfalls zehn Jahre alte Johanna. Manchmal wird auf dem Fußweg eingeparkt, während die Schüler vorbeilaufen.
Dabei könnte man in der Nähe gut parken
Obwohl die Verkehrsanbindung mit Bussen und Linie S1 gut ist, kommen viele Eltern mit dem Auto. Das hat auch mit einer Besonderheit der Schule zu tun. Sie besteht aus dem Regelschulbereich und der Staatlichen Europa-Schule Berlin. Dort wird in Deutsch und Griechisch gelernt.

Einzugsgebiet ist ganz Berlin. „Da kommen viele mit dem Auto“, sagt Mutter Simone Grellmann. „Ich selbst würde meine Kinder gern allein losschicken. Aber ich habe Angst.“
Eltern testen mit Unterstützung der Polizei sichere Schulstraße
An anderen Schulen, etwa der Schweizerhof Schule in Zehlendorf, fordern Eltern sogenannte Kiss-and-Go-Zonen vom Bezirk. Vor der Athene-Grundschule besteht gar keine Not an Halteplätzen. Zu Lidl, Alnatura und dem Bahnhofsbereich Lichterfelde West, so Diana Dähnel, gehören in der Nähe große Parkplätze, auf denen man sich morgens entspannt verabschieden kann.

Immerhin: An diesem Mittwochmorgen ist der Stress im Bereich vor der Schule fortgefallen. Dank der temporären Schulzone. Polizisten hatten den Straßenabschnitt gegen 7.30 Uhr für die angemeldete Aktion dichtgemacht. Absperrungen kamen an die Ecke Kadettenweg/Curtiusstraße und ans andere Ende vor den Schulbereich. Sogar ein Abschleppwagen erschien, um ein Auto aus jenem Parkverbot davonzubefördern. Ein sichtbarer Erfolg für die Eltern. „So etwas haben wir noch nie erlebt“, sagt Diana Dähnel ungläubig.
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Wenige Minuten vor Schulbeginn tanzen sie dann sogar auf der Curtiusstraße. Ein Dutzend Schülerinnen dreht sich nach griechischer Tradition zu einem Klassiker von Mikis Theodorakis. Ein Folklorestück über ein Mädchen folgt, das kühn ankündigt, sich zukünftig nicht mehr alles bieten zu lassen. Die Eltern der Athene-Grundschule haben an diesem Morgen gezeigt, dass auch sie bereit sind, sich zu wehren. Jetzt sind Bezirk und Senatsverkehrsverwaltung am Zug.




