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1931 wurden aus Berlins berüchtigtsten Kriminellen waschechte Filmstars: Der Boss eines Gangstervereins verschaffte sich nicht nur selbst eine Rolle als Berater in der Filmproduktion von „M“, sondern nahm auch seine Verbrecherbande mit ins Boot. Das Resultat: ein voller Erfolg. Die neue Folge unserer True-Crime-Serie „Das dunkle Berlin“ rollt den Fall noch einmal auf.

Wohl nie tummelten sich im beschaulichen Staaken am Westrand Berlins so viele Klein- und Großkriminelle versammelt, wie von Januar bis März 1931. Zwei Dutzend schwere Jungs tanzten dort, in den Zeppelin-Hangars, jeden Morgen an, gingen ihrer Arbeit nach, kassierten ihre Stundengelder, und fuhren abends wieder nach Hause. Das Kuriose: Sie versammelten sich dort nicht, um ihren nächsten Coup zu planen, sondern standen vor der Kamera.

Muskel-Adolf hatte ihnen den Job besorgt. Mit bürgerlichem Namen hieß er Adolf Leib, war der Boss eines Gangstervereins, des bekanntesten der Stadt, der seinerzeit rund um den Schlesischen Bahnhof (heute Ostbahnhof) aktiv war. Er hatte mitbekommen, dass Fritz Lang – damals einer der bedeutendsten Filmemacher überhaupt – einen Krimi drehen würde. Und in genau dem wollte er seine Männer unterbringen.

Aus unserer True-Crime-Serie „Das dunkle Berlin“

Verbrecher als Filmstars: Muskel-Adolf besorgte seinen Kumpanen die Rollen

Doch auch der Verbrecher-Boss selbst wollte etwas vom Kuchen abhaben. Also wurde Muskel-Adolf als „Berater“ engagiert, seine Kumpanen als Komparsen, als Gangster in Szene gesetzt, als die „Guten“. Denn die Hauptfigur im Film „M“ war ein Kindermörder, und den brachten sie, die Unterwelt, zur Strecke. Der Film wurde ein Riesenerfolg, wird bis heute oft als einer der besten Filme aller Zeiten aufgelistet.

Das war ganz nach dem Geschmack der Berliner Gangster: Als Edelganoven, so wollten sie gesehen werden. Tatsächlich waren viele von ihnen in dieser Zeit, nachdem sie sich in den 1920er Jahren einen Namen gemacht und Respekt verschafft hatten, in den besten Kreisen Berlins unterwegs. Die Reichen, Schönen und Mächtigen umgaben sich – nicht ganz uneigennützig – gern mit ihnen. Organisiert war Berlins Unterwelt damals in „Ringvereinen“, wobei es aber nicht um den Sport ging: Die Mitglieder trugen als Erkennungsmerkmal einen Siegelring. Leibs „Immertreu“ war eine der bekanntesten solchen Vereinigungen.

True Crime Das dunkle Berlin Fritz Lang
Fritz Lang gehört bis heute zu den bedeutendsten deutschen Filmemachern.© IMAGO | Kharbine-Tapabor

Schutzgelderpressung? Fritz Lang holte die Ganoven lieber ans Set

Fritz Lang hatte dem Ganoven-Casting nicht ganz freiwillig zugestimmt. Aber ihm, der lange genug in Berlin lebte, war klar: Was Muskel-Adolf wollte, bekam er. Schließlich finanzierten sich der Verein und die Mitglieder nicht nur durch Frauen- und Drogenhandel, illegale Glücksspiele, nach wie vor auch durch ganz profane Einbrüche aller Art – vor allem aber durch routinierte Schutzgelderpressung. Und wer Gaststätten, Kinos, Hotels oder Kaufhäusern unbehelligt den eigenen „Schutz“ aufschwatzen konnte, gegen „Aufwandsentschädigung“ versteht sich, dem würde dies bei einer teuren und verwundbaren Filmproduktion allemal gelingen.

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Bis heute erfreuen sich die Ringvereine aus den wilden 1920er-Jahren mit ihren klangvollen Namen eines „berühmt-berüchtigten“ Rufes. Auf den rauschenden Bällen und Empfängen der Vereine trafen Vertreter der oberen Zehntausend die Spitzen der Unterwelt. Die Reichen und Schönen tanzten mit Tod und Teufel, erfreuten sich mancher Deals, günstiger Lieferungen exklusiven Goldschmucks, Kaviars und Champagners. Weshalb sie, als beste Kunden, auch keine Angst vor Villen-Einbrüchen haben mussten, und dafür bei den „Leuten vom Fach“ wiederum manche Abrechnung oder Inkassodienste in Auftrag gaben.

True Crime Das dunkle Berlin Fritz Lang

Gute Miene zum bösen Spiel: Gruppenfoto des Ringvereins „Immertreu“ aus dem Jahr 1928.

True Crime Das dunkle Berlin Fritz Lang Bild: © Polizeihistorische Sammlung Berlin | -

True Crime: Berlins „Ringvereine“ waren Teil der High Society

Man kannte sich. Die Staranwälte der Stadt waren dabei mittendrin, wie auch Polizeipräsident Karl Zörgiebel, der seine Tête-à-têtes offiziell als „halboffizielle Fühlung“ bezeichnete. Und der meist seinen besten Kommissar Ernst Gennat, heute bekannt aus der TV-Serie „Babylon Berlin“, mitbrachte – für „inoffizielle Fühlung“. Höhepunkt der Gangster-Galas stets, wenn irgendein bekannter Kriminaler nach dem Taktstock griff, die Kapelle dirigierte und die Puppen tanzen ließ.

