Der Spitzenkandidat singt. Und zwar das Biene-Maja-Lied. Es ist ein kalter Samstagmorgen im Februar, als Werner Graf im großen Saal eines Neuköllner Kongresshotels ans Rednerpult tritt. Die Reihen sind noch leer. Der Parteitag, auf dem die Grünen ihr Wahlprogramm beschließen, beginnt in einer Stunde. Graf soll den Ton testen – und beginnt zu singen.

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„Und diese Biene, die ich meine, die heißt Maja. Kleine freche, schlaue Biene Maja.“ Als er zum nächsten, lang gezogenen und eine Oktave höheren „Maaaaja“ ansetzen will, ruft eine Mitarbeiterin lachend: „Stoooopp, das reicht.“ Der Tontechniker hebt einen Daumen. Aber trifft Graf auch den richtigen Ton in diesem Wahlkampf?
Werner Graf im Wahlkampf: Man hört ihn kaum
Es bleibt nicht das letzte Mal, dass er singt. Drei Monate später, Anfang Mai, wartet er auf ein Taxi, mit dem es zum Technischen Hilfswerk (THW) gehen soll. Wir plaudern und kommen auf die Frage, welchen Prominenten er gerne mal treffen würde. Nach kurzem Überlegen weiß er es. Inga Humpe, die Sängerin von „2raumwohnung“. Graf stimmt ihren größten Hit an: „36 Grad und es wird noch heißer.“ Zwei Stunden später steht er beim abschließenden Gang über das THW-Gelände plötzlich neben einem Fliederstrauch. Spontan singt er für die Runde einen alten Schlager: „Wenn der weiße Flieder wieder blüht, sing ich dir mein schönstes Liebeslied.“
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Man könnte jetzt denken, Graf sei ein Mann für die große Show. Das ist er nicht. Ein sympathischer, oft gut gelaunter Politiker, ja. Aber kein Kandidat für die erste Reihe. Wochenlang ist er durch die ganze Stadt getourt, hat auf Podien gesessen, in Fußgängerzonen gestanden und Videos für Instagram gedreht. Er bleibt der Unbekannteste unter den Spitzenkandidaten. In einer hypothetischen Direktwahl bekäme er laut einer RBB-Umfrage nur vier Prozent der Stimmen.
Ob er den richtigen Ton trifft, ist also gar nicht so leicht zu beantworten. Man hört ihn kaum.
Grünen-Spitzenkandidat will Berlin pragmatisch statt visionär gestalten
Bei einer von der Berliner Morgenpost im August veranstalteten Spitzenrunde soll er sagen, woran man am Ende der kommenden Legislatur erkennen würde, dass er und die Grünen regiert hätten. Von so einer Frage darf sich kein Spitzenkandidat überraschen lassen. Die zentrale Wahlkampfbotschaft muss jetzt präsentiert werden. Klar und deutlich.
Graf sagt Folgendes: „Ich fände es gut, wenn wir zu einer Politik gekommen sind, die den Leuten nicht nur immer Wunder verspricht und davon nichts hält, sondern tatsächlich mal ansetzt, dass wir Berlin reparieren.“ Funktionierender Alltag statt großer Vision. Vielleicht auch: Funktionalismus als Vision. Auf jeden Fall hätte der Satz hier gut zu Ende sein können.