Es war dem bis heute von einem gewissen gruseligen Charme umgebenen Ruf dieser Szene sicher nicht abträglich, dass es am Ende die Nazis waren, die den Spaß beendeten, als sie nach 1933 alle Ringvereine verboten. Adolf Leib und andere Gangsterbosse verschwanden im KZ. Die Ringvereine hatten – wenigstens nach außen – durchaus soziale und resozialisierende Ansprüche, seit 1890 der „Reichsverein ehemaliger Strafgefangener“ als erster in Berlin gegründet worden war. In einer Welt noch ohne staatliches Kümmern um entlassene Gefängnisinsassen, reklamierten die Vereine den Anspruch, diese Klientel solidarisch zu unterstützen. Offiziell, damit sie nicht gleich wieder in die Kriminalität abdriften mussten.

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„Ringvereine“ unterstützten Familien – mit Geld aus fragwürdigen Quellen

Das Kümmern blieb. Aber die Art, wie das passierte, änderte sich, als nach und nach viele solcher Vereine aus dem Boden sprossen und sich als „Ringvereine“ präsentierten. Zugrunde lag der Bewegung der Gedanke, dass das Leben eines „Berufsverbrechers“ in seinen Höhen und Tiefen oft extremen Schwankungen ausgesetzt ist, deren Folgen fürs private Leben man ausgleichen wollte. Finanziert wurde das Ganze mit Geldern, die aus den verschiedenen Verbrechen – vor allem Schutzgelderpressungen – aber auch aus Mitgliederbeiträgen stammten.

Damit wurden Familien unterstützt, deren Ernährer gerade im Gefängnis oder Zuchthaus saß. Oder er selbst über den Tag der Entlassung hinaus, bis man selbst wieder Arbeit gefunden hatte. Auch hierbei halfen die Vereine mit ihren – einseitig – „guten Beziehungen“ ins Gast- und Vergnügungsgewerbe. Irgendwo hinterm Tresen, an der Eingangstür, zur Not auf den Toiletten, war immer jemand unterzubringen.

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Das dunkle Berlin: True Crime aus der Hauptstadt

In ihrer Anfangszeit sorgte die Berliner Morgenpost mit der Erfolgsserie „Über das dunkle Berlin“ für Aufsehen. Nun knüpfen wir daran an – und berichten über die aufsehenerregendsten Verbrechen der Stadt. Unsere True-Crime-Serie: Das dunkle Berlin.

Die Vereinsbosse gaben an, mit ihren Ehren-Codices, die die eigene Klientel ansprachen, aber auch die Gesellschaft. Einerseits musste jeder, der sich um Mitgliedschaft bewarb, mindestens zwei Jahre Zuchthaus vorweisen können. Andererseits: In fast populistischer Attitüde schlossen sie Mörder und Sexualverbrecher von vornherein aus. Mit ihnen wollte man nichts zu tun haben. Tatsächlich half man nicht nur im Film, solche Täter zu fassen, was Zörgiebel und Gennat die Kontaktpflege vertretbar machte. Als ehrenvoll verkaufte man es auch, dass die Vereine den Familien ihrer einsitzenden Kollegen nicht nur finanziell halfen, sondern zudem – im Zweifel durch unangemeldeten Besuch – die Treue der Ehefrauen kontrollierten.

Gepflegt wurde nebenher auch eine strikte Kleiderordnung: Nicht nur auf ihren großen Festen, vor allem bei den allfälligen Begräbnissen ihrer Mitglieder galt Frackzwang. Ohne Zylinder konnte sich dort keiner blicken lassen. „Feine Herren“ aller Widersprüchlichkeit.

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Eine Szene aus dem Film „M“ mit den Berliner Ganoven als Statisten.© picture alliance | Everett Collection

Aktenvernichtung als letztes Mittel

Natürlich arbeitete die Polizei nicht mit allen Gangstern der Stadt zusammen, im Gegenteil. Wie auch Muskel-Adolf und seinesgleichen ihre undurchsichtigen Geschäfte keinesfalls einstellten. Kripo-Chefermittler Gennat, der in den 1920er-Jahren bei der Kriminalarbeit sensationelle Aufklärungsquoten erzielte, hatte mehr als genug zu tun. Wobei seine Leute bei einzelnen ihnen nützlichen Ringvereinsmitgliedern durchaus ein Auge zudrückten. Es sei denn, sie oder ihr Fußvolk hatten es mal wieder zu weit getrieben.

Das passierte regelmäßig dann, wenn die Ringvereine zum letzten Mittel griffen: kompletter Aktenvernichtung. Immer wieder platzten im Kriminalgericht morgens, nachdem sich das hohe Gericht und die Angeklagten versammelt hatten, ganz unvermittelt Termine, weil der Justizbote mit der Nachricht kam, es seien alle Akten zum Fall verschwunden. In Moabit unterhielten die Ringvereine eine regelrechte Aktenvernichtungsabteilung, bestehend aus geschmierten Büroboten und gekauften Juristen.