Der grüne Spitzenkandidat redet aber weiter. Er kommt von Hochschulen, die in sich zusammenfallen, auf sanierungsbedürftige Krankenhäuser und Schulen. Irgendwann unterbricht ihn die Moderatorin. Er kontert sofort: „Ich habe noch keinen Punkt gesetzt, das waren lauter Kommas.“ Das Publikum lacht, und Graf kann versuchen, noch abzurunden. „Ein Berlin, das klimagerecht, bezahlbar, und frei ist – und das repariert wird.“
Der Eindruck aber bleibt. Es wirkt zuweilen, als habe Graf zu viel zu sagen. Und als ob er es am liebsten alles gleichzeitig täte. Was zu bedenken ist, was dafür und was dagegen spricht, wie die Lösung trotzdem aussehen könnte. Es sprudelt dann nur so aus ihm heraus – und so mancher Satz endet im Nirgendwo. Vielleicht liegt in dieser Schwäche aber auch seine größte Stärke. Wo andere zuspitzen, bildet Graf Relativsätze. Sein politisches Angebot lautet: Kommas, statt Ausrufezeichen. Während aus der Partei zu hören ist, dass so mancher Grüne nach dem Vorbild der Linken gerne mit mehr polemischer Konfrontation arbeiten würde, vertritt Graf einen moderierenden und ausgleichenden Ansatz.
„Das Wesen der Demokratie ist der Kompromiss“
Als die möglichen Koalitionspartner eines rot-rot-grünen Bündnisses im August auf einmal beginnen, rote Linien bei der Frage zu ziehen, ob große Wohnungskonzerne in Berlin vergesellschaftet werden sollen (die Linken: ja, die SPD: nein), wird auch er gefragt, wie er es mit der Enteignung hält. Was folgt, ist ein typischer Graf.
Einerseits bekennt er sich zum erfolgreichen Volksentscheid. Andererseits will er keine roten, sondern, wie er sagt, „grüne“ Linien ziehen. Soll heißen: das Verbindende, statt das Trennende betonen. Man kann das für einen weichgespülten PR-Satz halten. Es steckt aber mehr dahinter. Was genau, verbirgt sich in noch so einem unscheinbaren Graf-Satz. Er lautet: „Das Wesen der Demokratie ist der Kompromiss.“ Ein Satz wie eine Selbstverständlichkeit. Er beginnt aber überraschend zu werden, wenn man bedenkt, wo Grafs politische Heimat liegt.
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Geboren ist der 45‑Jährige in der Oberpfalz. Man hört ihm die Herkunft noch an. Sie lässt aus der „Wurst“ die „Wurscht“ werden. In Bayern hat er die Grüne Jugend mitbegründet, später war er ihr Bundessprecher. Graf war persönlicher Referent von Claudia Roth und Vorsitzender der Partei in Berlin. Aktuell ist er Chef der Fraktion.
Sein Heimatverband in Berlin ist Friedrichshain-Kreuzberg. Die Kreuzberger sind der am weitesten links stehende Bezirk innerhalb eines Berliner Landesverbandes, der für Grünen-Verhältnisse schon immer weiter links steht als die Partei im Rest der Republik. Und Kritiker sagen: „Werner Graf verkörpert Kreuzberg.“ So hieß es vom pragmatischen Flügel im Sommer 2025, nachdem er als Spitzenkandidat präsentiert worden war. Über ein Jahr später ist davon nichts zu hören. Weil die Wahlkampfreihen geschlossen sind. Vor allem aber, weil Graf keine Angriffsfläche bietet.
Grünen-Spitzenkandidat Graf setzt im Wahlkampf auf Zurückhaltung
Die Grünen haben sich auf einen Drahtseilakt eingelassen: links im Programm, moderat im Ton. Die Partei bekennt sich zum Volksentscheid für eine Vergesellschaftung großer Wohnkonzerne. Besonders dreiste Vermieter sollen vom Markt ausgeschlossen werden. Mit spitzen Wahlkampfforderungen hält Graf sich aber zurück. Sein Kandidatenplakat ziert eine Negativ-Botschaft: „Keine Versprechen“.
Noch im Wahlkampf 2023 hatte er – damals als Fraktionsvorsitzender – angekündigt, die Zahl der Parkplätze in Berlin um die Hälfte zu reduzieren. Ein Fehler, wie er mittlerweile sagt. Politik könne nicht gegen die Menschen gemacht werden, sondern nur mit ihnen. Dieser geläuterte Ton ist bei seiner Partei aktuell schwer in Mode. Dass die Grünen moralisierende Besserwisser wären, sei zwar überzogen, würde aber „einen wahren Kern“ treffen, gab Parteichef Felix Banaszak im März zu. Seiner Partei empfahl er, Kulturkämpfe zu meiden.

Graf stimmt mit seiner sanften Melodie von den grünen Linien also in einen bundesweiten Chor ein. Dass ihn diese Noten in die nächste Regierung tragen, gilt als ausgemacht. Es gibt absehbar keine Regierungsoption ohne die Grünen. Aber tragen sie ihn auch als Regierungschef ins Rote Rathaus?
Der grüne Ministerpräsident von Baden-Württemberg, Cem Özdemir, sagt im September, bei einem gemeinsamen Auftritt mit Graf, er würde sich freuen, „wenn die Grünen der nächsten Landesregierung angehören.“ Der neben ihm Stehende muss verdutzt daran erinnern, dass er nicht nur in die Regierung, sondern auch deren Chef werden will. Bei aller Zurückhaltung schien Özdemir das vergessen zu haben.
Ausgleichende Kraft zwischen polarisierten Fronten
Wenn in Berlin die Sorge um die Demokratie nach dem starken Ergebnis der AfD in Sachsen-Anhalt zwei Wochen vor der Wahl zunimmt, könnte sich Grafs moderierender Gestus auszahlen. Zwischen den polarisierten Fronten von CDU und Linken, die beide ein Interesse daran haben, die Wahl zur Richtungsentscheidung zu stilisieren, positioniert er seine Grünen als ausgleichende Kraft. „Diese Stadt muss wieder zusammengeführt werden“, sagt er.
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Es ist schwierig, mit leisen Tönen im Wahlkampf durchzudringen. Für die Koalitionsverhandlungen bringen sie die Grünen in eine Machtposition. Graf macht zwar keinen Hehl aus seiner Präferenz für eine Zusammenarbeit mit der Linken. Aber was ist, wenn der Wunschpartner seinen Antisemitismus-Streit nicht unter Kontrolle bringt und die Zweifel am Regierungswillen bleiben? Dann wird man auch nach „grünen“ Linien mit der CDU suchen.
Das Wesen der Demokratie ist der Kompromiss. Auch für die neuerdings so zurückhaltenden Grünen bleibt aber jener Kompromiss der beste, bei dem man selbst am meisten gewinnt.












